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Behinderte Medien - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2010 » Ausgabe 12/2010+01/2011 »

Praxis

Behinderte Medien

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Nur der körperlichen Behinderung halber will kein Journalist von klassischen Medien akzeptiert werden. Chancen, nicht Quoten, werden von vier Medienprofis gefordert.

Mediales Mitleid hat Martin Habacher weder beruflich noch in Berichten über sich selbst notwendig. Der 33-Jährige ist kein Journalist, wie er mit großem Nachdruck betont: „Ich bin Blogger und gerade dabei, mich im Bereich Social Media als Redakteur zu etablieren.“ Zudem wirkt Habacher als Filmer und Schauspieler. Doch Redaktionen sind meist Barrieren: „Solange es Medien im Online-Bereich sind, gibt es für körperlich Behinderte keine Einschränkung. Sobald die reale auf die virtuelle Welt trifft, gibt es Schwierigkeiten. Es ist schon ein Problem, die Qualifikation als Journalist zu erreichen, weil manchen Unis die Gegebenheiten fehlen. Außerdem mangelt es an Praktikumsplätzen.“

Sein Medienimperium hat sich Habacher selbst geschaffen, den Blog www.mabacher.com: „Er ist meine wichtigste Kommunikations- und Publikationsplattform. Ich verdiene nichts dabei, baue mir aber ein Portfolio auf.“

Martin Habacher bloggt und twittert, ist in seinem elektrischen Rollstuhl viel unterwegs und hält via Smartphone Kontakt zur virtuellen Welt. „Ich kann das große Potenzial des Internets von meinem Zimmer aus nutzen, bin technisch in der Lage, Dinge zu bewegen und im sachlichen Sinne zu manipulieren. In der virtuellen Welt können selbst Menschen, die nur den Kopf bewegen können, Computerprogrammierer sein.“ Einmal monatlich verlässt Twitter den Cyberspace, beim „Twittagessen“ (www.twittagessen.de) wird so manches Pseudonym höchst lebendig – Habacher ist mit dabei. In seiner Twitter-Bio vermerkt er: „Ich sitze im Stehen. Ich gehe im Fahren. Ich networke im Realen wie im Surrealen. Ich kommuniziere von unten, der Mitte und von oben.“ Tagtäglich lässt Habacher die Welt an seinen Ärgernissen oder Freuden teilhaben. Von Kopf bis Fuß stilvoll gewandet, das linke Glas seiner randlosen Brille ziert ein blaues Piercing, die Auswahl an Kappen scheint gewaltig. „Ich bin 90 cm groß. Ich fahre den ganzen Tag (ja, auch aufs WC) … Später fand ich dann noch einen Weg, an Kleidung für Erwachsene ranzukommen, womit ich mir die eine oder andere Rangelei mit Bugaboo-Piloten im H&M ersparen konnte!“, steht im Blog zu lesen.

Vergangenes Jahr hat sich Habacher mit „Politik Rad an Rad“ als Prölls Superpraktikant beworben, belegte mit dem Angebot eines „Perspektivenwechsels“ in der ersten Runde wochenlang Platz eins der Praktikanten-Charts. Stockkonservativ wie öde: mit letzter Kraft mobilisierte die junge ÖVP auch noch den letzten Sympathisanten, ließ eine Superpraktikantin aus dem nahen Umfeld gewinnen. Eine Woche Vizekanzler im Handrollstuhl wäre der Diskussion um Barrierefreiheit dienlich gewesen. Am 3. Dezember wurde anlässlich des Welttags der Menschen mit Behinderung der erste österreichische Zivilgesellschaftsbericht zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung präsentiert. Eine Watschen für die Politik. Allein die baulichen Barrieren sind hinderlich wie eh und je: sollten sie etwa in öffentlichen Gebäuden bis 2016 beseitigt sein, wurde diesem Recht eine weitere Vier-Jahres-Hürde auferlegt.

Sport mit Hindernissen

Solcherlei Bosheiten erzürnen den Salzburger Journalisten Harald Saller, 29, der unter anderem regelmäßig für die „Salzburger Woche“ schreibt. Der freie Journalist ist auch Fotograf, verfasst ebenso Sport- wie Chronikgeschichten und Reportagen. „Wenn schon die öffentlichen Gebäude nicht barrierefrei sind, ist das ein Armutszeugnis.“ Ärgerlich wird Saller auch bei Medien, die körperlich behinderten Menschen Stolpersteine in den Weg legen oder sie schlicht ignorieren. Sei es durch Schreiberei, die Gehirn vermissen lässt, oder Vermauern von Arbeitschancen. Harald Saller hat von Geburt an das Roussy-Syndrom, vor allem die Sehnenbereiche im Knie- und Armbereich sind verkürzt – „dadurch sind meine Knochen nicht so gewachsen, wie sie sollten“. Gehen muss er gebückt, wirkt deshalb viel kleiner, als er tatsächlich ist. Für eine schnellere Fortbewegung ist auch ein Cityroller mit im Auto. „Meine Behinderung war in meiner Familie, Schule und Freundeskreis nie ein Thema. Ich war immer gut integriert, war nie ausgeschlossen und habe mir nichts entgehen lassen. Das liegt aber vielleicht auch daran, weil ich sehr offensiv auf andere Menschen zugehe und mich nicht verstecke.“

Sportliches Auftreten ist essenziell: dazu zählen die Tag-Heuer-Armbanduhr, die Le-Mans-Sportlederjacke und das BMW-Coupe. „Dafür gebe ich gerne Geld aus, das ist mir wichtig.“ Als Kind spielte der Journalist den Torhüter, war die Nummer zwei im Schul-Tischtennis, hat Tennis gespielt und das Langlaufen ausprobiert – bis ihn seine Knie allzu sehr schmerzten. Heute genießt er das „passive Sporterlebnis“, ist Rapid-Fan. Doch die größte Leidenschaft gilt dem Motorsport – Monoposti, Formel 1, Tourenwagen.

Barrieren kennt Saller, seit er erwachsen ist und sich für den Journalismus entschieden hat: „Bei einem Vorstellungsgespräch wurden mir Fragen gestellt, bei denen ich dachte, da kann ich auch wieder aufstehen und gehen. Einer fragte, ob ich überhaupt tippen kann.“ An der Universität Salzburg absolvierte Saller den Lehrgang zum Akademischen Sportjournalisten, zeitgleich einen integrativen Journalismus-Lehrgang am Kuratorium für Journalistenausbildung und ebendort auch das 17. Österreichische Journalisten-Kolleg – sein Jusstudium hat der Journalist im zweiten Abschnitt vorerst eingestellt.

„Das größte Problem in den Medien ist, dass es nur wenige Menschen mit Behinderung und gleichzeitig journalistischen Fähigkeiten gibt. Ich selbst kenne gerade mal fünf Leute. Die Chefetagen sind zu wenig sensibilisiert.“

Vom Kündigungsschutz hält Saller nur wenig: „Er ist hinderlich und müsste individuell entschieden werden können.“

Wortwahl und präzises Schreiben sind ein Selbstverständnis für jeden Journalisten. Doch Erstaunliches wird gedruckt: von Standards wie „an den Rollstuhl gefesselt“ bis zum Titel „Lebensretter trotz Behinderung“, von der Trennung zwischen „gesunden“ und „kranken“ Menschen, auch wenn eine körperliche Behinderung keine Krankheit ist. „Es werden oft Storys gemacht, die keine sind und rein auf Mitleid aufbauen. Ein behinderter Mensch ist entweder ein Superheld, Wunderwuzzi oder einfach bemitleidenswert.“ Dass Politiker geheuchelt korrekte Formulierungen wie „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ verwenden, ist für den Journalisten grausig: „Der Begriff ist einfach nichtssagend, überpolitische Korrektheit kann schnell peinlich werden.“ Die Missstände will der Journalist aufzeigen: „Ebene eins ist die erbärmliche Berichterstattung, Ebene zwei sind fehlende Sensibilität und Chancen. Gleichstellung ist generell ein gesellschaftliches Problem, bei Frauen und Männern geht ja auch nichts weiter.“ Im Rahmen des Sportjournalismus-Lehrgangs an der Uni Salzburg unterrichtet Saller das Thema „Diskriminierende Sprache in den (Sport-)Medien“. Feingefühl im Verfassen von Artikeln genauso wie praktische Übungen. „Mir ist einfach wichtig, dass neutral über Menschen mit Behinderung berichtet wird, sie nicht zu einer Sensation gemacht oder gar instrumentalisiert werden, wie es bei ‚Licht ins Dunkel‘ der Fall ist. Allein schon der Ausdruck suggeriert doch, dass es im Leben von Menschen, denen es nicht so gut geht, nur dunkle Momente gibt.“

Zweimal probieren

Der Salzburger Journalist Manfred Fischer, 48, hat seinen Leitspruch dem Leben angepasst: „Man sollte alles zweimal probieren. Wenn es beim ersten Mal schiefgegangen ist, kann es auch ein schlechter Tag gewesen sein.“ Vor 20 Jahren bekam Fischer eine Diagnose, die keine ist. „Eine schleichende Erkran
kung der Nerven im Rückenmark, mehr ist nicht bekannt. Ich konnte meine Beine immer weniger kontrollieren.“ Fischer studierte Geschichte und Philosophie, arbeitete als freiberuflicher Historiker. Gemeinsam mit Harald Saller absolvierte er den integrativen Journalismus-Lehrgang, später noch den Lehrgang LiNK-pr für Kommunikation und barrierefreie Public Relations in Wien. Zwei Jahre arbeitete Fischer als Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in der Salzburger Landesregierung (Referat Salzburger Volkskultur), so lange, wie ihn seine Beine auf Krücken trugen. „Die Arbeit dort aufzugeben, war sehr schwierig für mich. Ich war mit Leib und Seele in meinem Job.“

Seit 2002 sichert ein Rollstuhl Fischers Mobilität, kleine Wege bis zu fünf Meter legt er noch auf Krücken zurück. Sein Auto wurde adaptiert, Bremse und Gas werden von einem Hebel am Lenkrad betätigt. Seit sechs Jahren werkt Manfred Fischer als freier Journalist, schreibt vorwiegend Wissenschaftsberichte mit Schwerpunkt Astronomie und Geschichte, Reisereportagen und regionale Geschichten. Arbeitet für die „Braunauer Warte“, das Fachmagazin „Behinderte Menschen“, die Nachrichtenplattform Bizeps-Online und die Online-Plattform www.welcomeatwork.at. Außerdem hält der Journalist Vorträge zum Thema nicht-diskriminierende Berichterstattung über behinderte Menschen beim österreichischen Journalisten-Kolleg in Salzburg und an der oberösterreichischen Journalistenakademie in Puchberg bei Wels.

Der Vater von zwei Söhnen, 14 und 17 Jahre alt, hat eine Persönlichkeit, die sich nicht kleinkriegen lässt. „Ich habe nur ein Leben und das will ich nicht mit Depressionen verbringen. Ich will mich auf die Sachen konzentrieren, die ich kann, und nicht auf das, was ich nicht mehr kann. Sonst würde ich versauern.“ Seit Fischer mit einem Rollstuhl lebt, hat er auch Tauchen gelernt – auf der Rehabilitation im Pool getestet, reist Fischer heute mit dem Verein Scuba Rehab (www.scuba-rehab.com) zu Tauchgängen, etwa nach Kroatien.

Verwundert ist der Journalist, wenn er sich zu Pressekonferenzen aufmacht und dabei viele Barrieren vorfindet. Bisweilen in Gasthäusern, dann in Gemeindezentren. „Barrierefreiheit wird dadurch zumindest zum Thema. Wenn ich als Behindertenvertreter komme, dann bereiten sich die Veranstalter vor, aber bei einer normalen Pressekonferenz eben nicht.“ Aufgefallen ist Manfred Fischer auch die Ignoranz: „Ich werde manchmal im Rollstuhl nicht als Journalist wahrgenommen. Wenn ich jemanden zum Interview treffe, werde ich am Treffpunkt nicht angesprochen. Das kränkt mich nicht, aber ich finde es interessant. Da sehe ich, dass körperlich behinderten Menschen nicht alles zugetraut wird.“ Ganz anders ist das in Großbritannien und bei der BBC, hier ist unter anderem „Ouch!“ (www.bbc.co.uk/ouch/) ein Vorreiter. „Ich würde mir wünschen, dass Medien ihre Barrieren im Kopf abbauen und dass auch behinderte Journalisten zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, eine Chance bekommen, wie jeder andere auch. Auf keinen Fall geht es darum, Quotenbehinderte in Redaktionen zu setzen.“

Mit Bizeps und Biss

Martin Ladstätter, 44, sitzt wegen einer Muskelerkrankung im elektrischen Rollstuhl – mehr ist dazu nicht zu sagen, denn dem Journalisten Ladstätter geht es naturgemäß vor allem um seine Arbeit. Um Bizeps (www.bizeps.or.at, Zentrum für Selbstbestimmtes Leben). Der Nachrichtendienst wurde im August bereits 15 Jahre alt. Martin Ladstätter hat bis Redaktionsschluss 3.766 Artikel auf Bizeps verfasst und garantiert: „Wir sind im Behindertenbereich der größte Nachrichtendienst Österreichs.“ Den klassischen Medien rät der Journalist zu einer Verjüngungskur: „Die Medien sollten offensiver und offener an das Thema rangehen. Das ist eine Kompetenz, die etwa im ORF fehlt. Behinderung ist keine Qualifikation, deshalb brauchen wir Ausbildungen, die körperlich behinderte Menschen nicht ausschließen. Diese Kollegen bieten einen Mehrwert für die Medien, denn sie haben Lebenserfahrung.“

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 112 bis 115 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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