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Medien

Kein Kurswechsel

Von Engelbert Washietl

Das Duo Bretschko-Schweighofer beschwichtigt: Ein Kurswechsel ist bei Styria nicht geplant.

Die steirische Therme Loipersdorf ist nicht nur der Ort, an dem eine Koalitionsregierung überraschend schnell Budgetkompromisse findet. Auch die vielköpfige Führungsmannschaft der Styria Media Group versank Anfang Oktober aus methodischen Gründen zweieinhalb Tage lang in Wellness und hatte das nötig. In einer intensiven, nahezu endlosen Klausur versuchte die Mannschaft, sicheren Halt entweder zu bewahren oder zu erringen. Das langjährige Machtzentrum des Konzerns namens Horst Pirker hatte sich wenige Tage vorher aus dem Unternehmen verabschiedet.

„Das war“, erinnert sich ein Styria-Mitarbeiter, „wie wenn sich der Nordpol verschiebt und die Kompassnadel, die jahrelang die einzig mögliche Orientierung anzeigte, im Kreis wandert.“ Dieser Eindruck war umso beherrschender, als der völlig überraschende Rückzug des Vorstandsvorsitzenden in eine Kommunikationspanne ausartete. Die wenigen, die etwas wussten, wussten nichts zu sagen, und alle anderen – und dazu gehörten die doch nicht gerade einflusslosen Chefredakteure des Hauses Styria – tappten vollends im Dunkeln. Für Außenstehende wirkte es 24 oder mehr Stunden kurios, wie man in einem Medienkonzern, der das Know-how im Umgang mit Öffentlichkeiten gewissermaßen gepachtet haben müsste, den Wechsel der eigenen Führungsspitze sprachlos, aber nervös beobachtete.

Diese Schreckstunden sind vorbei, nicht zuletzt dank der Klausur. Darüber wird zwar auch viel Geheimniskrämerei veranstaltet, die Teilnehmer dürften aber zu dem Konsens gekommen sein, dass es Kontinuität in der Unternehmenspolitik gebe. Zumindest bis auf Weiteres. Das Führungsduo Wolfgang Bretschko und Klaus Schweighofer, das vor Pirkers formalem Abgang am 31. Oktober blitzartig ans Steuerruder gesetzt wurde, scheint vor dem anspruchsvollen Styria-Führungspersonal einen klugen Auftritt hingelegt zu haben. Jedenfalls diente die Präsentation zur Beruhigung beziehungsweise zur Beseitigung diverser Unsicherheiten. Das hat auch damit zu tun, dass sich Bretschko und Schweighofer im Labyrinth des verzweigten Konzerns ausgezeichnet auskennen. Beide gehörten mit Pirker dem Dreiervorstand an und werden den Konzern arbeitsteilig führen, wobei nicht auszuschließen ist, dass zeitlich mehr daraus wird als bloß eine Übergangslösung.

Bretschko ist für die Goldschätze des Unternehmens zuständig, in erster Linie also für die „Kleine Zeitung“ sowie den erst in Pirkers letztem Dienstjahr entstandenen Gratiszeitungsring Regionalmedien Austria (RMA). Er wird sich weiterhin auch den Dienstleistungsunternehmen widmen. Finanzen und Personalentwicklung gehören zu Bretschkos Ressort, er wendet sich als Sprecher an die Öffentlichkeit. Der Konstruktion nach wäre er also der Primus inter Pares, auch wenn eine derartige Kategorisierung vermieden wird.

Schweighofer führte bisher Styria International, also die konzerneigenen Medien in Slowenien, Kroatien und Norditalien. Zu dieser Verantwortlichkeit kommen jetzt die Medien dazu, die selbst aus Grazer Sicht nicht ganz als ausländisch empfunden werden: „Die Presse“, das „Wirtschaftsblatt“, „Die Furche“ und die in Wien ansässige Magazine-Gruppe Styria Multimedia. Styria-Buchverlag, „Börse Express“ und die Stabsstellen Business Development, Konzernkommunikation und Kompetenzzentrum Recht ressortieren ebenfalls bei Schweighofer.

Da sich Horst Pirker mit dem Aufsichtsrat und der Aufsichtsrat mit Pirker überworfen hatten, bis es einfach nicht mehr weiterging, liegt die Frage nahe: Auf welcher Basis verständigt sich das Duo Bretschko-Schweighofer mit dem Aufsichtsrat? Ob es da einen stillen, auf Langzeitwirkung angelegten Deal zwischen beiden Seiten gibt, wird sich erst allmählich abzeichnen. Es kann aber genauso gut sein, dass nach dem Blitzschlag vom 13. September („Pirker geht“) jede Lösung dankbar angenommen wurde, die den Absturz in ein Führungsvakuum verhinderte.

Der Geschäftsführer des Instrumente-Spezialisten Anton Paar GmbH, Friedrich Santner, ist Sprecher des Aufsichtsrates. Er beantwortet die Frage, ob Bretschko und Schweighofer die Dinge anders anpacken sollen als Pirker: „Horst Pirker hat eine sehr gute Aufbauarbeit geleistet und der Aufsichtsrat hat auch in die jetzige Führung volles Vertrauen. Es wird nicht besser und nicht schlechter sein, dazu ist der Zeitraum zu kurz, um das zu beurteilen.“ Der Aufsichtsrat habe keine „Strategie“ zur Ablöse des Vorstandsvorsitzenden gehabt. „Es hat früher drei Vorstände gegeben, Pirker ist ausgeschieden, jetzt gibt es zwei Vorstände. Man kann nicht sagen, dass der Aufsichtsrat in der Vergangenheit unzufrieden war. Es gibt das Strategieprojekt mit der Boston Consulting Group, die Ergebnisse werden präsentiert, evaluiert und daraus wird man ableiten, wie man in Zukunft weitermacht. So wie die drei Vorstände früher unser Vertrauen hatten, haben die zwei jetzt auch unser Vertrauen. Der wesentliche Einflussfaktor ist der Mensch. Natürlich werden die zwei Vorstände manches anders akzentuieren als es die drei vorher gemeinsam gemacht haben. Es wird aber keine massive Kurskorrektur vonseiten des Aufsichtsrates verlangt.“

Die zwei größten Medienkonzerne Österreichs – Styria und die von der „Kronen Zeitung“ dominierte Mediaprint – sind aus personellen Gründen in eine Orientierungsphase geglitten, die noch länger anhalten wird. Ein äußeres Zeichen beim steirischen Großverlag: Der Bau eines Styria-Medienzentrums in Graz wird „evaluiert“, ist also noch immer nicht beschlossen. Das ist zwar auch nichts Neues, denn das Projekt wurde schon vor der Wirtschaftskrise 2009 als realisierbar dargestellt und dennoch nicht begonnen. Aber jetzt wird sich der Aufsichtsrat zu einer brauchbaren Lösung durchringen müssen.

Als Sieger wirkt der Aufsichtsrat schon wegen der eher durch Stimmungslagen zwischen handelnden Personen denn rationale Absichten bewirkten Zerschlagung des gordischen Knotens nicht. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sich die Mitglieder des Gremiums kurz nach dem großen Knaller zu einem Katerfrühstück trafen: Was tun, wenn der Einzige, der eine Konzernstrategie nicht nur hat, sondern die personifizierte Strategie geradezu ist, den Hut nimmt? Schon kurz vor Pirkers Abgang war der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Herbert Gasser ausgeschieden, ohne dass Gründe zu erfahren waren.

Ein anderes Aufsichtsratsmitglied hätte mit einem ähnlichen Schritt dem Image des Unternehmens einen guten Dienst erweisen können: Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende der Kärntner Hypo Alpe Adria Bank und Chef der Grazer Wechselseitigen Versicherung (Grawe), Othmar Ederer, bereichert seit Kurzem die Liste jener Beschuldigten im Zusammenhang mit dem Hypo-Skandal, die man nur nennen darf, wenn man zugleich betont, dass für sie die Unschuldsvermutung gilt, was hiermit geschieht. Ederer hat Vorwürfe im Zusammenhang mit Vorzugsaktien zurückgewiesen, hätte aber doch mit Rücksicht auf Styria seinen Sitz im Styria-Aufsichtsrat ruhend stellen können, bis die Angelegenheit rechtlich bereinigt ist. Jetzt ist es für einen unauffälligen Rückzug zu spät. Denn am 28. Oktober las er so wie viele Steirer in der „Kleinen Zeitung“ die Titelüberschrift: „Grawe-Chefs unter den Hypo-Beschuldigten“. Text: „Die Liste an Beschuldigten im Ermittlungsverfahren Hypo Alpe Adria wird langsam, unübersichtlich‘. Nach einer Flut von – teils anonymen – Anzeigen werden mittlerweile mehr als 50 Personen als Beschuldigte geführt, darunter der Investor und ehemalige Hypo-Chef Tilo Berlin. Auch prominente Steirer finden sich auf der Liste, wie der langjährige Aufsichtsratspräsident der Hypo, der Chef der Grazer Wechselseitigen, Othmar Ederer, und sein Stellvertreter Siegfried Grigg.“

Weder der Aufsichtsrat noch das Duo Bretschko-Schweighofer machten bisher Anstalten, die große Linie de
r Styria-Unternehmenspolitik zu verlassen. Von beiden Seiten wurde das auch in der Klausur mündlich unterstrichen. Man könnte sich ja vorstellen – und solche Gerüchte kamen auch in Umlauf –, dass der 98,33-Prozent-Aktionär „Katholischer Medien Verein Privatstiftung“ plötzlich Werte an die Spitze des Prioritätenkatalogs der Styria-Medien stellen möchte, die Pirker aus verlegerischen Gründen dort nicht haben wollte: christliche Weltanschauung, Katholizismus, beides mit einer missionarischen Komponente. Aber nein, das sei nicht geplant und werde auch von niemandem verlangt. Ähnlich die internationale Expansion Styrias: Allein Schweighofers Vorstoß an die Führungsspitze zeige, dass daran nicht gerüttelt werde.

Dennoch, wenn Horst Pirker die Unternehmenspolitik nahezu im Alleingang vorgab, so müssen seine Nachfolger eine solche entwerfen. Da sind zeitliche Verluste möglich. Für Österreichs gesamte Medienlandschaft wäre es bedenklich, würde sich Styria ein paar Grad hinunter Richtung Mittelmäßigkeit bewegen, vielleicht bloß deshalb, weil dann die Atmosphäre zwischen Aufsichtsrat und Vorstand angenehmer wäre.

Bei der Auslotung der Unternehmenszukunft können sich beide Seiten eines Forschungsergebnisses bedienen, das Pirker um kolportierte 1,5 Millionen Euro eingekauft hat. Es stammt von der internationalen Unternehmensberatung Boston Consulting Group, die seit Jahresanfang für Styria ein Konzept über die Zukunft der Medien unter dem Arbeitstitel „Styria 2020“ entwerfen sollte und damit noch bis Jahresende beschäftigt ist. Ein Zwischenbericht liegt vor.

Mickrige Gewinne?

Man kann sich einige Kernthesen, die in der Studie eine Rolle spielen, an weniger als fünf Fingern abzählen. Erstens geht es gewiss um die digitale Zukunft, was aber noch nichts aussagt, denn auf dieses Problem sind schon viele andere Verlage in aller Welt aufmerksam geworden, ohne eine schlüssige Antwort gefunden zu haben. Zweitens werden die Unternehmensberater auf betriebswirtschaftliche Merkwürdigkeiten gestoßen sein, auch wenn diese nicht der Hauptgrund ihres Engagements gewesen sind. Nur so bekommen nämlich einige öffentliche Äußerungen, die Pirker nach seinem Abgang an mehreren Stellen deponierte, einen tieferen Sinn. So sagte er im „Standard“: „Das Investment in die, Presse‘ hält einer wirtschaftlichen Betrachtung sicher nicht stand; das möchte ich ganz offen zugeben.“ Mit anderen Worten: Bei Styria wird nicht nur Geld gemacht. Das fiel der Boston Consulting auf – deutlich beim „Wirtschaftsblatt“ und bei einigen Investitionen im benachbarten Ausland. Wenn der Konzerngewinn 2010 tatsächlich stolze 25 Millionen Euro ausmachen sollte, die „Kleine Zeitung“ dazu aber allein 18 oder 20 Millionen beisteuert, dann wird ein Consulter die Stirn über Asymmetrien in der Erfolgsstatistik runzeln und fragen: Alle anderen Mitglieder im gepflegten Serail in- und ausländischer Styria-Töchter schaffen gemeinsam nur mickrige fünf Millionen? Was machen sie sonst? Wenn Boston Consulting die Antwort konstruktiv formulieren will, kann diese nur lauten: In den nächsten Jahren muss auch für die „poor dogs“ der Styria-Familie eine tragfähige Perspektive entwickelt werden.

Sehr klar war auch das, was Pirker in einer Redaktionssitzung der „Presse“ zu Gehör brachte. Mit General News allein, zumal solche überall zu erlangen sind, würden die Abonnenten auf Dauer nicht zu halten sein. „Sie müssen sich wirklich – nicht nur so allgemein hingesagt – Klarheit über ihre Zielgruppe verschaffen und überlegen, welche Bedürfnisse diese Zielgruppe tatsächlich hat und wie man diese Bedürfnisse unter Einsatz aller Übertragungswege und Plattformen 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche erfüllen und möglichst immer wieder überraschend übertreffen kann.“ Dieser Gedankengang ist Boston Consulting pur.

Wenn Bretschko und Schweighofer nichts anderes einfällt, werden die Styria-Redaktionen und die Styria-Annoncenakquisiteure mit Radarpeilung auf Zielgruppen losgehen, um das Letzte aus dem überstrapazierten Leser- und Werbemarkt herauszuholen. Kann durchaus sein, dass dabei den Journalisten eine problematische Rolle zugedacht wird, sodass sie ihren eigenen Standpunkt genauer analysieren und notfalls verteidigen müssen. Aber das hat es zu Pirkers Zeiten ja auch schon gegeben.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 38 bis 41 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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