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Medien

Gefragt: Exklusivität und Eigenleistung

Von Christian Krebs

Der technologiegetriebene Trend geht klar in Richtung Apps für digitale Endgeräte – was bedeutet das für Redaktionen? Kommt das 24-Stunden-Informations-Dauerfeuer? Christoph Kotanko glaubt nicht daran – plant aber dennoch eine digitale Mittags- und Abendausgabe des „Kuriers“.

Ist es nun das viel besungene Goldene Vlies – oder doch nur ein weiterer Fleckerlteppich? Apps für digitale Endgeräte spalten die Medien-Branche – insbesondere die schon seit Langem krisengeschüttelten Verleger, die sozusagen die Krise (oder was sie dafür halten) in Permanenz erleben, als ganz normalen Daseinszustand, wie etwa Fußpilz – in Optimisten („Jetzt wird endlich wieder Geld verdient!“) und Pessimisten („Mein Gott! Das rettet uns auch nicht mehr!“).

Und dabei ist noch gar nicht ganz klar, wohin die Reise geht, denn im Gegensatz zu früher, als die Verlage den Produktionsweg ihrer Medien noch unter Kontrolle hatten und wussten, wie eine Druckmaschine funktioniert und was sie leistet und wie man den Verkauf und den Vertrieb organisiert, wissen sie heute nicht mehr, wie der Hase läuft: Technologiekonzerne werfen in immer schnellerer Folge immer „neuere und bessere“ Produkte und Verfahren auf den Markt – mit der Konsequenz, dass diejenigen, die diese verwenden wollen/können/müssen, um damit Geld zu verdienen, den Blick für den optimal einzuschlagenden Weg zu verlieren drohen. Denn sie wissen ja nicht, was nächstes Jahr, nächsten Monat oder nächste Woche wieder an „Neuerem und Besserem“ auf den Markt geworfen, was sich durchsetzen wird und was nicht, was also wirklich relevant und was zu vernachlässigen ist.

Diese Sorgen hat Christoph Kotanko, beim „Kurier“ jetzt für dessen digitale Zukunft zuständig, nicht wirklich, denn er hat sich längst entschieden: „Mobile Endgeräte wie das iPad mit ihren Zusatzprogrammen, den Apps, werden wichtiger, das zeigen alle Untersuchungen auf den Hauptmärkten USA und Asien oder in Europa. Und was heute eine Nische ist, ist morgen Normalität. Wir machen uns aber keine großen Illusionen, was Tablet-PCs und andere digitale Endgeräte betrifft, sie sind keine Allheilmittel und Wundertüten, aber ich bin optimistisch, dass sie sich à la longue durchsetzen werden. Und ebenso, dass damit mittelfristig auch in unserer Branche Geld verdient werden kann, wenn nur die entsprechenden journalistischen Angebote gemacht werden. Momentan haben wir ein Hardware-Problem – es gibt einfach noch zu wenig Geräte und dementsprechend zu wenig Leute, die sie nutzen. Aber in ein bis zwei Jahren könnte durchaus eine signifikante Zunahme zu verzeichnen sein, und viele haben ein iPad schon auf dem diesjährigen Weihnachts-Wunschzettel stehen.“

4,2 Millionen iPads setzte Produzent Apple heuer laut Reuters auf dem Markt ab, ungefähr 20 weitere Anbieter haben ebenfalls digitale Endgeräte der verschiedensten Art und mit unterschiedlichen Betriebssystemen angekündigt, aber zu sehen ist davon vorläufig nichts – es bleibt also abzuwarten, was und wie viel nach all den vollmundigen Ankündigungen dann letztendlich auch tatsächlich beim Konsumenten ankommt und was sich am Markt durchsetzen kann. Und noch auf einem ganz anderen Blatt steht, welche Angebote der Konsument schließlich nutzt. Kotanko jedenfalls ist überzeugt, dass Apple beim Thema digitale Endgeräte einen „uneinholbaren Vorsprung“ besitzt, was die Entwicklung und das Marketing betrifft – genauso wie er überzeugt ist, dass das Nebeneinander von Print, Online und Tablet-PCs noch „eine ganze Weile“ bestehen bleiben wird.

Digitale Mittagsausgabe

Dementsprechend plant er für die Zukunft – und realisierte jetzt eine zusätzliche Abendausgabe des „Kuriers“, die als iPad-App seit 2. November erhältlich ist. Ab Dezember soll es dann auch eine rein digitale Mittagsausgabe geben: „Sie wird aus den Ressourcen der Printredaktion und den News, die zwischen 7:30 Uhr und 12:00 Uhr einlaufen, gespeist werden, mit ereignisbezogenen Updates, und wird um 13:00 Uhr freigeschaltet.“ Die „Kurier“-App soll für 100 Tage 9,90 Euro kosten, danach werden verschiedene Abo-Modelle angeboten, natürlich auch ein Abonnement Printausgabe plus iPad-App.

Morgens also den „Kurier“ in der Bim, mittags und abends das digitale Tagesupdate – Kotanko ist überzeugt, dass dies funktionieren wird. Er hat sich dazu die intensiven Nutzungsphasen bei iPad-Usern angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass es drei Spitzenzeiten gibt: „Morgens zwischen sieben und acht erfolgt der erste Konsum, um die Mittagszeit herum wird das iPad ebenfalls stark genutzt und am späteren Nachmittag beziehungsweise am Abend gibt es noch einmal eine Spitzenzeit.“ Und diese drei Spitzen will er „bedienen“ – allerdings nicht durch eine 24-Stunden-Redaktion: „Wir haben zwar einen 24-Stunden-Dienst, aber keine 24-Stunden-Redaktion, und ein ununterbrochenes mediales Dauerfeuer wäre auch nicht sinnvoll – die Menschen machen schließlich auch eine ganze Menge anderer Dinge und hängen nicht andauernd am Informations-Tropf.“

Generell hält Kotanko den Medien-Kanal digitale Endgeräte für Magazine besser geeignet als für Tageszeitungen, denkt aber darüber nach, wie dem abzuhelfen sei: „Eine der großen Vorteile bei iPad und Co ist die Möglichkeit, Bilder und Videos opulent einzusetzen, und da befinden sich die Magazine im Vorteil, denn das Videoangebot für Tageszeitungen ist noch zu gering. Tageszeitungen müssen aktuell sein, da fällt es schwer, immer gleich das passende Video miteinzubinden. Außerdem sind News in den seltensten Fällen absolut exklusiv, es wachsen also die Ansprüche an die journalistische Arbeit bei Tageszeitungen, um exklusive Inhalte, etwa Meinungsbeiträge, zu erarbeiten. Aber da muss es um qualifizierte Meinungsbeiträge gehen, so wie es auch nicht reicht, einfach nur News zu bringen – sie müssen eingeordnet werden, es geht um Gewissheiten, um Glaubwürdigkeit und Einschätzung, im Grunde um die uralte Gatekeeper-Funktion, die Journalisten immer noch haben und sogar verstärkt wahrnehmen müssen, gerade in Zeiten des wuchernden Informationsüberflusses im Internet. Wir werden den Markt nur durchdringen können, wenn wir in Original-Inhalte investieren, in Original-Geschichten, Original-Kommentare, Original-Reportagen. Das Verwechselbare verliert – das Unverwechselbare gewinnt.“

Neben der journalistischen ortet Kotanko auch eine technologische Herausforderung durch die digitalen Endgeräte: Bis dato gibt es Apps nur für das iPad, andere Anbieter aber planen zumindest, auch Geräte mit anderer Software und anderen Betriebssystemen auf den Markt zu bringen. Was bedeutet, dass iPad-Apps im gegebenen Fall dann auch für Systeme wie Android, ChromeOS oder Windows 7 adaptiert werden müssen, will man auch die User dieser Geräte erreichen.

Kein Problem bei digitalen Endgeräten ist offenbar die Frage, ob die Konsumenten überhaupt bereit sind, für den gewünschten Content zu zahlen – in gewissem Sinne ein Paradoxon, denn während die Internet-User immer wieder Versuche abstrafen, im Internet auf Paid Content umzustellen (siehe die Fälle „New York Times“ oder auch die britische „Times“ und deren Schwester „Sunday Times“, die in diesem Sommer bei Unique Clients, Clicks und Verweildauer auf der Site regelrecht abstürzten), boomen Apps bei iPhones und Smartphones und eben auch beim iPad.

Der US-Autor Nicholas Carr nimmt daher als Motivation an, dass User einerseits bei Geräten wie Handys, Smartphones, E-Books, iPads oder anderen digitalen Endgeräten bereits an das Bezahlen einer Dienstleistung gewöhnt sind und andererseits durchaus bereit sind, für den einfachen und komfortablen Zugang auch Geld auszugeben – vorausgesetzt, der angebotene Inhalt ist für sie relevant und wichtig.

Einen weiteren Grund dafür, dass Paid Content auf digitalen Endgeräten eher akzeptiert wird als im Internet, sieht Christoph Keese (Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG, zuvor u. a. Mitgründer und Chefredakteur der „Financi
al Times Deutschland“ sowie Chefredakteur der „Welt am Sonntag“) in der Unkompliziertheit beim Bezahlen der bezogenen Dienstleistungen: „Beim Handy sind die Leute schon gewohnt zu zahlen – man denke an SMS, MMS oder Klingeltöne. Außerdem macht der App Store das Zahlen einfach, weil er unkompliziert funktioniert. Märkte im Internet sollten nicht mehr als einen Klick zum Kaufen brauchen, sonst werden sie nicht angenommen.“

Übrigens – Christoph Kotanko ist noch auf eine Zielgruppe gestoßen, die mit einer Printausgabe nicht erreichbar ist: „Mich interessieren die vielen Auslandsösterreicher, die ich über das iPad erreichen kann. Das ist eine potenzielle Zielgruppe, die auch wirtschaftlich sehr interessant sein dürfte.“

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 48 bis 51 Autor/en: Christian Krebs. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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