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Medien

Zeitung als Detailkunstwerk

Von Interview: Theresa Steininger

Bettina Eibel-Steiner und Thomas Kramar sind die neuen Leiter des „Presse“- Feuilletons. Im Interview sprechen sie über mögliche Veränderungen, Detailverliebtheit und die Aufteilung der Doppelführung.

Inwiefern verändern Sie das „Presse“-Feuilleton? Soll es mit neuen Meinungs-Elementen und Aufmachern zu soziologischen Themen noch mehr Feuilleton als Kulturteil werden?

Thomas Kramar: Wenn man den Begriff Kultur nur weit genug fasst, fällt alles darunter, was man unter Feuilleton versteht. Feuilleton klingt halt irgendwie cool und liebenswert nachdenklich. Es soll auch signalisieren, dass wir uns an „FAZ“, „Süddeutscher“ und „Welt“ orientieren.

Bettina Eibel-Steiner: Wir setzen sicherlich einen Schwerpunkt auf den Diskurs und lassen uns weniger von Pressekonferenzen und Premieren treiben.

Also mehr in Richtung „Standard“?

Kramar: Nicht wirklich. Der „Standard“ stellt an sich den Anspruch, die gesamte Kulturszene zu repräsentieren, und muss daran notwendigerweise scheitern. Wir stehen dazu, dass manche Subgenres weniger sexy sind. Der Spaß, Feuilleton zu machen, liegt darin, über das Tagesgeschehen hinauszugehen und doch drinnen zu sein in dem, was alle bewegt. Wir wollen ganz definitiv auch von Leuten gelesen werden, die keine Hardcore-Kulturkonsumenten sind.

Eibel-Steiner: Mein Anspruch wäre, dass etwa ein Bericht über eine Ausstellung auch von jenen gelesen wird, die sich gar nicht so für bildende Kunst interessieren. Das geht natürlich nicht immer, aber das wäre das Ziel.

Kramar: Wir sollten auch Kulturformen für die Kulturkritik erschließen, die noch nicht im Kanon sind – wie vor 30 Jahren die Popmusik noch „draußen“ war –, zum Beispiel Computerspiele. Es geht dabei um die intelligente Beobachtung, darum, den kulturkritischen Apparat, den wir haben, auf vieles anzuwenden. Zu unserer Kultur gehört Infinitesimalrechnung genauso wie Barockmusik, Raumfahrt genauso wie die Beatles, Genomanalyse genauso wie Techno.

Wie sind Sie zum Schreiben über Kultur gekommen?

Kramar: Ich habe schon in der Schülerzeitung Popkritiken geschrieben, zum Beispiel einen Verriss über „The Wall“ von Pink Floyd. Später machte ein Freund eine Ausstellung über Rock und Pop in der Zentralsparkasse und hat mich dazugeholt. In der Z-Club-Zeitschrift „Mailer“ habe ich dann auch geschrieben, 1988 kam ich zum „Kurier“. Meine erste Kritik dort war über Bossanova, was mir gar nicht so nahe war. Meine erste Kritik in der „Presse“ 1991 war dann aber über Nirvana.

Sie haben aber Chemie studiert …

Kramar: Das war 1982, in der New-Wave-Zeit, auch eine Zeitgeist-Wahl: weil es etwas Klares und Wahres war, technisch und trotzdem geheimnisvoll, absolut nicht hippiemäßig.

Eibel-Steiner: Ich habe ganz klassisch Germanistik und Kunstgeschichte studiert.

Kramar: So etwas hätte ich auch machen sollen!

Eibel-Steiner: Bei der „AZ“ habe ich als Journalistin begonnen, weil ich gratis ins Theater gehen wollte.

Kramar: Das war auch für mich am Anfang das Tollste am Kritikersein.

Eibel-Steiner: Die „AZ“ ist ja eingegangen, sieben Jahre war ich bei der „Presse“ angestellt, dann habe ich als Freie gearbeitet. Das hat seine Vorteile, vor allem, wenn man Kinder hat. Wobei ich nicht der Kinder wegen von zu Hause aus gearbeitet habe! Ich wollte auch etwas anderes versuchen. Das Leben als Freie hat seine Vorteile, aber nach zehn Jahren wollte ich wieder im Team arbeiten. Diesen Sommer bin ich zurückgekommen und habe mich darüber gefreut, wie hier mit so wenig Eitelkeit und in einer so konstruktiven Atmosphäre gearbeitet wird.

Wie kam es dazu, dass Ihnen die Feuilleton-Leitung übergeben wurde?

Kramar: Nachdem klar war, dass Norbert Mayer sich wieder mehr dem Schreiben zuwenden wollte, dachte ich: Ich möchte es machen. Auch weil ich nicht wollte, dass man jemand von außen holt, dem womöglich die Liebe zur Kultur fehlt. Ich habe als sein Stellvertreter lange das Organisatorische gemacht, das liegt mir. Ich wollte die Leitung gerne übernehmen, aber nicht alleine. Jeden Tag in der Konferenz zu sitzen, wäre mir auch zu viel.

Eibel-Steiner: Michael Fleischhacker hatte die Idee, uns gemeinsam einzusetzen. Ich war zuerst kurz erstaunt, aber dann dachte ich: Mit dem Thomas zusammen mache ich es gerne.

Wie ist es nun, den ehemaligen Vorgesetzten als „Untergebenen“ zu haben?

Kramar: Aber das ist er ja nicht.

Eibel-Steiner: Formell schon.

Kramar: In der Kulturabteilung gibt es keine Untergebenen, sondern lauter kleine Könige.

Eibel-Steiner: Lauter Stars, jeder hat sein Gebiet, bei dem ihm niemand dreinreden kann. Es geht daher für uns als Ressortleiter eher darum, diese Stars zu koordinieren, weniger darum, ihnen etwas vorzuschreiben, sondern um das permanente Gespräch.

Frau Eibel-Steiner, Sie schreiben auch über Theater, werden Sie und Herr Mayer einander nicht in die Quere kommen?

Eibel-Steiner: Auch wenn ich als Theaterkritikerin angefangen habe, sehe ich es nicht als meine Aufgabe, mich auf dem Gebiet zu profilieren. Wir haben zwei tolle Kritiker und es gibt genug anderes, das mich interessiert.

Kramar: Ich möchte mich vermehrt um Diskurs, um Philosophie, Religiöses und Interkulturelles kümmern. Außerdem bin ich es gewohnt zu verzichten. Schon bisher habe ich oft auch Konzerte, die mich interessierten, Samir Köck überlassen und Wissenschaftsthemen Jürgen Langenbach. Da habe ich nie ein „Machtwort“ gesprochen – ich hoffe, man hört die Anführungszeichen.

Wie teilen Sie sich bei der Doppelführung die Arbeit auf?

Eibel-Steiner: Wir planen jeden Tag zusammen, überlegen uns schon vorweg, was mögliche Aufmacher der Woche sein könnten. Wir versuchen, auch dabei unorthodox zu sein. Ich konzentriere mich besonders auf den Sonntag.

Hat es schon Konflikte gegeben?

Kramar: Noch nicht. Wir sind ja auch nicht beide jeden Tag da. Das ist ja das Schöne an einer Doppelführung, dass wir nicht ständig beide am Schreibtisch sitzen müssen.

Eibel-Steiner: In ästhetischen Fragen und in der Wertung von Geschichten sind wir oft einer Meinung, das wissen wir schon von früher, als wir gemeinsam gegen Hans Haider argumentiert haben.

Kramar: Ja, der Hans Haider, das war ein Chef, mit dem man wunderbar streiten konnte. Ein wilder Mann.

Eibel-Steiner: Das wird ihn freuen.

Kramar: Sagen wir es trotzdem!

Eibel-Steiner: Ich habe vor Konflikten mit dir jedenfalls keine Angst.

Kramar: Ich auch nicht.

Ihr Kollege Mayer wollte sich wieder mehr dem Schreiben zuwenden, haben Sie keine Angst, dass das bei Ihnen jetzt zu kurz kommt?

Eibel-Steiner: Wenn ich bei etwas zurückstecken werde, dann wohl beim Schreiben.

Kramar: Das macht nichts, ich habe schon so viel geschrieben, manchmal habe ich das Gefühl, ich habe für mein Leben schon genug geschrieben … das ist natürlich kokett gemeint.

Man hört, Herr Kramar, Sie sind sehr bedacht darauf, dass wirklich jedes Detail passt.

Kramar: Wir feilen wirklich emsig, an Titeln, Zwischentiteln, auch an Bildtexten. Ich bin lieber zu pitzelig, entschuldige mich auch nachher, dass ich genervt habe, aber eine Zeitung ist ein Detailkunstwerk. Man kämpft gegen die Zeit, gegen den Platz, gegen die eigene Ohnmacht, jedes Wort muss das richtige sein. Wer diese sportliche Sorgfalt nicht mehr hat, soll es lassen. Das gilt nicht nur für fremde Texte.

Eibel-Steiner: Beim gemeinsamen Arbeiten an einem Text kann man eine Menge lernen. Wir schauen uns auch am nächsten Tag die Ausgabe an und überlegen, was man hätte besser machen können. Wichtig ist, sich nicht zu zerknirschen, Fehler passieren. Aber wir sagen dann: Das nächste Mal machen wir es wieder anders.

Kramar: Wir dürfen uns auch nicht über Leser lustig machen, die pingelig sind. Als ich den Doppler-Effekt einmal falsch herum erklärt habe, habe ich stapelweise Briefe mit Rotschrift bekommen.

Eibel-Steiner: Mir ist das passiert, als ich „Das Pelzche
n“ von Rubens Tizian zugeschrieben habe, der ja „Mädchen im Pelz“ gemalt hat. Es ist ja nicht so, dass wir nur über andere Texte mosern. Ich mag es gar nicht, wenn meine Artikel nur auf Rechtschreibung und Grammatik hin angeschaut werden, denn kein Text ist perfekt. Mir ist neulich die Formulierung „idealistische Idee“ passiert. Thomas hat gesagt: Das ist Unsinn. Ich hab’s gestrichen.

Kramar: Wir fragen uns auch, welche Begriffe man voraussetzen darf und welche nicht. Im Grunde ist es sogar falsch, bei „Presse“-Lesern Maturaniveau vorauszusetzen, warum soll nicht auch ein Lehrling die „Presse“ lesen?

Eibel-Steiner: Generell ist das Publikum der „Presse“ aber sehr gebildet, da kann man sich mit Dingen beschäftigen, die woanders nicht möglich sind.

Mehr Diskurs, mehr Offenheit für Themen, die bisher nicht da waren, mehr Genauigkeit, aber radikal verändern wollen Sie nichts, richtig?

Kramar: Wenn man etwas ganz anderes gewollt hätte, hätte man nicht uns genommen.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 42 bis 43 Autor/en: Interview: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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