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Medien

Der Klartext-Schreiber

Von Theresa Steininger

Andreas Koller ist der Journalist des Jahres.

Ein „Experte im besten Sinne“, „hochseriös, hochintelligent, außerordentlich sachkundig“, „unbestechlich, verlässlich“, „einer, der selbst noch Kollegen mit detailreichem Faktenwissen überrascht“ – wer sich in der Branche über Andreas Koller, stellvertretenden Chefredakteur, Innenpolitikchef und Leiter der Wiener Redaktion der „Salzburger Nachrichten“, erkundigt, hört nur das Beste. Viele werden ihm die Auszeichnung „Journalist des Jahres“ gönnen. Bereits zum vierten Mal wird er auch zum besten Innenpolitik-Kollegen gekürt.

Kein Wunder – ob die jüngsten Regierungsquerelen, Straches Chancen, Pisa und Proporz, Verwaltungsreform und Uni-Desaster … Koller analysiert sie in seinem „Klartext“ detailreich und auf den Grund gehend, mit interessanten Querverweisen, zudem für jedermann verständlich. Das große Interesse für sein heutiges Fachgebiet wurzelt bereits am elterlichen Mittagstisch. Mit dem Vater, einem ÖVP-Basispolitiker, führte Andreas Koller in seiner Jugendzeit oft heftige Diskussionen. „Politik war somit immer schon mein Hobby, Kreisky und Zwentendorf haben mich politisiert“, sagt er. In die Politik zu gehen, kam dennoch niemals infrage: „Das war nie mein Ziel, wegen der fehlenden Lebensqualität – ich dachte mir damals, ich kann besser darüber schreiben, als Politik auszuüben. Damit habe ich meine Rolle gefunden“ – und ist bereits seit 27 Jahren bei dieser geblieben. „Fad wird es jedoch nicht, solange ich mich noch über Politik aufregen und ärgern kann. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, sollte man sowieso aufhören.“

Aufgeregt und geärgert über Politiker hat sich Koller schon als Junger, er studierte „wie alle, die Journalisten werden wollen“, Publizistik und Politikwissenschaft, promovierte 1985 über „Konflikt und Konfliktausgleich im Parlament“ und schickte, als ihm an einem Punkt des Studiums der Praxisaspekt fehlte, „hundert Bewerbungen für Volontariate aus“, die Industriellenvereinigung war damals ebenso unter den Adressaten wie die „Presse“ – letztere holte sich Koller in die Redaktion und ließ ihn nicht mehr aus. Unter den Fittichen von Dieter Lenhardt verdiente sich Koller seine ersten Sporen, fünf Jahre lang blieb er der „Presse“ treu, dann kam das Angebot der „Salzburger Nachrichten“, auf das Koller schon gewartet hatte: „Die, SN‘ haben mir immer schon gefallen, ich hatte den Eindruck, sie seien am unabhängigsten.“ Bereits in jungen Jahren wurde er zum Leiter des Ressorts Innenpolitik, 2002 dann zum Chef der Wiener Redaktion bestimmt. „Das war eine große Herausforderung für mich, die ich aber gerne annahm.“ Seit 2006 ist Koller auch stellvertretender Chefredakteur.

Schnell hat er sich hochgearbeitet, allerdings „ganz ohne Ellbogentechnik“, heißt es. Und ist ein sehr beliebter Chef, wie man aus der Wiener Redaktion der „Salzburger Nachrichten“ hört, ja sogar: „Er ist kein Chef, sondern ein Kollege, ein sehr netter, unkomplizierter“ – und das nicht nur, weil es oft Rundmails mit Süßes-versprechendem Inhalt gibt: „Es hüpft in der Küche“ heißt es dann – und bedeutet, dass Koller wieder einmal einen Gugelhupf für alle mitgebracht hat. „Er ist der Größte der Kuchen- und Keks-Besorger“, sagt ein Kollege. Auch einen guten Schmäh zu haben, wird ihm nachgesagt. Vor allem aber schätzt man seinen kollegialen Führungsstil. Hat Koller etwas an einem Artikel auszusetzen, zitiert er den Redakteur nie zu sich, sondern kommt an dessen Schreibtisch und beginnt ein Gespräch darüber, was ein Artikel so, wie er nun da steht, auslösen könnte. Zudem sei er ein Chef, der delegieren könne, der nicht meine, alles selbst machen zu müssen. Koller sagt, er verstehe sich „hauptsächlich als schreibender Journalist – ich will rauskommen, nicht nur am Schreibtisch sitzen“. Zudem schätzt er das Gespräch mit den Kollegen in der Redaktion: „Diese Diskussionen sind für meine Themenfindung extrem wichtig.“

Wiewohl er in vielen Bereichen außerordentlich sachkundig ist, lässt Koller sich seine oftmalige Überlegenheit nicht anmerken. „Er ist weder arrogant noch intrigant noch ein Besserwissi“, beschreibt Waltraud Langer, häufige „ORF-Pressestunde“-Partnerin Kollers. „Kein Blender und kein Schaumschläger, ein Kollege, den ich besonders schätze und der immer geradlinig seinen Weg gegangen ist“, nennt ihn Martina Salomon, „Kurier“-Innenpolitikerin. „Einer, der sein Wissen und Können nicht immer wie eine Monstranz vor sich hertragen muss“, so Fritz Dittlbacher, ORF. „Integer, seriös, unbestechlich und korrekt, ein wahrer Tiefwurzler“, nennt ihn Claus Reitan, langjähriger Wegbegleiter und heute Chefredakteur der „Furche“.

In seinen Kommentaren versucht Koller, „die Edelfeder“, wie der „Österreichische Journalist“ ihn schon nannte, auch immer, die gegenteiligen Ansichten auf ihre Potenz abzuklopfen. „Ich frage mich: Inwiefern kann man auch die andere Meinung vertreten? Einen Kommentar zu schreiben alleine ist mir zu wenig, den gibt es an jedem Biertisch. Ich will wirklich analysieren – das ist, was der Journalismus braucht“, so Koller. Dass er damit auch Widerspruch hervorruft, ist erwünscht: „Ich schreibe auf Leserreaktionen dann zurück, ob der Leser wirklich eins zu eins seine Meinung in der Zeitung finden will oder aber von den Medien zum Diskurs und zum Überlegen angestoßen werden möchte.“ Direkten Kontakt zu den Konsumenten seiner Texte hat Andreas Koller, der laut eigener Aussage gerne mit Lesern kommuniziert, auch auf Twitter und Facebook aufgebaut, auf Drängen des „SN“-Chefs vom Dienst, Hermann Fröschl, hat er sich Accounts zugelegt. Auf Twitter folgen bereits 1.528, auf Facebook verzeichnet Koller 257 User, denen er „gefällt“: „Das ist natürlich steigerungsfähig.“

Neben seiner Arbeit bei den „Salzburger Nachrichten“ ist Koller bei der Initiative Qualität im Journalismus, der Vereinigung der Parlamentsredakteure, dem Presserat, dem VÖZ-Beirat, dem Presseclub Concordia und oftmals in der ORF-„Pressestunde“ sowie bei Diskussionen tätig. Wie sich alle seine Aufgaben vereinbaren lassen? „Ich schreibe schnell“, sagt Koller. Und er verbringt viel Zeit mit seiner Arbeit. Dass „manche ihn auch als trocken und verstockt sehen“, wie ein Kollege beschreibt, mag daran liegen, „dass der Job seine ganze Person absorbiert“. Abschalten ist für Koller, der, wie er selbst sagt, „versucht, kein Workaholic zu sein“, eher ein Fremdwort. Wenn er liest, dann doch zumeist wieder Bücher über seine Fachgebiete, das Laufen auf dem Bisamberg oder bei der Alten Donau nennt er zwar „perfekt, um auf andere Gedanken zu kommen. Was anderen der Therapeut ist, ist mir das Laufen.“ Und dennoch nimmt er nach der Ankunft daheim oft den Notizzettel zur Hand, weil ihm unterwegs in der Natur Ideen für Kommentare gekommen sind. Auch bei der Ausübung seines zweiten Hobbys, dem Reisen, kann es Koller nur schwer lassen: „Leider habe ich mir ein iPad gekauft und lese nun auch auf Reisen meine Redaktionsmails – dabei fahre ich so gerne ins Ausland, um einmal nicht ständig mit österreichischen Zeitungen konfrontiert zu sein.“ New York, Berlin und London gehören zu seinen Lieblingsdestinationen, die Städte faszinieren ihn durch ihre Kultur. Doch es muss gar nicht weit weg gehen, einfach nur in der Natur zu sein, ist es, was Koller liebt: „Das Einzige, das ich an unserem Beruf nicht mag, ist, dass man ständig drinnen sein mus
s. Im nächsten Leben werde ich hoffentlich einen Beruf haben, bei dem ich viel draußen sein kann.“

Für das Leben nach dem Journalismus kann sich Koller interessanterweise heute genau das vorstellen, was er zu Beginn seiner Karriere ausgeschlossen hat: „Vielleicht werde ich in der Pension Bezirkspolitiker in Floridsdorf und rege mich über Kanaldeckel auf.“ Bis dahin werden mit Sicherheit noch einige Jahre vergehen – Jahre voller interessanter, tief fundierter Analysen des Journalisten des Jahres 2010.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 48 bis 51 Autor/en: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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