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Medien

Zwischen Erfolg und grosser Niederlage

Von Interview: Engelbert Washietl

Horst Pirker, der Ex-Styria-Verlagschef, ist mehr denn je über die Medienzukunft besorgt.

Die Unternehmensberatungsgruppe Boston Consulting sollte eine Langzeitstrategie für den Styria-Konzern entwickeln. Sind die Zwischenergebnisse dieser Strategieplanung für Sie zu spät gekommen oder haben sie Ihren Abgang beschleunigt?

Horst Pirker: Boston Consulting hat mit meinem Abgang überhaupt nichts zu tun. Fredmund Malik, der bekannte Management-Experte von St. Gallen, schreibt in einem Buch: „Eine neue Welt will ans Licht“. Die Zukunft sei nicht nur die Fortsetzung der Vergangenheit. Ich glaube das auch, gerade im Medienbereich will eine neue Welt ans Licht. Das war der zentrale Grund, warum wir Boston Consulting beauftragt haben. Wir hatten dabei das Glück, dass eine Top-Beraterin von Boston Consulting eine Österreicherin ist bzw. eine Italienerin, die einen Österreicher geheiratet hat: Antonella Mei-Pochtler. Die hat sich für das Projekt stark engagiert.

Braucht Styria mehr oder weniger unternehmerisch Expansion? Auch das ist Zukunft. Sie waren der, der expandiert hat, auch auf die Gefahr hin, dass an einigen Stellen nicht so rasch schwarze Zahlen geschrieben wurden.

Ja, aber das war mit den Eigentümern vergemeinschaftet. Wir gehören einer gemeinnützigen Privatstiftung an, da hat es wenig Sinn, ein hochgradig ausschüttungsorientiertes Unternehmen zu führen. Es gab über ein Jahrzehnt Einverständnis, dass wir immer positive Zahlen schreiben, dass wir den Konzern aber wertorientiert führen im Sinne von Wertbildung. Für diese Linie bin ich gestanden: mit abgewogenem Risiko, das heißt unfallfrei, Werte zu schaffen – sowohl materielle als auch inhaltliche.

Ihr Engagement bei der „Presse“ war also eine Wertefrage?

Wenn man „Die Presse“ verkaufen wollte, würde man heute wesentlich mehr dafür bekommen als den Bilanzwert, weil die Zeitung etwas Besonderes ist, wir die Sonntagsausgabe eingeführt und die Präsenz verstärkt haben. Die zweite Seite von Wert ist, dass man in die Gesellschaft auch etwas Meta-Ökonomisches einbringt und sagt, „Die Presse“ ist im Medienbereich so etwas wie das Burgtheater in der Kultur. Diese Zeitung zu entwickeln, das ist ein Wert, den man der Gesellschaft, der Demokratie zur Verfügung stellt. Gleichzeitig ist „Die Presse classic“ seit vergangenem Jahr spürbar in den schwarzen Zahlen und wird heuer wahrscheinlich in der Gruppe mit der neu gegründeten „Presse am Sonntag“ trotz deren Anlaufverlusten eine schwarze Null schreiben.

Hat Ihnen einmal jemand ein Kaufangebot für die Zeitung gemacht?

Ja, da hat vor ein paar Jahren auch jemand angeboten …

Hans Dichand?

Nein, das war ein ähnlich prominenter Österreicher. Für mich war das aber keine Überlegung wert. Ich hätte keinen Grund gesehen, „Die Presse“ zu verkaufen. Sie ist auch noch nicht so entfaltet, wie ich mir das vorstelle, da wird sie noch drei Jahre brauchen.

Der Ursachenkomplex für Ihr Zerwürfnis mit dem Aufsichtsrat ist noch immer geheimnisvoll. Hätte die Entwicklung einen anderen Verlauf genommen, wenn Sie in dem reich verzweigten System von Styria-Tochterfirmen im In- und Ausland Ballast abgeworfen hätten?

Das kann ich nicht genau sagen. Aber sehr viel Ballast ist nicht da. Es gibt wenig, was den Konzern wirtschaftlich belastet. Die einzige nennenswerte Belastung, die mir einfällt, ist die slowenische Tageszeitung „Zurnal“, eine Neugründung. Sie ist aber schon Führer im Leser- und Anzeigenmarkt. Das „Wirtschaftsblatt“ wird heuer noch ein paar Hunderttausend Euro verlieren, „Die Presse“ ausgeglichen sein, die Magazingruppe, von der alle gesagt haben, sie sei irreparabel, wird vermutlich ein positives Ergebnis erzielen.

In Ihrer letzten Phase als Vorstandsvorsitzender ist ein Projekt völlig schiefgegangen: die Inhalierung der Moser Holding durch Styria. War das eine falsche Idee oder scheiterte sie bloß an den Durchführern?

Die Idee war richtig. Sie sprechen berechtigt von einer Niederlage. Das Scheitern mit der Moser Holding war die ganz große Niederlage meines beruflichen Lebens. Der Grund war vermutlich, dass wir uns alle zusammen vor der Wirtschaftskrise des Jahres 2009 zu sehr gefürchtet haben und zu kleinmütig wurden. Wir von Styria waren empfindlich wegen der Ergebnisabweichungen in Oberösterreich, und die Moser-Holding hat auf die Empfindlichkeit reagiert. Ich habe nicht die Gelassenheit gehabt, das einfach ohne Wenn und Aber durchzuziehen, weil ich wegen der Dramatik der Wirtschaftskrise so erschrocken war.

Durch die Misserfolge der Moser Holding im Zusammenhang mit der „Oberösterreichischen Rundschau“ wurden Sie zusätzlich aufgeschreckt?

Es war wohl genau das. Wir hatten im Konzern kaum negative Ergebnisabweichungen, aber den Tirolern ist eben rund um Oberösterreich etwas passiert. Da verrate ich ja keine Geheimnisse. Diese Ereignisse haben mich sehr nervös gemacht. Und dass sich die Moser Holding dann aus dem Vorhaben zurückzog, war wahrscheinlich auch eine Reaktion auf meine Nervosität.

Im Krisenjahr 2009 haben Sie quer durch alle Styria-Unternehmen ein Sparprogramm nach dem Rasenmäherprinzip verordnet, soweit ich mich erinnere, totalen Personalstopp und eine Ausgabenkürzung um 20 Prozent.

Ja, aber wir haben nie 20 Prozent eingespart, sonst würden wir jetzt im Geld schwimmen, sondern vielleicht 5 Prozent.

Die Betroffenen empfanden das wegen der Auswirkungen im Arbeitsalltag als schwere Belastung. Am Ende stand in der Styria-Bilanz für 2009 ein Gewinn von 6,25 Millionen Euro. Halten Sie das für richtig, dass der Unternehmensgewinn Priorität hat und gewissermaßen auch das Wohlergehen der Mitarbeiter bereits definiert?

Wenn Sie schon so genau hinschauen, werden Sie auch sehen, dass wir keine Mitarbeiter entlassen und auch das Unternehmen auf sicherem Boden geführt haben. Da gibt es in Summe nur Gewinner.

Sie sind nicht mehr Vorstandsvorsitzender in der Styria Media Group, nicht mehr Präsident des Österreichischen Zeitungsverbands und werden nicht Präsident des Zeitungsweltverbandes WAN-IFRA. Sie hätten also viel Zeit, über die österreichische Medienbranche nachzudenken. Was fällt Ihnen spontan dazu ein?

Was mir am meisten auffällt, ist, dass ich schon bisher zu wenig Zeit gefunden habe, über die österreichische Medienlandschaft nachzudenken, und dass sich das in den Wochen, in denen ich jetzt freier wäre, nicht geändert hat. Aber es wäre bitter nötig, darüber nachzudenken. Wir sind nämlich weit davon entfernt, die Zukunft zu gestalten. Wir – und einschließlich Styria und meiner Person – versuchten und versuchen, die Vergangenheit ein Stück zu verlängern. Wir wissen zu wenig über die Zukunft, sind dabei aber in bester Gesellschaft. Ich sehe auf der ganzen Welt im Medienbereich kaum Antworten für das, was uns bevorsteht. Es gibt singuläre Ausnahmen wie Bloomberg und bis zu einem gewissen Grad Reuters. Die haben ein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Also bleibt uns nichts übrig, als einfach weiterzumachen?

Wir dürfen überhaupt nicht einfach weitermachen. Wir müssen über unser Geschäft viel grundsätzlicher nachdenken und versuchen, die künftige neue Welt zu identifizieren. 95 Prozent unserer Ressourcen gehen leider drauf, um die alte Welt hinüberzuretten.

Wenn Sie Anfang des nächsten Jahres als Medienmanager des Jahres auf der Bühne stehen werden – werden Sie dann beruflich noch zu Österreich gehören?

Jetzt sage ich einmal: Für mich als einem Zurückgetretenen ist es gar nicht so einfach, diese Ehrung anzunehmen, zumal ich diese Auszeichnung schon einmal bekommen habe. Ich halte die Annahme diesmal nur für vertretbar, wenn ich sie zur Gänze den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Styria widme. Ich bin ein Symbol für diese Leute, die ja noch immer im Geschäft sind. Die Antwort auf Ihre Frage aber lautet schlicht und unbefriedigend: Das kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen.

Werden Sie
in der Medienbranche bleiben?

Auch das kann ich noch nicht mit letzter Sicherheit sagen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Ich möchte in den nächsten Wochen der Antwort näherkommen, wie man in Zukunft nachhaltig Medien machen kann. Es geht mir dabei um den Inhalt. Das Geldverdienen ist bloß eine unverzichtbare Nebenbedingung medialer Inhalte.

Sie haben ja eine ganze Dissertation darüber geschrieben.

Ja, aber die stammt aus dem Jahr 2007, und ich muss Ihnen offen sagen, dass ich heute weniger optimistisch bin, als ich im Jahr 2007 war.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 34 bis 37 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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