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Special

Zuckerguss auf vergiftetem Kuchen

Von Christian Krebs

Ist CSR die bessere Werbung für ein Unternehmen? Ist sie eine freiwillige Leistung oder sollte sie normiert und gesellschaftlich eingefordert werden können? Und was fällt alles darunter? Seit 2001 läuft die Auseinandersetzung darüber – und das Lobbying großer Konzerne gegen eine weite Auslegung des Begriffs.

Es ist nicht gerade die neueste Sau, die da durchs Management- und Marketing-Dorf getrieben wird: Schon im Mittelalter gab es in Europa das Leitbild des „Ehrbaren Kaufmanns“, das den einzelnen Kaufleuten die Einhaltung bestimmter Verhaltensnormen auferlegte, welche u. a. dem gesellschaftlichen Gleichgewicht in den Städten dienen sollten. Und mehr als 100 Jahre, bevor der Begriff Corporate Social Responsibility (CSR) festgeschrieben wurde (2001), waren sich Unternehmer wie Otto Schott und Carl Zeiss im thüringischen Jena oder Arthur Krupp im niederösterreichischen Berndorf auch ihrer sozialen Verantwortung bewusst und bauten für ihre Arbeiter und deren Familien nicht nur Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und Freibäder, sondern richteten auch Pensions- und Betriebskrankenkassen und Ähnliches ein. Freilich nicht aus purem Altruismus – für sie war das Behalten hochqualifizierter Mitarbeiter durch das Anbieten hervorragender Arbeits- und Lebensbedingungen geradezu Philosophie und Überlebensstrategie ihrer Unternehmen.

In der neueren Zeit begann der CSR-Diskurs etwa 1988/1990 mit der Nachhaltigkeits-Debatte, die jedoch weitgehend auf den ökologischen Akzent beschränkt blieb. Am 31. Januar 1999 wurde außerdem vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan in einer Rede anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos allen interessierten Unternehmensführern der „United Nations Global Compact“ angeboten, um die Konsequenzen der Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten. Die Internationale Handelskammer (ICC) war der erste, aber lange Zeit auch der einzige Ansprechpartner aus der Wirtschaft, der diese Initiative aufgriff: Sie gewann die ersten 50 multinationalen Unternehmen, bis Mitte 2009 verpflichteten sich allerdings erst 5.000 Unternehmen den zehn Prinzipien des „Global Compact“, einer freiwilligen Verpflichtungserklärung, um Prinzipien bei Themen wie Menschenrechte, Arbeitsrechte und -bedingungen, Antidiskriminierung, Umweltschutz und Korruption einzuhalten.

2001 erschienen dann sowohl der OECD-Leitfaden für multinationale Unternehmen und das EU-„Grünbuch Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen“: „Besonders das ‚Grünbuch‘ sorgte zunächst für Aufregung – und führte danach zu verstärktem Lobbying seitens der Unternehmen, Konzerne und internationalen Industriellen-Vereinigungen, da in ihm nicht nur einheitliche Mindeststandards für CSR, sondern auch deren Überwachung verlangt wurden, um die Irreführung der Öffentlichkeit zu verhindern, und sogar angekündigt wurde, eine eigene Institution für diese Überwachung zu schaffen“, resümiert der CSR-Experte Bernhard Mark-Ungericht, Professor am Institut für Internationales Management der Karl-Franzens-Universität Graz.

In zahlreichen Ländern Europas, so die Beobachtungen von Mark-Ungericht, wurden daraufhin unter dem Dach des Netzwerks CSR Europe (dessen Präsident Étienne Davignon, in den 1980er-Jahren Vizepräsident der Europäischen Kommission, heute in den Aufsichtsräten einer Vielzahl von multinationalen Konzernen sitzt) Foren gegründet mit dem Ziel, das Thema CSR in der Öffentlichkeit zu besetzen und Lobbying im Interesse der Unternehmen zu betreiben.

Mit Erfolg: An die Spitze aller Debatten über CSR wurde das Prinzip der Freiwilligkeit gestellt, und in einem 2006 erschienenen neuen EU-Buch wird betont, dass unter CSR vor allem auch das Anrecht europäischer Unternehmen auf ein günstiges Investitionsklima zu verstehen sei: „Damit wurde der Diskurs völlig auf den Kopf gestellt, es war von sozialer Relevanz nicht mehr die Rede, schon gar nicht von einklagbaren Standards und ihrer Überwachung, und sogar die ‚Financial Times‘ beklagte damals die extreme Einseitigkeit des Berichts“, erklärt Mark-Ungericht weiter.

Eine 2008/2009 von seinem Institut durchgeführte Befragung von 700 Unternehmen in Österreich zeichnet ein entsprechendes Bild: 90 Prozent der Befragten wollen zwar, dass ihre Wahrnehmung von CSR mit Werbung verknüpft wird, aber nur 3 Prozent gaben an, dass sie auch soziale Verantwortung übernehmen. Insgesamt drei große CSR-Studien hat Mark-Ungericht mit seinen Kollegen von der Forschungsgruppe „Unternehmen und Gesellschaft“ durchgeführt und dabei festgestellt, dass Unternehmen am häufigsten ihre CSR-Aktivitäten dort setzen, wo es bereits gesetzliche Auflagen gibt, etwa im Bereich Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Am zweithäufigsten sind ökonomisch rentable Maßnahmen – etwa beim Energiesparen oder auch bei Umweltmaßnahmen, sofern sie z. B. zum Return of Investment (ROI) beitragen – und am dritthäufigsten solche, die als moralisch geboten erscheinen, wie etwa bei sozialen Beschaffungsauflagen, so der Experte: „Es scheint so, als würden überall nur Minimalpositionen bezogen“, und spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „Zuckerguss über einem vergifteten Kuchen“ und von „Unternehmen, die sich mit CSR weitgehend selbst beweihräuchern“ wollen.

Die Schwierigkeiten mit dem Begriff und dem Umgang mit CSR beginnen schon bei der Definition: Für den Begriff Corporate Social Responsibility gibt es keine einheitliche Eingrenzung. Vor allem im angloamerikanischen Sprachgebrauch, zunehmend aber auch in der deutschsprachigen Literatur, werden in der Diskussion um die Rolle und die Verantwortung von Unternehmen in der Gesellschaft häufig auch Begriffe wie Corporate Responsibility oder Corporate Citizenship verwendet. Die Europäische Kommission charakterisierte 2001 in ihrem „Grünbuch“ CSR als ein „Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren“.

Das Prinzip der Freiwilligkeit erzeugt laut Wikipedia zunächst die Frage nach den wirklichen Beweggründen von CSR: „In den meisten Fällen ist sicherlich davon auszugehen, dass die Unternehmen nicht allein aus reinem Altruismus handeln – vielmehr werden auch Ziele wie etwa Profitmaximierung verfolgt. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass Unternehmen versuchen, den Begriff CSR als Werbemaßnahme zu verwenden, und es nach außen als sozial engagiert verkaufen wollen – in diesem Fall wird von Greenwashing gesprochen.“

Das EU-„Grünbuch“ definiert weiterhin das Drei-Säulen-Modell (Triple Bottom Line) als „Konzept, das davon ausgeht, dass die Gesamtperformance eines Unternehmens daran gemessen werden sollte, in welchem Maße sie beiträgt zu wirtschaftlichem Wohlstand, Umweltqualität und Sozialkapital“. Auch beim übergeordneten Ziel der nachhaltigen Entwicklung werden diese drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales berücksichtigt: „Die ökonomische Dimension zielt dabei auf langfristige Erträge aus den vorhandenen Ressourcen, die ökologische Dimension auf den schonenden Umgang mit diesen Ressourcen und der Natur allgemein und die soziale Dimension auf die Verteilungsgerechtigkeit, das heißt eine intra- und intergenerative Gerechtigkeit“, so etwa Oliver Herchen in seinem Buch „Corporate Social Responsibility. Wie Unternehmen mit ihrer ethischen Verantwortung umgehen“ (Norderstedt 2007).

So weit – so klar. Nur: Wie überprüft man diese Grundregeln, und sollte es dafür einheitliche, vergleichbare, normierte Kriterien geben, und vor allem – sollten diese einklagbar sein? Andreas Schneider, CSR-Verantwortlicher und Normenkoordinator der WKO (also einer unternehmensbasierten Organisation), beschäftigt sich seit einigen Jahren mit diesem Thema. Sein klares Statement: freiwillige Standards ja – Einklagbarkeit und Sanktionen nein.

Schneider hält das Prinzip der Freiwilligkeit für entscheidend: „CSR ist ein Rahmen für Unternehmen, ein Management-Ansatz fü
r die freiwillige Entwicklung unternehmerischer Nachhaltigkeit. CSR zum Gesetz zu erheben, hieße das Kind mit dem Bade ausschütten, denn wenn alles per Gesetz, also auf Druck, geregelt wird, passiert gar nichts. CSR geht über Gesetze hinaus – wenn man da die Latte zu hoch legt, sagt sich ja jeder, wozu soll ich noch mehr machen, da gibt es dann nur noch Dienst nach Vorschrift. Josef Zotter zum Beispiel hat sich in der Steiermark für öko-faire Schokolade-Produktion entschieden, das hat ihm keiner angeschafft, das hat er freiwillig gemacht.“

Und überhaupt macht Schneider aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Man muss ja heutzutage froh sein, dass man überhaupt Unternehmen findet, die über Gesetze freiwillig hinausgehen – manche halten ja nicht einmal die bestehenden Gesetze ein. Und wenn der Staat Österreich noch nicht einmal die Menschenrechtskonvention in die Verfassung aufnimmt, wieso sollte dann ein einzelner Unternehmer mehr tun, als wozu er freiwillig bereit ist?“

Auf alle Fälle wird nun auf nationaler und internationaler Ebene über Normierungen für das Managementkonzept Corporate Social Responsibility nachgedacht: Neben bereits bestehenden österreichischen Normen zu CSR-Themen sind die Arbeiten an einer weltweiten Norm namens ISO 26000 nahezu abgeschlossen, und nach der Zustimmung von 66 Staaten – bei fünf Ablehnungen und sechs Enthaltungen, darunter befanden sich auch Österreich und Deutschland – soll das vorliegende Dokument mit 1. Dezember 2010 als ISO-Standard in Kraft treten. Kernthemen der Norm sind Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, Umwelt, faires Handeln sowie Verbraucherfragen.

Leitfaden für CSR

Nun ist diese ISO 26000 der Internationalen Organisation für Normung beileibe nicht die Eier legende Wollmilchsau, was CSR betrifft: Sie ist und beschreibt sich selbst lediglich als einen „Leitfaden“ und keine zertifizierbare Managementsystem-Norm wie ISO 9001 oder ISO 14001, ein Leitfaden also, dessen Anwendung freiwillig erfolgt und „der Orientierung und Empfehlungen gibt, wie sich Organisationen jeglicher Art verhalten sollten, damit sie als gesellschaftlich verantwortlich angesehen werden können“. In der Zielsetzung des Leitfadens (Dokument N191, Kopenhagen, Mai 2010) heißt es definitiv: „Dieser Internationale Standard ist kein Managementsystem-Standard. Er ist für Zertifizierungszwecke oder für die Nutzung in staatlichen Regelsetzungen oder Verträgen weder vorgesehen noch geeignet. Zertifizierungsangebote oder Erklärungen, nach ISO 26000 zertifiziert zu sein, stellen eine Fehleinschätzung von Zielsetzung und Zweck sowie einen Missbrauch dieses Internationalen Standards dar. Weil dieser Internationale Standard keine Anforderungen beschreibt, wäre jede derartige Zertifizierung keine Konformitätsaussage zu diesem Internationalen Standard.“

Andreas Schneider meint dazu: „Es stellt sich jedoch die Frage, ob sich gesellschaftliche Verantwortung in eine Norm pressen lässt: eine Norm für soziale, ethische und moralische Fragen; global und gültig für jeden. Hier herrscht Unzufriedenheit auf allen Ebenen. Kritiker meinen, dass hier nur Geschäftsfelder für Berater und Zertifizierungsstellen geschaffen werden. Ob die Zertifizierungsindustrie diesen aufgelegten Elfer tatsächlich ungenützt lässt, wird stark bezweifelt: Schätzungen von Experten gehen von einem Milliardenmarkt für die Zertifizierungsindustrie aus. Letztlich stellt sich die Frage, wer Anbietern von ISO-26000-Zertifikaten, derer es schon jetzt einige gibt, daran hindert, die ISO 26000 zertifizierbar zu machen.“

Und er macht sich außerdem Sorgen: „Eine weitere österreichische CSR-Norm, die weit über den weltweiten ISO-26000-Text hinausgehen soll, wird ebenfalls derzeit in den Normungsgremien diskutiert. Unter dem sperrigen Arbeitsgruppentitel ‚Machbarkeit eines normativen CSR-Dokuments‘ wird versucht, eine weit über die ISO 26000 hinausgehende Norm zu schaffen. Diese Norm soll verbindlich und zertifizierbar sein und letztlich gesetzlich verankert werden, was der Freiwilligkeit von CSR total widerspricht.“

Schneiders Fazit: „Eine Norm für die Implementierung eines individuellen – und am Kerngeschäft der Unternehmen ausgerichteten – CSR-Prozesses und ein kurzer und einfach lesbarer Leitfaden ist meines Erachtens sinnvoll. Ethik, Werte, Ideologien, Handlungsfelder zu standardisieren, ist unmöglich.“

Anderes Fazit: Über das Thema CSR und Standards, Normen und Sanktionen ist das letzte Wort mit Sicherheit noch nicht gesprochen.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 66 bis 71 Autor/en: Christian Krebs. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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