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Rubriken

Mit fremden Federn schreiben

Faymann schreibt laut „FAZ“ wie Hegel.

1 In der Internet-Ausgabe der angesehenen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erscheint seit einiger Zeit eine ebenso amüsante wie kuriose Rubrik. Der Titel lautet „Ich schreibe wie …“. Das Computerprogramm der Zeitung, so wird erklärt, analysiert dabei in Sekundenschnelle einen eingegebenen Text und verkündet dann, dass man wie Ingeborg Bachmann, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky oder wie Friedrich Nietzsche schreibe.

Jedem Leser ist klar, dass aus wenigen Sätzen eines Textes keine wissenschaftlich korrekte Zuordnung eines Schreibstils zu einem bekannten Autor erfolgen kann. Gibt man dennoch ein paar Zeilen zur Analyse ein, so wohl nur aus Jux oder um das Computerprogramm auszutricksen.

Erfunden hat den elektronischen Stil-Automaten der Russe Dmitry Chestnykh (28). Er ist professioneller Software-Entwickler, der vor ein paar Monaten die englischsprachige Internetseite „I write like“ ins Leben rief. Die Zuordnung zu bekannten Autoren erfolgt aufgrund von typischen Satzteilen, häufig verwendeten Worten oder Wendungen.

Die Seite des Russen wurde unzählige Male aus aller Welt aufgerufen und explosionsartig populär. Nun hat das Programm in einer deutschsprachigen Form auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ übernommen.

Wir haben die angebotene Stilanalyse mit erheiternden Ergebnissen getestet. Etwa mit einem Textausschnitt aus der Regierungserklärung von Kanzler Werner Faymann, die er vor dem Nationalrat im Dezember 2008 abgegeben hat:

„Es ist dies das Prinzip des Verhandelns, nicht des Streitens, das Prinzip des Augenmaßes, nicht des Pendelns zwischen Extrempositionen, das Prinzip der gemeinsamen Entscheidungsfindung statt des Diktats einer Gruppe, das Prinzip des Ausgleichs und nicht des Gegensatzes.“

Der Stil des Kanzlers erinnere laut „FAZ“-Internetseite an den deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der um 1800 wirkte und als wichtiger Vertreter des deutschen Idealismus gilt.

Weiter mit einem anderen Text eines Kanzlers, mit einem oft zitierten Satz Bruno Kreiskys aus einer Wahlkampfrede im März 1979:

„Und wenn mich einer fragt, wie denn das mit den Schulden ist, dann sag ich ihm das, was ich immer wieder sage: Dass mir ein paar Milliarden mehr Schulden weniger schlaflose Nächte bereiten, als ein paar Hunderttausend Arbeitslose mir bereiten würden.“

Für den Stil-Automaten erinnere dieser Satz an Johann Wolfgang von Goethe, der ja einige andere bekannte Sätze geschrieben hat, die oft zitiert werden. Übrigens: Einige Zitate aus Helmut Qualtingers Meisterwerk „Der Herr Karl“ („Ich weiß, es gibt herrliche österreichische Seen. Mir träumt oft von einem See. Ich liege auf einer Luftmatratze, auf einmal kommt einer und zieht den Stoppel heraus. Oh weh, ich habe manchmal furchtbare Träume, aber man vergisst sie Gott sei Dank immer gleich.“) ordnet die Internetseite der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ebenfalls Goethe zu.

Hier noch ein paar Sätze, die ich geschrieben habe und mit denen mein Buch über Spione und Schattenmänner beginnt:

„Der Hund schnüffelte unter den Sitzbänken. Dann führte ihn der uniformierte Polizist zu den aufgestapelten Akten und ließ ihn auch noch unter dem Richtertisch und am Papierkorb schnuppern. Der Saal wurde versperrt, ein Wachposten blieb über Nacht vor der Tür, die Verhandlung konnte am nächsten Tag gefahrlos beginnen.“

Ich darf stolz sein, denn ebenso – oder zumindest ähnlich – hätte Franz Kafka formuliert, hätte er über Agenten geschrieben. Das ist zumindest dann wahr, wenn man an die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und den Stil-Analysator glaubt.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 16 bis 16. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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