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Special

Neil Armstrong in Full HD

Von Christian Krebs

Ein Jahr nach dem Start beansprucht Servus TV die Innovationsführerschaft – und beginnt damit, teilweise schon in 3-D zu senden.

Es klingt fast ein bisschen wie ein Märchen, aber Wolfgang Pütz schwört, dass es so war (jedenfalls so ungefähr): Irgendwann im Herbst 2008 trafen sich in Salzburg zwei Männer, die schnell feststellten, dass der jeweils andere etwas hatte, was man selbst brauchte – und dass es sinnvoll wäre, sich zusammenzutun. Der eine hieß Dietrich Mateschitz und hatte einen Fernsehsender, mit dem es so nicht mehr weitergehen konnte. Der andere hieß Wolfgang Pütz und hatte eine Idee, wie es gehen könnte. Zusammengemixt, fein abgeschmeckt mit vielen weiteren Ideen und garniert mit einem großen Anspruch an Qualität ergab dies einen modernen Ballungsraum-Kanal für den Alpen-Donau-Adria-Raum, also gedacht für Österreich, Deutschland, die Schweiz und Slowenien – und ein bisschen Italien ist auch noch dabei. Den „König der geflügelten Dosen“ braucht man an dieser Stelle nicht weiter vorzustellen. Den anderen hingegen schon eher: Wolfgang Pütz dürfte hierzulande für die meisten ein unbeschriebenes Blatt sein, dabei kann er auf Karriere-Stationen wie RAI, BBC und Bayerischer Rundfunk verweisen, für den er u. a. auch die Auslandsmagazine gestaltete. Pütz ist Programmdirektor von Servus TV, als Geschäftsführer (einer von dreien, die anderen beiden sind Rudolf Theierl und Christopher Reindl) wurde Martin Blank engagiert, den man schon aus der Privatradio-Szene kennt (Radio RPN, Kronehit) und der zuletzt als Geschäftsführer von Puls TV in Wien arbeitete. Auch der technische Leiter ist kein Unbekannter: Andreas Gall, der 2002 zum technischen Direktor des ORF bestellt worden war.

Nach einem Jahr on air ist es an der Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen, und die fällt für Pütz und Blank äußerst positiv aus. Wolfgang Pütz: „Man muss ein bisschen auch unsere Geschichte sehen – wir sind ja aus Salzburg TV hervorgegangen und da wurde gerade mal eine Stunde Regionalprogramm am Tag produziert. Zum Sendestart im Oktober 2009 haben wir drei bis vier Stunden originales Programm täglich produziert, und heute halten wir bei sechs bis sieben Stunden. Das hat einfach damit zu tun, dass wir hier in Salzburg erst einmal die Strukturen aufbauen, Personal engagieren sowie Formate und Programmideen entwickeln mussten, und das braucht seine Zeit.“ Martin Blank: „Das war auch der Grund, weshalb wir nicht mit großem Brimborium gestartet sind – es war eher wie ein Softlaunch, wir hatten einen großen Anspruch an die Qualität und Originalität unseres Programms, waren uns aber am Anfang ehrlich gesagt nicht 100-prozentig sicher, ob sich der auch erfüllen ließ.“

Qualität ist überhaupt das Schlagwort: Qualitätsjournalismus, Premium-Content statt Trash-Programm. Pütz: „Bei uns braucht keiner Angst zu haben, dass er anderen beim Würmeressen im Dschungel zuschauen muss. Servus TV steht für ein Qualitätsprogramm, das privat finanziert wird und auf die Schwerpunkte Kultur, Wissenschaft, Diskussionsforen, Naturdokumentationen und Sportberichterstattung setzt.“

Das hört sich so an, als wolle man öffentlich-rechtliche Sender links kalt überholen, aber das beabsichtigen die Servus-TV-Macher gar nicht: „Wir haben unseren eigenen Anspruch, und da steht Qualität drauf und ein eigenes Konzept für den Sender, das konkurrenzlos ist, wir sind weder Arte noch 3Sat noch ORF II oder ARD oder BR oder BBC oder … – wir sind einfach anders und viel breiter aufgestellt“, meint Pütz. Und: „Wir wollen ein Vollprogramm ohne Trash, Spielshows und primitive Serien, aber auch ohne politische Gefälligkeits-Berichterstattung. Dafür stecken wir viel Geld in spannende Reportagen und hochkarätige Kulturbeiträge, senden von den Salzburger Festspielen, aus dem Wiener Musikverein oder aus der Mailänder Scala, wir haben mit, Literatour‘ ein 14-tägliches Literaturmagazin, bei dem unser Moderator in einem alten Alfa Romeo durch Europa in die Regionen der Autoren und zu den Schauplätzen der Bücher fährt, und wir nutzen natürlich die großartige Kulisse des Hangar 7 für spannende Talkrunden mit Themen aus allen Bereichen.“

So geschehen auch am 5. August 2010: Dass Stargäste wie Fritz Magath, Ioan Holender, Sebastian Vettel oder Mark Webber gern nach Salzburg in den Hangar 7 kommen, ist angesichts eines gut funktionierenden Red-Bull-Netzwerkes wohl nicht weiter verwunderlich. Aber an diesem Tag gelang den Servus-TV-Machern ein echter Medien-Scoop: Mit Neil Armstrong stand der erste Mensch, der den Mond betrat, in Salzburg vor den Kameras, und das erstmals seit mehr als 40 Jahren – so lange hatte sich der Astronaut dem Fernsehen verweigert. Blank: „Das war natürlich eine riesige Geschichte, wir waren damit in allen Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum, aber auch in Frankreich, Italien und Spanien, es brachte uns viel Renommee in der Medienbranche ein und war vor allem für Deutschland als eines unserer wichtigen Zielgebiete ein großes Ausrufezeichen. Es war quasi bestes redaktionelles Marketing.“

Apropos Geld: Wer an Red Bull denkt, könnte vielleicht in Versuchung kommen, sich vorzustellen, dass jeden Tag ein Tieflader vorm Green Tower in Salzburg-Wals, wo der Sender residiert, hält und Container voller Euro vor den Studiotüren abstellt. Dem ist mitnichten so, wird versichert: „Wir haben ein Budget und das muss eingehalten werden, ohne Wenn und Aber. Wir haben auch ein Marketing-Budget, ein sicher relevanter Betrag, der aber auch für den ganzen Kern-Sendebereich, also für Österreich, Deutschland und die Schweiz, reichen muss. Und der Businessplan sieht durchaus eine Refinanzierung des Senders vor, auch das ist mit Dietrich Mateschitz abgesprochen. Aber wir haben nicht unmittelbar den Druck, innerhalb von zwei Jahren Break-even machen zu müssen, Mateschitz weiß auch, dass wir als junger Sender mit ambitioniertem Konzept Zeit brauchen, und das weiß er aus Erfahrung – auch das Formel-1-Engagement oder die Fußball- und Eishockey-Interessen haben ihre Zeit gebraucht, bis sie wirklich griffen“, meint Blank, der jedoch keine konkreten Zahlen nennt und auch die in deutschen Fachmedien kolportierten 100 Millionen Euro im Jahr nicht kommentieren will.

Refinanzieren will man sich durch die Werbung, doch die hängt an der Zuschauerzahl, an der Quote und an der Reichweite des Senders: Bisher wird Servus TV vor allem durch Analog-Kabel und via Satellit verbreitet, in Österreich werden bislang etwa 65 Prozent der Haushalte erreicht, in Deutschland unter 20 Prozent, Zahlen für die Schweiz gibt es noch nicht. Und bei der Quote stellt sich gleich die Frage, ob es für ein solches Qualitäts-Konzept überhaupt ausreichend Zuschauer gibt, die von der Werbewirtschaft gefordert werden. Wolfgang Pütz meint dazu: „Den alten Widerspruch Qualität oder Quote gibt es schon lange nicht mehr, es gibt genügend Zuschauer, die von der Vertrashung des Fernsehens die Nase voll haben und auf der Suche nach etwas Neuem, nach intelligentem, anspruchsvollem Fernsehen sind. Außerdem darf man nicht vergessen, dass unser Sender nicht nur auf Österreich zugeschnitten ist – Österreich allein könnte das nicht tragen –, sondern auf den gesamten deutschsprachigen Raum. Auch hier sind wir breiter aufgestellt als andere Sender. Und nicht zuletzt: Das Segment Qualität im Fernsehen wird nicht oder nur wenig bearbeitet – das ist unsere Sache. Und wir glauben, dass Qualität durchaus auch refinanzierbar ist.“

Fußballrechte angestrebt?

Natürlich ist der Sport ein gewichtiger Programmschwerpunkt bei Servus TV – kein Wunder bei einem Eigentümer wie dem Red-Bull-Konzern, der sich anfangs vor allem auf die Extremsportarten konzentrierte und sich dann langsam mittels Formel 1, Fußball und Eishockey zum breitenwirksamen Spitzensport vorarbeitete. Um die Rechte für die Fußball-Bundesliga hatte man sich vergangenes Jahr schon bemüht, allerdings erfolglos. Blank: „Vorerst konzentrieren wir uns auf Eishockey,
das hierzulande immer noch eine irgendwie unterprivilegierte Sportart ist, aber wir stecken da auch viel Geld in die Übertragungen und haben den Anspruch, Eishockey mittelfristig als Mannschaftssportart Nummer zwei hinter Fußball zu etablieren. Und die Eishockey-Liga mit ihren Mannschaften aus Österreich, Kroatien, Slowenien und Ungarn passt auch gut zu unserem Konzept eines Senders für den Alpen-Donau-Adria-Raum, es gibt sogar schon Überlegungen, ob man nicht auch Mannschaften aus der Schweiz und dem süddeutschen Raum mit dazu nehmen sollte.“

Zum Sport gehört auch das Red Bull TV-Fenster, in dem zweimal pro Woche große Red-Bull-Events wie zum Beispiel die Air Races, X-Fighters oder Cliff Diving gezeigt werden, es gibt das sonntägliche Eishockey-Live-Spiel und es gibt natürlich „Sport und Talk“. Und das alles in Full-HD-Qualität: „Wir sind, was Full HD bei Produktion und Ausstrahlung betrifft, die Nummer eins in Europa. Das war von Anfang an so geplant, denn Full HD wird in drei Jahren Standard sein und mit einem neuen Sender sollte man nicht in alte Technologien investieren. Unser gesamtes Programm wird in Full HD produziert und ausgestrahlt und manches können auch nur wir machen: Die Freaks zum Beispiel, die bereit sind, eine HD-Kamera auf den Mount Everest zu schleppen, findet man nur in der Red-Bull-Szene. Auch unsere Dokumentationen und Reportagen werden durchgängig in Full HD produziert und genießen einen exzellenten Ruf in der Branche“, sagt Blank. Nachsatz: Natürlich gehört auch das irgendwie mit zum Refinanzierungskonzept, wenn man daran denkt, dass in wenigen Jahren Full HD der allgemeine Standard sein wird und dann andere Sender bei Servus TV einkaufen werden.

Die Ansage „wir beanspruchen die Innovationsführerschaft“ belegt Blank auch mit der Tatsache, dass man bereits in 3-D ausstrahlt: „Wir senden jetzt schon in der Nacht, 3-D on air‘, ein Fluggerät wurde dafür mit 3-D-Kameras ausgerüstet. Damit die Zuschauer das auch richtig sehen können, haben wir unter anderem über 60.000 3-D-Brillen verschickt, denn nicht jeder hat ja eine zu Hause herumliegen.“

HD ist die Zukunft, aber das birgt auch Tücken für die Gegenwart und die zeigen sich am deutlichsten bei den Nachrichten: Die Sendung „Servus Salzburg“, die jetzt in „Servus Journal“ umbenannt wurde, bringt dreimal täglich News aus dem Alpen-Donau-Adria-Raum, allerdings gab es bis dato keine Agenturen, die 16:9-HD-Bildmaterial anbieten konnten. Das hat sich in jüngster Zeit gebessert, jetzt gibt es laut Blank etwa 25 Firmen mit HD-Newsmaterial und so wird in nächster Zeit auch diese Schwachstelle behoben werden können.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 76 bis 77 Autor/en: Christian Krebs. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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