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Special

Redaktion statt Ordination

Von Ursula Poznanski

Als medizinisch-wissenschaftliche Journalistin mit langjähriger Erfahrung kennt Uli Kiesswetter nicht nur die Branche, sondern auch beide Seiten der Berufsausübung: die Angestellte und die Freie.

Seit mehr als 15 Jahren ist Uli Kiesswetter eine fixe Größe im österreichischen Medizinjournalismus und eine der wenigen in der Branche, die ein abgeschlossenes Medizinstudium vorzuweisen haben. Sie schreibt hochwissenschaftliche Fachartikel, koordiniert Experten-Konsensuspapiere, verfasst aber auch medizinische Beiträge für Publikumsmedien. Was hat sie nach ihrer Promotion bewogen, die Redaktion der Ordination vorzuziehen?

Klassisches Turnusopfer

„Ich bin ein klassisches Turnusopfer“, sagt Kiesswetter rückblickend. „Schon während des Studiums habe ich journalistisch beim ORF und bei der, Ärztewoche‘ gearbeitet.“ Dort bot man ihr nach ihrem Abschluss eine fixe Stelle als Redakteurin an, die sie annahm – anfangs noch in dem Glauben, damit nur die Wartezeit bis zum Turnus zu überbrücken. Doch als es schließlich so weit war, hatte sie schon zu viel Gefallen am Journalistenberuf gefunden, um ihn wieder an den Nagel zu hängen. „Die Entscheidung ist mir nicht schwergefallen, umso mehr, als ich nach und nach entdeckt habe, dass das sprachliche, wissenschaftsassoziierte Arbeiten meinen Talenten viel mehr entspricht als eine praktische ärztliche Tätigkeit.“ Den naturwissenschaftlichen Background hält sie im Medizinjournalismus, oder genauer gesagt in ihrer Kernkompetenz, dem „medical writing“, für noch wichtiger als das schreiberische Handwerk. Wissenschaftliche Texte für medizinisch Gebildete zu verfassen, setze eigenes profundes Wissen und – schon wegen des fachlichen Finetunings – eine sehr partnerschaftliche Beziehung zu den Interviewpartnern voraus.

Verrückte Arbeitszeiten

Die Jahre als angestellte Redakteurin bei der „Ärztewoche“ betrachtet Kiesswetter als elementar wichtige Zeit. „Ich glaube, ein freier Mitarbeiter kann nur dann wirklich gut sein, wenn er auch einmal fix in einer Redaktion gearbeitet hat, denn dann weiß er, welche Schritte zwischen seinem abgegebenen Text und der fertigen Seite liegen. Er kennt die Bedeutung einer guten Abbildung und versteht, warum es nicht egal ist, wenn sein Artikel 500 Zeichen zu lang oder zu kurz ist.“

Der Wunsch nach Selbstständigkeit war aber trotzdem immer da, und als sich für Kiesswetter eine entsprechende Gelegenheit auftat, griff sie zu. „Die Tätigkeitsformen haben jeweils ihre Vor- und Nachteile. Ein Vorteil des angestellten Journalistendaseins sind sicher die fixen Gehälter, unabhängig von Produktionszyklen, Krankenständen und Urlauben.“ Ein freier Redakteur muss dagegen niemandem über Arbeits- und Freizeit Rechenschaft ablegen – solange er seine Texte termingerecht abliefert. „Genau darin liegt aber die Crux“, so Kiesswetter. „Man braucht viel Organisationstalent und große Selbstdisziplin, gerade weil einem niemand auf die Finger schaut.“ Die Verteilung der Arbeitslast über das Jahr ist im Medizinjournalismus sehr ungleichmäßig: In der Kongresssaison – also im Frühjahr und Herbst – kommt es für Kiesswetter immer wieder zu Wochen ohne einen einzigen freien Tag, mit verrückten Arbeitszeiten jenseits der 100 Stunden. „Man muss die Bereitschaft haben, zu reisen und auf Flughäfen viele tote Stunden zu verbringen, die einem niemand finanziell abgilt.“ Und auch in weniger stressigen Phasen ist es oft nötig, sich die Freizeit selbst zu verordnen: „Freiberufliche Redakteure haben die Tendenz, sich zu viel aufzubürden und Aufträge grundsätzlich anzunehmen, denn wer weiß, wie es im nächsten oder übernächsten Monat aussieht? Die richtige Balance zu finden, ist oft schwierig.“

Wohin mit der Freizeit?

Dennoch kann Kiesswetter sich ein Leben im Angestelltenverhältnis nicht mehr vorstellen. Die Flexibilität, mit ihrem zehnjährigen Sohn auch einmal tagsüber etwas zu unternehmen, Einkäufe oder Schultermine zu erledigen oder auf dem nahe gelegenen Neun-Loch-Platz eine Runde Golf zu spielen – „ohne Handy, ich liebe Golfspielen, da kann ich komplett abschalten, ohne nachher total ausgepowert zu sein“ –, will sie nicht missen. Auch der Gedanke, vom südlichen Wiener Stadtrand, wo sie mit ihrer Familie lebt, täglich in eine zentral gelegene Redaktion fahren zu müssen, ist ein klares Argument gegen eine feste Anstellung. Obwohl sie wie viele Kolleginnen und Kollegen mit einem tief verwurzelten Vorurteil zu kämpfen hat. „Dass wir den ganzen Tag gemütlich zu Hause vor dem Computer sitzen und gar nicht wissen, wohin mit so viel Freizeit.“

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 84 bis 87 Autor/en: Ursula Poznanski. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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