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Medien

Zwölf Designkonzepte für das iPad

Von Pedro Monteiro

Das iPad ist da und es werden bald noch weitere Tablet-PCs folgen. Mit welchen Konzepten können Medienmacher das Potenzial und den Nutzen dieser neuen Geräte maximieren? Zwölf Tipps von Pedro Monteiro.

1. INHALT IST ALLES. Ja, Grafikdesign ist für die Entwicklung einer iPad-App auch sehr wichtig, aber der Inhalt sollte der entscheidende Faktor sein. Eine App sollte immer den Lesern die bestmögliche Leseerfahrung bieten. Man darf sich nicht in all den Anwendungen verlieren können, die der Tablet-PC bietet. Vermeiden Sie bitte, jedes Bild in eine Slideshow einbinden zu wollen. Die Gestaltung für das iPad beginnt damit, den äußeren Rahmen für einen Artikel zu skizzieren. Dadurch werden Sie ganz genau erfahren, wie schließlich das Endprodukt gestaltet werden sollte.

2. NEUE DIGITALE ERZÄHLFORMEN UND EINE NEUE GRAMMATIK. Sie könnten einen Artikel mit einem Video einleiten und dann mit dem Text fortfahren, mit einem Vollbild beginnen und dann dazu übergehen, den Text mit einer Slideshow zu illustrieren. Letzten Endes muss man verstehen, dass jede Information Bestandteil einer Sequenz sein sollte, die das Lesen des Artikels zu einem einmaligen Erzählerlebnis werden lässt. Dazu müssen Sie neue Fertigkeiten und eine neue Erzähl-Grammatik entwickeln. Es gibt dafür bereits gute Beispiele: Lesen Sie doch einmal das Multimedia-Dossier der „New York Times“ zu den Olympischen Winterspielen. Oder schauen Sie sich den Grafikbereich auf Lainformacion.com an. Die Kernelemente für die Erstellung von Multimedia-Inhalten sind Audiodateien, Videos, Bilder und Slideshows, interaktive Inhalte und vor allem Ideen dafür, wie man eine gute Geschichte am besten vermitteln kann. Das sind keine schwierigen Fähigkeiten und Sie brauchen kein preisgekröntes Video, um eine gute Geschichte zu konstruieren.

3. NACHRICHTEN, DIE SIE LESEN, ANSEHEN UND ANFASSEN KÖNNEN. Tablet-PCs bestehen meistens aus einem großen Bildschirm, auf dem Sie mit dem Finger navigieren können. Nachrichten darüber zu empfangen, ist viel mehr, als nur zu lesen oder Bilder anzusehen. Ihre Leser, die diese Tablet-PCs nutzen oder nutzen werden, möchten durch Multimediaformate, Audiodateien usw. tief in eine Geschichte „hineingezogen“ werden. Sie empfinden es als ganz natürlichen Vorgang, per Touchscreen Inhalte anzufassen und zu bewegen. Einen Artikel auf dem iPad zu lesen, beinhaltet eine Menge Erlebnisse, einen ständigen Strom verschiedener Inhalte sowie einen Mix aller „alten“ Medien (einschließlich des Internets), deren einziger Zweck es ist, Informationen auf die beste und interessanteste Art und Weise zu präsentieren.

4. ES IST LEISE, ES SEI DENN, SIE WOLLEN SOUND. Im Printbereich sind wir es nicht gewohnt, Soundeffekte als einen wichtigen Bestandteil des Erzählprozesses zu nutzen. Auf unseren Webseiten mag er vielleicht zum Einsatz gekommen sein, aber dabei haben wir uns trotzdem auf unsere Kernkompetenzen, Text und Bilder, konzentriert. Wenn Sie eine Geschichte für Tablet-PCs gestalten, denken Sie bitte daran, dass der Sound eine wichtige Rolle in Ihrer Erzählung spielt. Wo Texte in der Printform nur begrenzt Platz finden, kann eine Audiodatei mit einer Slideshow auf dem Tablet-PC Ihren Lesern sehr viel mehr Worte bringen, tief gehende Informationen liefern und so Ihre Prosa ins rechte Licht rücken.

5. EIN TABLET-PC IST KEINE WEBSEITE. Aber auch keine PDF-Version der gedruckten Zeitung. Inhalte für ein Tablet-PC zu gestalten, erfordert, die perfekte Balance zwischen dem langsamen Genuss des Lesens und der Reichhaltigkeit zu finden, die digitale Inhalte bieten können. Bei der Gestaltung für den Tablet-PC können auch einige Printprinzipien übernommen werden, wie mehrere Einstiegspunkte in den Artikel, eine professionelle Typografie und eine klar strukturierte Hierarchie, aber nutzen Sie auch die digitalen Vorteile, wie Hyperlinks für Worte und Tags sowie Pop-up-Menüs für Zusatzinformationen. Bedenken Sie immer, dass gutes Erzählen mehrere „Informationsschichten voraussetzt“, durch die sich Ihre Leser beim Lesen Ihres Artikels durcharbeiten müssen.

6. DIE 70/10/20-FORMEL. Eine Anwendung für Tablet-PCs sollte über Ihr Online- und Printmaterial hinausgehen. Auf einem Tablet-PC erwarten Ihre Leser einen zusätzlichen Umfang und Bandbreite. Aber in den heutigen Nachrichtenredaktionen, in deren schnelllebigem Treiben es darum geht, täglich eine Zeitung herauszubringen, kann man nur begrenzt neue Inhalte produzieren. Die Formel, die in einem solchen Umfeld anzuwenden ist, nenne ich die 70/10/20-Formel. 7o Prozent des Inhalts Ihrer App muss ohne größere Veränderungen aus der Printausgabe stammen, sodass nur noch ein paar Videos oder Slideshows hinzugefügt werden müssen. 10 Prozent stammen aus den traditionellen Printabschnitten, die sofort von der Digitalisierung profitieren werden. Das Kreuzworträtsel beispielsweise wird digitalisiert viel interessanter. Es kann ein Punktestand eingefügt werden, Hilfestellungen bei Bedarf und sogar ein „Leserpodium“, auf dem die Mitglieder der Community ihre Ergebnisse vergleichen können. Das Wetter kann per GPS-Technologie für einzelne Orte angezeigt werden, sodass die Leser einen Wetterbericht genau für ihren Aufenthaltsort erhalten. Die letzten 20 Prozent des täglichen Contents bestehen aus Artikeln, die von vornherein als Multimedia-Paket entwickelt und produziert werden. Das ist der Inhalt, der als perfekt für den Nachrichtenkonsum auf Tablet-PCs herausstechen wird.

7. DAS KERN-TABLET-PC-TEAM IN DER NACHRICHTENREDAKTION. Für Tablet-PCs zu veröffentlichen, setzt voraus, dass bestimmte Kenntnisse im Newsroom verbreitet werden müssen. Sie werden Input sowohl vom Online- als auch vom Offline-Team brauchen und die Art und Weise neu gestalten müssen, wie diese beiden Teams miteinander agieren. Wie bereits erwähnt, ist Inhalt immer noch der wichtigste Faktor und gutes, innovatives Erzählen ist das Schlüsselelement für den Erfolg einer App. Das kann nur mit einem Newsroom erreicht werden, der sich Multimedia-Erzählungen ausdenken und produzieren kann und diese von Beginn an mit einplant. Sie werden einen Multimedia-Redakteur brauchen, der bereits beim morgendlichen Redaktionsmeeting einschätzen kann, welche Nachrichten für diese letzten 20 Prozent an Inhalt am besten geeignet sind. Der Redakteur muss die verschiedenen Multimedia-Parts identifizieren und festlegen, welche Teammitglieder am besten ausgerüstet sind, um das Paket zu produzieren. Gleichzeitig hat er die Aufsicht über das Produktionsmaterial während des gesamten Tages. Im Tablet-PC-Team werden Sie visuelle Journalisten benötigen, welche die 20 Prozent an Artikeln mit dem Redakteur entwerfen sowie den Ablauf und die Navigation der Artikel verwalten. Zum Team sollten Journalisten gehören, die Audio-, Video- und fotografische Kenntnisse haben, um den Content zu produzieren, ebenso wie professionelle Infografiker, die interaktive Karten und Grafiken für die App erstellen können. All diese Leute sitzen bereits in Ihrer Nachrichtenredaktion, aber mit der Einführung des Tablet-PCs muss eine neue Position bei Ihrer Zeitung eingerichtet werden: die des Entwicklers, eines Fachmanns, der programmieren kann und letztendlich auch noch journalistische Fertigkeiten entwickeln wird. Dieser Mitarbeiter des Teams spielt eine sehr wichtige Rolle, insofern als er die traditionelle Kreativität der Zeitungsbranche erweitern wird und das riesige Potenzial des Tablet-PCs dafür nutzen kann, neue Möglichkeiten zu finden, um Nachrichten und andere Informationen sowie Werbung mit anderen Nutzern teilen zu können. Je größer die Rolle wird, die Tablet-PCs im Journalismus einnehmen, desto mehr Entwickler werden auch in Ihrer Nachrichtenredaktion sitzen. In ein paar Jahren wird Code-Schreiben/Programmieren zum Pflichtprogramm an jeder journalistischen Fakultät werden.

8. EINE ZEITUNG, VIELE APPS. Mit dem Tablet-PC wird es leichter werden, themenspezifische, hochwertige und aktuelle Anwendungen für Ihre Leser zu erstellen. Dadurch wird Ihr Markenname gestärkt, den die Leser schon bald mit qualitativ hochwertigen Nachrichten verbinden werden. Diese speziellen Edition-Apps schaffen einen Mehrwert für Ihr Unternehmen un
d festigen die Bindung zu Ihren Lesern. Für viele unterschiedliche Ereignisse, ob geplant oder ungeplant, können solche speziellen Apps erstellt werden. Denken Sie nur daran, wie viel Nutzen diese Tablet-PC-Apps für die Millionen Menschen weltweit bringen könnten, die Sportgroßveranstaltungen mitverfolgen möchten. Zeitungen könnten eine spezielle App produzieren, mit der man die vollständige Berichterstattung anbieten könnte, die beispielsweise durch zusätzliche Teamdaten, Spielerinformationen und Strategien ergänzt werden würde. Videos könnten dabei eine wichtige Rolle spielen, nicht nur, um beispielsweise Tore und die besten Spielzüge eines Spiels zu zeigen, sondern auch, um die Leistungen der Spieler zu analysieren – eine Mischung aus Videos und kommentierten Audiodateien mit Zeitlupen und Informationen aus Infografiken über den Videobildern. Wäre der Tablet-PC bereits weit verbreitet gewesen, als der isländische Vulkan zu Beginn dieses Frühlings den Luftverkehr lahmgelegt hatte, dann hätte eine spezielle App den Nutzern helfen können, die weit weg von zu Hause gestrandet waren. Anstatt weiter auf das Chaos einzugehen, das von der Aschewolke verursacht wurde, hätte sie den Reisenden durch bestimmte Informationen helfen können: wichtige Telefonnummern, ein Kommunikationskanal mit Fluggesellschaften und Behörden aus den Heimatländern Ihrer Leser hätte eingerichtet werden können und vielleicht sogar ein interaktives Forum in der App (und auf Ihrer Webseite), über das billige Unterkünfte oder alternative Reiserouten nach Hause hätten gefunden werden können. Die einzige Beschränkung für die Kreation spezieller Apps ist die Fantasie Ihrer Mitarbeiter.

9. DENKEN SIE AN DAS WERBEERLEBNIS. Eine der Schlüsselfunktionen einer Zeitung war es immer, Werbekunden eine Plattform zur Kommunikation mit dem Publikum bereitzustellen und den Lesern dadurch gleichzeitig einen Service zu bieten. Apps für Tablet-PCs können diese Aufgabe auf digitaler Ebene sogar noch besser erfüllen. Denken Sie bei der Gestaltung Ihrer Apps daran, dass die Neuerungen, die die Tablet-PCs bieten, nicht nur für redaktionelle Inhalte interessant sind, sondern auch für die Inhalte Ihrer Anzeigenkunden. Haben Sie keine Angst, neue Ideen auszuprobieren, und arbeiten Sie eng mit der Werbeabteilung Ihrer Zeitung zusammen. Falls Ihr Tablet-PC-Team gut mit den neuen Optionen, die der Tablet-PC bietet, umgehen kann und Ihre Werbepartner noch nicht, dann vermitteln Sie ihnen Ihre Kenntnisse und helfen Sie ihnen dabei, für Ihre Leser ganz neue Leseerlebnisse zu gestalten. Letztendlich werden Ihre Leser die Apps nämlich als einen Gesamtinhalt sehen, der aus redaktionellem Inhalt und Werbung besteht, und es ist die Aufgabe Ihrer Mitarbeiter, diesen optimal zu präsentieren.

10. DIE NAVIGATION MUSS EINFACH SEIN. Wenn Ihre gestaltete App einen Extra-Menüpunkt braucht, um die Navigation zu erklären, dann haben Sie etwas falsch gemacht. Multitouch und ein gut durchdachtes Design sollten die Bedienung Ihrer App intuitiv und einfach machen.

11. LASSEN SIE IHRE LESER EIN PAAR VERBORGENE FUNKTIONEN ENTDECKEN. Seien wir mal ehrlich, wenn die Nutzer mit ihren Fingern auf dem Bildschirm Inhalte navigieren, dann möchten sie die Funktionen Ihrer App auch vollends ausschöpfen. Das iPad nutzt einen Beschleunigungssensor, durch den man Grafiken als eine Art von Interaktion mit dem Gerät kippen, bewegen und drehen kann. Deshalb ist es wichtig, die Navigation in der App einfach zu halten, um auch jedem Nutzer die Chance zu geben, auf den gesamten Content der App zugreifen zu können. Aber scheuen Sie sich nicht davor, ein paar Extra-Features einzubauen, um dem Leser ein paar „versteckte“ Funktionen zu bieten. Sie werden es lieben, diese Optionen zu entdecken. Beobachten Sie, was funktioniert und was nicht, indem Sie die Kommentare Ihrer Leser berücksichtigen und gegebenenfalls die Navigation ein wenig umgestalten.

12. MACHEN SIE DEN BETATEST. Wir stecken noch in der Anfangsphase des neuen Tablet-PC-Abenteuers. Weder Sie noch Ihre Leser wissen wirklich, was alles mit diesen neuen Geräten gemacht werden kann. Lassen Sie sich jedoch davon nicht einschüchtern. Nehmen Sie es als eine Möglichkeit an, bei der sich Ihre Apps ständig weiterentwickeln und verbessern. Momentan können Sie Ihre Printzeitung auch nicht jedes Mal umgestalten, wenn sie veröffentlicht wird. Auch Ihre Webseite können Sie nicht jeden zweiten Tag neu designen. Auf dem iPad kann und sollte die Weiterentwicklung Ihrer Apps einfach mit der Zeit Schritt halten, aber lassen Sie das Grundgerüst der App so, wie es ist. Hören Sie aber auf die Vorschläge Ihrer Leser und probieren Sie neue Lösungen aus. Designen beruht meistens auf der Versuch- und-Irrtum-Methode, wenn man die beste Lösung für ein Problem finden will. Machen Sie sich diesen Ansatz zu eigen, wenn Sie an Ihrer Anwendung arbeiten. Wir befinden uns noch ganz am Anfang, deshalb erwartet und akzeptiert Ihr Publikum auch Betaversionen und ständige Weiterentwicklungen.

Pedro Monteiro

ist Berater bei Innovation International Media Consulting Group.

monteiro@innovation-mediaconsulting.com

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 44 bis 45 Autor/en: Pedro Monteiro. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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