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Special

Radio aus Leidenschaft

Von David Röthler

Nach zehn Jahren wechselt Karina Reichl vom Radio zu Online – ein Zeichen der Zeit?

Verstehen Sie Ihren Wechsel von einem traditionellen Medium zu einem neuen Medium als ein Zeichen der Zeit?

Karina Reichl: Das Internet ist ein Medium der Zukunft, das sich schnell weiterentwickelt und sehr spannend ist. Die Zukunft der Printmedien ist im Internet. Für das Radio bin ich da aber nicht so pessimistisch. Radio kann man ja auch genauso gut über das Internet hören.

Im Internet kann man Radio bzw. Musik auch ohne Werbung hören. Ist das eine Gefahr für das etablierte Geschäftsmodell?

Da stellt sich die Frage, wer das wirklich schon kann. Vielleicht wird die jüngere Generation immer mehr auf herkömmliches Radio verzichten. Die Generation 50 plus wird das Radio aber weiterhin begleiten. Wenn man aktuelle Infos braucht, ist das Radio das schnellste Medium.

In der Vorbereitung auf das Gespräch wollte ich Antenne Salzburg hören. Da ich keinen UKW-Empfänger in meinem Büro habe, wollte ich den Internet-Stream suchen, fand diesen aber nicht.

Leider hat Antenne Salzburg keinen Live-Stream. Wir werden oft danach gefragt. Den Grund dafür kenne ich aber nicht. Auch mit einer iPhone-App kann Antenne Salzburg nicht aufwarten. Allerdings haben wir eine Facebook-Seite, um Kontakt zu den Hörern zu halten. Je präsenter man bei den Hörern ist, umso beliebter ist man.

Haben Sie ein eigenes Facebook-Profil?

Ich habe lediglich ein privates Profil. Für meine Tätigkeit als Moderatorin habe ich kein Facebook-Profil, weil ich diese Präsenz nicht so brauche wie vielleicht andere. Rampensau ist jeder, aber es gibt Nuancen. Ich bin nicht glücklicher mit Tausenden Freunden. Das Potenzial von Facebook wird aber von den Privatradios noch unterschätzt. Social Media ist ein ganz wichtiges Tool der Zukunft.

Im jüngsten Radiotest für das zweite Halbjahr 2010 hat Antenne Salzburg mit 13,5 Prozent Tagesreichweite gut abgeschnitten und ist damit das erfolgreichste Privatradio im Bundesland.

Die Gründe für den Erfolg sind oft schwer nachzuvollziehen. Der Radiotest ist ein wichtiger Parameter für die finanzielle Seite. Die Steigerung des Marktanteils ist das Ziel privater Radios. Wenn die Reichweiten sinken, muss man etwas ändern.

Sie moderieren jetzt noch einmal monatlich das Wochenendprogramm. Wie kann ich mir das vorstellen?

Das Wochenende wird bei der Antenne so gestaltet, dass es gute Laune vermitteln soll und daher keine zu ernsten Themen – wie zum Beispiel die Berichterstattung über Unfälle – gebracht werden dürfen. Politik ist auch tabu, außer es ist gerade Wahltag. Dann nehmen wir eine Sondersendung ins Programm auf. Sonst steht die Musik im Vordergrund. Das ist überhaupt der aktuelle Trend: weniger Wort, mehr Musik. Das sieht man bei allen Radiosendern. Auch Ö3 macht das jetzt insbesondere am Wochenende so.

Ich habe zwei Themen in der Stunde. So zum Beispiel über das letzte Sommerwochenende oder die Eröffnung der Skigebiete. Das sind dann die Aufhänger. Am Wochenende bringen wir auch keine Regionalnachrichten, sondern nur stündliche Weltnachrichten, die von KroneHit zugekauft und aus Wien eingespielt werden.

Die Sendeuhr gibt uns vor, wann die Musik von Themenblöcken, die allerdings nicht länger als 1:30 Minuten sein dürfen, unterbrochen wird. Dort haben dann die redaktionell aufbereiteten Informationen unter dem Motto „Ist der Redakteur auch noch so fleißig, kein Beitrag über 1:30“ Platz. Wenn jemand etwas länger hören will, dann hört er Ö1. Obwohl ich glaube, dass man den Hörern mehr zumuten könnte, geht der Trend in Richtung Kürze: „Nervt’s die Leut nicht, sagt’s nur etwas, wenn ihr etwas zum Sagen habt’s.“ 1:30 ist sicher eine Zeit, in der man etwas vermitteln kann, wobei es mit manchen Themen dann doch schwierig ist. Es ist die Kunst des Moderators, das Wichtige herauszufiltern. Die Werbeblöcke sind aber länger und trotz der Wirtschaftskrise im letzten Jahr haben wir nicht gemerkt, dass weniger Werbung gelaufen wäre.

Mittlerweile gibt es in Österreich Medienförderung für den privaten Rundfunk. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Ja. Absolut. In Österreich haben wir als Private sonst nie eine Chance, mit dem ORF zu konkurrieren. Hinter dem ORF steht eine Maschinerie mit viel Geld.

Wo erkennen Sie Gemeinwohlorientierung wie zum Beispiel Förderung der Vielfalt, Förderung der österreichischen Kultur, die auch als Ziel der öffentlichen Unterstützung des privaten Rundfunks gilt?

Radio ist ein Unterhaltungsmedium. Es ist wichtig, dass Musik gehört werden kann. Wenn ich über Salzburg informiert werden will, dann ist die Antenne sicher eines der besten Medien im Bundesland. Aber wenn man Menschen fragt, warum sie Radio hören, dann wird man als Antwort bekommen, dass sie Musik hören wollen. Radio soll unterhalten. Es ruft mich keiner an, weil er mit mir über irgendwelche Ausstellungen philosophieren will. Die Leute rufen an, weil sie einen Musikwunsch haben. Zum Beispiel bewegt das Super-Gitarrensolo von Toto in „Africa“, das ich früher abgedreht habe. Das sind die Dinge, die die Leute wirklich interessieren. Wenn ich Themensendungen auf der Antenne habe, rufen die Hörer nur bei ganz brisanten Themen an. Wichtig ist die Musik.

Wir würden uns aber alle wünschen, einmal eine Spezialsendung zu moderieren. Aber wir wissen, dass das nicht möglich ist. Das Risiko, ein Spartenprogramm zu senden, will keiner auf sich nehmen. Man geht nach dem, was die breite Masse interessiert.

Ist das nicht ein bisschen traurig, wenn man Journalistin mit gewissen Ansprüchen ist?

Ja. Natürlich. Das ist auch ein Kampf mit einem selber und für mich auch ein Grund, nach zehn Jahren mich langsam zu verändern, weil ich nicht mehr so dahinterstehen kann, in welche Richtung das Radio tendiert. Das hat jetzt nichts mit der Antenne zu tun, sondern mit der Entwicklung des Radios im Allgemeinen. Du bist nur noch dazu da, die Leute zu entertainen und nicht mehr zu informieren. So drastisch das jetzt klingen mag: Bei einer Unwetterkatastrophe weiß ich, dass ich Radio mache, weil die Menschen informiert werden wollen. Das macht mir als Journalistin irrsinnig viel Spaß. Cool, jetzt schalten die Leute ein, weil sie wissen wollen, was gerade passiert.

Das Moderieren an sich ist super. Aber ich will nicht mehr 40 Stunden in der Woche Radio machen. Es kann natürlich lustig sein, einen Beitrag zum Thema „Welche Weihnachtsgeschenke sind heuer im Trend“ zu gestalten, aber auf Dauer immer nur seichte Themen zu behandeln, war für mich doch ein Grund, neue Herausforderungen zu suchen.

Ist Radiomachen ein Beruf, den junge Menschen anstreben sollten?

Das ist eine schwierige Frage. Die Zeit, in der man beim Privatradio Geld verdienen konnte, ist vorbei. Man kann eigentlich nicht mehr davon leben. Man braucht mehrere Standbeine. Während des Studiums ist es ja okay. Fixanstellungen sind sehr schwierig zu bekommen. Radios werden in Zukunft einen Pool an Menschen aufbauen, auf den sie zurückgreifen können, wenn sie gebraucht werden.

Welches Resümee können Sie für sich nach zehn Jahren Radioarbeit ziehen?

Es war eine sehr spannende Zeit. Ich war privilegiert, dass ich da vor zehn Jahren hineingerutscht bin. Radiomachen ist sehr schön. Es ist aber schade, dass man sich journalistisch nicht mehr ausleben kann. Die Arbeit bietet nicht die Vielfalt, die man sich wünschen würde.

Welche Frage hätten Sie sich abschließend gerne selbst gestellt?

Ob ich den Weg noch einmal gehen würde? Ja. Genau dasselbe würde ich nochmals tun. Ich bereue es keine Sekunde, dass ich mein Studium zugunsten einer herausfordernden Tätigkeit abgebrochen habe.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 78 bis 78 Autor/en: David Röthler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.< /p>

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