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Editorial

Eine Lichtgestalt leuchtet weiter

Meistens kräht kein Hahn, wenn ein Spitzenmanager abmontiert wird. Bei Horst Pirker ist das anders.

Die Geschichte liegt bereits einige Jahre zurück und sie passierte unbemerkt für die Öffentlichkeit. Hans Dichand saß mit seiner Familie am Frühstückstisch und zählte wieder einmal seine Feinde durch. Wie lang diese Liste war, ist nicht überliefert, sehr wohl aber, wer sie anführte. „Pirker ist unser gefährlichster Feind“, warnte der Alte, „auf ihn müssen wir aufpassen.“ Mit dieser Einschätzung, oder sollte man besser sagen Wertschätzung, war Dichand nicht allein. Wo immer man in den vergangenen Jahren im Ausland auf Verleger oder Medienmanager traf, wurde Horst Pirker oft und sehr schnell zum Inhalt des Gespräches. Neugierig wurde man als österreichischer Medienjournalist ausgefragt, ob man etwas darüber erzählen könne, was der Chef der Grazer Styria gerade plane und wie sich seine Projekte entwickeln. Wie ehemals Eugen Russ hat Pirker die Aufmerksamkeit einer ganzen Branche auf sich gezogen – weit über den deutschen Sprachraum hinaus.

Selbst härteste Mitbewerber sahen Pirker als eine Lichtgestalt. Sie erkannten und respektierten, dass er weit voraus war, dass er problemlos kühne Visionen mit bodenständigem Handeln verbinden konnte und daraus Neues schöpfte.

Mit diesem scheinbar einfachen Rezept hat Pirker in wenigen Jahren aus dem verschlafenen katholischen Grazer Medienamt einen modernen, internationalen Medienkonzern gestaltet. Ein Konzern, der in Österreich selbst einem Hans Dichand Sorgen bereitete und in Südosteuropa locker den WAZ-Konzern in Schach hielt. Man hatte allerdings nie den Eindruck, dass Horst Pirker gegen jemanden etwas machte, nicht gegen Personen, nicht gegen Unternehmen. Ihm ging es ausschließlich um die Zukunft der Styria, aber mehr noch um die Zukunft der Medien, unserer gesamten Branche. Ich kenne niemanden, der sich so viele Gedanken über unser Morgen und unsere künftige Existenz machte. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass Pirker in dieser ewigen Suche nahe daran war, selbst zu zerbrechen. Wo andere längst aufhörten zu fragen, vielleicht weil die Gegenwart noch keine Antworten kennt, hat Pirker weiter gefragt, immer weiter.

Wie wir heute wissen, hat Pirkers enormes Arbeitstempo und seine Gestaltungswut den Aufsichtsrat der Styria AG gespalten. Jene auf Pirkers Seite waren zuletzt eindeutig in der Minderheit. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: War es die Missgunst einiger in die Jahre gekommener, eitler Herren? War es deren Unfähigkeit, den Umbruch unserer Branche zu erfassen, den Visionen Pirkers zu folgen? Oder eine Mischung von allem? Wir werden es nie erfahren. Die Zäsur war ohne Zweifel 2009. Die gescheiterte Fusion mit der Moser Holding hat Pirker persönlich viel Kraft gekostet, ihn selbst auch dünnhäutig gemacht, und vermutlich auch seine Gegner im Aufsichtsrat gestärkt.

Ein Aufsichtsrat, der auf Pirkers Seite stand, versuchte noch im Sommer eine Versöhnung der zerstrittenen Lager – und scheiterte. Der Rest ist bekannt: Pirker gab auf und ging. Unerwartet schnell. Selbst seine Sekretärin wusste bis zum Tag der Entscheidung nichts. Mehr als 400 Briefe hat der Styria-Chef in den folgenden Tagen erhalten, viele davon „Liebesbriefe“, wie er heute sagt, obwohl er erst wenige davon geöffnet hat. Er war selbst überrascht, welches Echo sein Abgang im Styria-Team ausgelöst hat, das in seiner Zeit auf mehr als 3.000 Menschen angewachsen war, in dem neben Österreichern nun auch Slowenen, Kroaten und Serben wirken.

Sie kennen den Spruch: Wer wenig arbeitet, macht wenig Fehler, wer mehr arbeitet …

Horst Pirker hat viel gearbeitet und er hat vieles richtig gemacht. Pirker ist berüchtigt für seine Sparwut und er hat viele damit genervt. Doch er hat nie allein die Zahlen im Auge gehabt. Pirker hat viel publizistisch zugelassen, Freiräume und Chancen für Journalisten gelassen oder gar erst eröffnet. Nicht nur in der „Presse“, deren Herausgeber er war, oder in der „Presse am Sonntag“, die er nicht stoppte, oder in der „Furche“, die ohne Pirker schon längst am Friedhof der Mediengeschichte wäre. Er hat viel Neues gegründet, Allianzen geschmiedet, Neuland betreten.

Horst Pirker hat die Styria nie als ein normales, zahlengetriebenes Wirtschaftsunternehmen geführt. In seinem Herzen ist Pirker ein Journalist. In seinem Wirken hat er für Journalisten Zukunft gestaltet und gesichert und noch ein Stück weiter gedacht, so auch einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft geleistet. Der „Journalist“ zeichnet ihn dafür als Medienmanager des Jahres aus und verbeugt sich vor einem außergewöhnlichen Visionär unserer Branche.

Dass der Aufsichtsrat der Styria seinen Vorstandsvorsitzenden hat ziehen lassen, ist zu respektieren, wenn auch nicht zu verstehen. Meistens kräht kein Hahn, wenn ein Spitzenmanager abmontiert wird. Bei Pirker ist das anders. Seine Zwangspause wird nur drei Monate dauern und eines gilt bereits als gesichert, er bleibt unserer Branche erhalten. Seit Oktober arbeitet er als Professor an der Universität Graz mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaft und Medien und in Kürze als … Lassen wir uns überraschen!

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 3 bis 7. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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