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Special

Papageno oder Werther

Von Interview: Christina Lechner

Suizide nehmen nach Berichten über sie zu – der sogenannte Werther-Effekt. Wie können Journalisten berichten, ohne das Nachmachen zu fördern? Psychiater Gernot Sonneck weiß wie.

Wer ist Ihnen auf Anhieb sympathischer: Papageno oder Werther?

Gernot Sonneck: Natürlich ist mir Papageno aus der Zauberflöte aus dem Blickwinkel der Suizid-Prävention um vieles sympathischer. Seit rund 25 Jahren kennen wir zwar den Werther-Effekt, also eine Zunahme von Suiziden nach entsprechenden Medienberichten. Genauso lange haben wir aber vermutet, dass es durch spezielle Medienberichte möglich sein müsste, die Suizidrate zu senken. Jetzt meinen wir, diesen als „Papageno-Effekt“ bezeichneten Mechanismus gefunden zu haben. Im Prinzip geht es dabei um Verantwortung: um die Verantwortung von uns Psychiatern und Psychologen genauso wie um die Verantwortung der Journalisten. Wir alle – und dazu zähle ich auch Politiker – sind gefordert, die Konsequenzen unserer Handlungen genau zu bedenken und zu überlegen, ob sie einem besseren Zusammenleben dienen oder nicht.

Das Thema Suizid zieht sich durch alle Ressorts – was macht ihn medial so attraktiv?

In Wahrheit ist nicht jeder Suizid medial attraktiv. Viel eher schon, wenn es sich um den Suizid einer medial attraktiven Person handelt oder Methoden angewendet werden, die es zuvor noch nicht gegeben hat. Denken Sie nur an die ersten, über das Internet verabredeten Suizide. Verständlich ist die Betroffenheit auch dann, wenn sich junge Menschen das Leben nehmen. Immerhin vermittelt ein Suizid, dass eine Person das Leben, das wir alle wollen, radikal verneint. Aus Sicht der Medien ist das durchaus sensationell. Nimmt sich dagegen ein 80- oder 90-jähriger Mann das Leben, so berichten die Medien sehr selten darüber und auch die Gesellschaft zeigt sich kaum betroffen.

Sie appellieren seit Jahren an die journalistische Verantwortung in diesem Bereich. Wie versuchen Sie konkret, Medienmitarbeiter für dieses Thema zu gewinnen und zu sensibilisieren?

Wir schauen uns die Medien sehr genau an und wenn wir den Eindruck haben, ein Bericht sei nicht gefahrlos, dann sprechen wir die Journalisten konkret an. Von Anfang an haben wir dabei aber nie gesagt „Ihr müsst so berichten“ oder „So dürft Ihr nicht berichten“, sondern wir weisen nur darauf hin, was passiert, wenn in reißerischer Form über Suizide berichtet wird oder die Methode genau beschrieben wird. Wir signalisieren aber ganz klar, dass letztendlich es bei den Journalisten liegt, verantwortungsbewusst damit umzugehen. Üblicherweise sind Journalistinnen und Journalisten auch dankbar, wenn sie erfahren, dass es Leitlinien gibt, an die sie sich halten können, und sie auf dieser Basis verantwortungsbewusst schreiben und senden können.

Ist hier die Kleinheit Österreichs und der relativ überschaubare Medienmarkt ein Vorteil?

Das ist ganz sicher so. Leitlinien zur Suizidberichterstattung gibt es mittlerweile ja in vielen Ländern, aber in den USA muss man schon sehr gut organisiert sein, um Journalisten am Laufenden zu halten. Allerdings schafft es auch hierzulande nicht eine einzige Stelle alleine, täglich die relevanten Meldungen durchzusehen.

Für gefährlich im Sinne eines Werther-Effekts hielten wir übrigens auch das letzte Werbeplakat der Wiener Festwochen: Darauf war eine Frau zu sehen, die scheinbar über Wien „abhebt“, es kann aber genauso gut sein, dass sie sich vom Dach stürzt. Ich denke, auch hier konnten wir einiges erreichen, so wurde in den U-Bahn-Stationen eine modifizierte Form affichiert, bei dem das Dach, von dem die Frau abhebt, nicht zu sehen war. Ob es negative Folgen hatte, werden wir allerdings erst im kommenden Jahr näher untersuchen können.

Interessant war in diesem Zusammenhang genauso der Suizid von Brigitte Schwaiger: Eine Tageszeitung wollte einen ausführlichen Bericht über Suizide unter Autoren bringen, wir haben jedoch dringend davon abgeraten. Das Problem dabei ist allerdings, dass Sie immer wieder vermeintliche Experten finden, die sagen, so gefährlich sei dies wieder auch nicht. Ich plädiere trotzdem immer wieder dafür, dass wir nicht aufgeben, auf die Sachlage hinzuweisen.

Gibt es genügend Mittel, um diese Arbeit zu finanzieren?

An einer Universität – konkret am Institut für Medizinische Psychologie in Wien – ist es möglich, solange damit wissenschaftliche Arbeiten betrieben werden, die Impact-Faktor-Punkte bringen. Letztendlich liegt es jedoch am Engagement einzelner Personen; so beschäftigen sich etwa am Kriseninterventionszentrum einige Personen laufend mit der medialen Suizid-Berichterstattung, genauso die Einrichtung „WEIL – Weiter im Leben“ in Graz oder Einrichtungen in anderen Bundesländern – vor allem weil uns regionale Medien in dieser Hinsicht immer wieder Sorgen bereiten.

Sie gelten nicht nur als Spezialist für Suizidprävention, sondern auch für Burn-out. Ist Letzteres nicht vielleicht deshalb heute eine Volkskrankheit geworden, weil so viel darüber berichtet wird?

Das ist sicher ein Etikettenproblem. Wenn Sie sich heute depressiv fühlen, so ist das eine Erkrankung, die nach wie vor kein Renommee hat – wie die meisten psychischen Krankheiten. Wenn Sie aber sagen, Sie hätten ein Burn-out, so ist das durchaus etwas Angesehenes. Burn-out ist jedoch kein Zustand, sondern eine Entwicklung und jeder von uns, der sich einmal ganz besonders für eine Sache einsetzen muss, hat schon einmal die ersten Anzeichen dafür erlebt. Wenn ich mich als Arzt und Wissenschafter habilitieren möchte, dann muss ich mich einige Jahre ordentlich hineinknien und kann durchaus Vorstadien eines Burn-outs erleben. Üblicherweise ist es aber so, dass bei Erreichen des Zieles die Burn-out-Entwicklung in umgekehrter Richtung abläuft. Es gibt übrigens genauso ein Burn-out aufgrund ständiger Unterforderung – es gilt also, das richtige Mittelmaß zu finden.

Das ist beinahe ein Rezept für „gesunden Journalismus“. Wie sollte nach Ihrer Ansicht eine gute Medizin-Berichterstattung aussehen?

Insgesamt entwickelt sich der Medizinjournalismus in eine erfreuliche Richtung: Nehmen wir nur Berichte über traumatisierte Menschen, in denen es heute selbstverständlich ist zu sagen, jemand sei in psychologischer Betreuung. Allein wenn darüber berichtet wird, dass Menschen nach schlimmen Erfahrungen in psychologischer Betreuung sind oder sie zumindest angeboten wird – wie bei den verschütteten Kumpeln in Chile –, dann wird damit die Psychologie hoffähig gemacht und der eine oder andere erkennt vielleicht, wenn er es alleine nicht mehr schafft und professionelle Hilfe benötigt.

Aber es gibt durchaus noch Schwachpunkte: Es vergeht kaum ein Vierteljahr ohne Sensationsmeldungen, die Heilung bei Krebs versprechen. Dabei trägt nicht jede Meldung so viel Hoffnung in sich wie sie verspricht. Für Betroffene ist es dann bitter zu erfahren, dass das Wunder-Medikament erst in zehn Jahren fertig entwickelt ist, selbst wenn die Story für Wissenschafter vielleicht eine Sensation ist. In Wirklichkeit ist es aber nur ein kleiner Schritt in einer langen Entwicklung.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 82 bis 82 Autor/en: Interview: Christina Lechner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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