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Special

Die Außenborder der Tirolität

Von Peter Plaikner

Starte nie mit einem Zitat, das nicht von dir stammt? Hans Weigel lässt sich aber nicht übertreffen: „Tiroler zu sein, ist keine Farbe, sondern ein Zustand, keine Einzelheit, sondern Anfang und Ende der Biografie.“ Nach dieser Definition müssten alle, die außer Landes leben, erkennbar bleiben durch ihre Verfassung. Sogar die Journalisten. – Ein Rundruf.

Ernst Grissemann tat es, Rudolf Nagiller tat es, Wolfram Pirchner tat es – und bis heute tun es mehr, als den anderen bewusst ist. Sie gehen weg und bleiben fort – des Erfolges halber. Tirol ist für Journalisten eher Export- als Import-Phänomen. Zu stark ist im Land das Ressentiment gegen den etwas anderen Zungenschlag der Zuagroastn. Umgekehrt wirkt jedoch genau jener Exoteneffekt, der herbe Charme des Älplers, das Dodl-Flair … Während die Regionalpolitik bis heute auf diese Rustikalanmutung setzte, halten die medialen Binnenwanderer mehr von Qualität statt Herkunft. Heimatliebe nicht ausgeschlossen. Heimweh dagegen selten.

Das gilt für Paradebeispiele wie Wolf und Kramer und für weniger Konnotierte wie Perterer und Rietzler, für Hintergründige wie Kappacher und Pichler und Außenstehende wie Ainetter und Kabosch. Das reicht vom Ruf des Entertainments à la Weichselbraun bis zum Reiz des Regionalen à la Zanon, vom Südtiroler Globalisten Pfeifer bis zum Oberländer Lokalisten Krabichler. Außenborder der Tirolität. Rückkehr selten ausgeschlossen.

Die Pendlerin

Katharina Kramer (42) bleibt unentschieden: Die Innsbruckerin, die bei Privatradio und im „Kurier“ begonnen hat, pendelt seit dreieinhalb Jahren für den ORF zwischen Tirol und Wien, denn: „Die Herren Amon und Ströbitzer haben mich für, Heute in Österreich‘ zu einem Casting eingeladen – und das war’s. Juhu!“ 70 solche Auswärtstage im Jahr beschert ihr das: „Als Tirolerin in Wien geht es mir gut, die Wiener mögen gut aufgelegte, geradlinige Menschen mit Herz und Verstand, die immer sagen, was sie denken.“

Der Trimediale

Stefan Kappacher (48) hat dazu schon mehr Abstand – sowohl nach Wien als auch nach Tirol: Der Haller ist 1982 weggezogen – wegen Studiums von Politikwissenschaft und Publizistik, um dann nach 18 Jahren „TT“ deren Wiener Büroleitung gegen den ORF einzutauschen. Ö1-Journale, „ZiB 2“, dann wieder Radio. Der vielleicht einzige wirklich professionell trimediale Politikjournalist in Österreich sagt: „Ich habe aus Tirol vor allem mitgenommen, wie wichtig es ist, immer wieder über die Berggipfel zu schauen. Besonders für Journalisten.“

Der MeinungsBILDner

Sehr konsequent hat das Wolfgang Ainetter (39) gemacht. Nach ersten journalistischen Versuchen bei der „TT“ schrieb der Innsbrucker ab 1995 zehn Jahre als Reporter für „News“ in Wien. Seit 2005 leitet er als Nachrichtenchef der „Bild“ das größte Ressort der größten Zeitung Europas – mittlerweile in Berlin. Dennoch: „Wenn ich auf dem Innsbrucker Flughafen lande, ist es für mich jedes Mal ein Gefühl, nach Hause zu kommen. Ich habe in Tirol noch immer meine besten Freunde. Meine Tochter – zehn Monate, deutsche Staatsbürgerin – habe ich in Tirol taufen lassen. Nirgendwo anders auf der Welt erhole ich mich so gut. Nirgendwo anders schmeckt mir das Essen besser. Nirgendwo anders ärgere ich mich so über Bausünden – und davon gibt es viele. Was mir Tirol gebracht hat? Vielleicht mein Durchsetzungsvermögen.“

Der Ankermann

Armin Wolf (44) hat unterdessen seine Stippvisiten zur Berlin School of Creative Leadership mit der Graduierung zum MBA beendet und lebt vorzugsweise wieder dort, wohin es ihn nach zwei Jahren ORF Tirol 1987 zog: „Als Außen- oder Innenpolitik-Journalist kann man in Österreich naturgemäß nur in Wien arbeiten. Von Tirol aus wäre das unmöglich. Und da ich ohnehin weder Skifahren kann noch andere in Tirol relevante Kulturtechniken beherrsche, bin ich ein durchaus glücklicher Emigrant. Ich lebe extrem gerne in Wien, freue mich aber auch auf jeden Innsbruck-Besuch. Ist schon schön in Tirol.“ Sagt der Ankermann aus dem Innsbrucker O-Dorf, der 1991/92 als US-Korrespondent gearbeitet hat. Heute ist er offiziell stellvertretender Chefredakteur der Fernsehinformation, für das Publikum aber deutlich mehr.

Der Korrespondent

Das ORF-Büro in Washington D.C. hat unterdessen einen anderen Tiroler. Wolfgang Geier (44) kam erst 1996 nach Radio- und Zeitungsvorspielen zum ORF Tirol. Drei Jahre später nach Wien zur Radio-Innenpolitik, ab 2001 in der TV-Information – alle „ZiBs“ und Moderator der „Pressestunde“. Seit 2009 berichtet der Kufsteiner aus den USA.

Der Chefredakteur

Manfred Perterer (50) dagegen zog es schon 1980 vom „Pillersee-Boten“ zur „Volkszeitung“ in Salzburg, wo er Publizistik, Politik- und Rechtswissenschaft studierte. 1985 wechselte der in St. Johann geborene und in Fieberbrunn aufgewachsene zu den „Salzburger Nachrichten“, für die er ab 1988 als Lokalchef, ab 1993 als stellvertretender Chefredakteur und ab 2001 als Korrespondent aus Brüssel arbeitete. Mittlerweile ist er bereits vier Jahre Chefredakteur und hat sich in Seekirchen am Wallersee niedergelassen: „Ich komme aus dem Tiroler Anteil der Erzdiözese Salzburg, hatte also immer zwei Herzen in meiner Brust: eines schlägt für Tirol, eines für Salzburg. In der Stadt der Innviertler, wie Salzburg auch genannt wird, tat ich mich als Tiroler immer leicht. Das hat hier etwas Exotisches.“

Die gewordene Lokalchefin

Sylvia Wörgötter (45) ist ebenfalls in Fieberbrunn aufgewachsen, zog zwecks Publizistik-Studiums nach Salzburg und wechselte dann Fach und Wohnort. Nach journalistischen Gehversuchen bei der „TT“ in Innsbruck kam sie aber 1991 endgültig zu den „ SN“ und ließ sich in Salzburg nieder. Auf drei Jahre in der Chronik folgte der Wechsel in die Innenpolitik. Heute ist sie Lokalchefin der „Salzburger Nachrichten“: „Ich bin ein Kind vom Land. Und als solches kann ich das Spannungsfeld gut verstehen, in dem Menschen stecken, die in der modernen Tourismus- und Dienstleistungsgesellschaft genauso zu Hause sind wie in der Tradition ihrer Heimat. Das kommt mir in meiner neuen Funktion zugute.“

Die gebliebene Lokalchefin

Beate Pichler (49) dagegen hat das Lokale nie verlassen – wohl aber die Heimat. Die Hallerin wechselte 1988 vom Tiroler zum steirischen „Kurier“ nach Graz, wo sie seit 1990 für die „Kleine Zeitung“ arbeitet. Die stellvertretende Chronik-Ressortleiterin fühlt sich „noch immer als Tirolerin in der Steiermark. Mein Büro-Nachbar hat an unserer Zwischentür sogar den Hinweis, Nach Tirol‘ angebracht. Ich freue mich, wenn ich ganz selten, aber doch etwas in Tirol recherchieren kann. Da kommt dann sogar wieder ein bisschen Tirolerisch heraus.“

Der Netzwerker

Das ist bei Robert Benedikt (58) ähnlich, der bis 1982 bei der „TT“ und ab 1984 bei der „Presse“ in Innsbruck arbeitete. Für sie ist der gebürtige Haller dann 2003 zuerst in die Steiermark und dann nach Kärnten gezogen, wo er seit 2009 für die „Kleine Zeitung“ in Klagenfurt schreibt: „Ich komme gerne in die alte Heimat zurück, weil meine Kinder dort leben. Allerdings kommt mir Innsbruck im Vergleich zu Klagenfurt sehr hektisch vor, außerdem ist Klagenfurt für Journalisten wie mich ein kleines Paradies. Erstens kennt man schnell alle Leute, und zweitens sind die Kärntner sehr kommunikativ. Obendrein habe ich hier mein privates Glück bei einer Kollegin gefunden.“ Um darüber die anderen Kollegen nicht zu vernachlässigen, hat er den Presseclub Carinthia gegründet, dessen Obmann er ist.

Der Onliner

Stephan Kabosch (46) zog es nach München, als er nach dem Start als Sportjournalist für die „Neue Tiroler Zeitung“ und zwölf Redakteursjahren im Ressort Weltpolitik die „TT“ verließ. Er wechselte 2000 zu ProSiebenSat.1, erst als TV-Redakteur von N24, dann als dessen Online-Redaktionsleiter. Seit 2007 ist er das für die „Münchner Abendzeitung“: „Die Ausbi
ldung in Innsbruck hat mir eine gute Grundlage gegeben. Einen Vorteil sehe ich darin, dass wir als kleines Land immer mehr wissen von Deutschland, als dies umgekehrt der Fall ist.“

Der Außenpolitiker

Für Andreas Pfeifer (45) dagegen ist das Herumziehen Programm: „Ich habe nach Bozen, wo ich geboren bin, in Innsbruck gelebt, dann in Washington, Wien, wieder in Bozen, Rom und wieder in Wien, wo ich derzeit bin. Eine solche Migration sollte für einen Journalisten in globalisierten Zeiten nicht weiter erklärungsbedürftig sein. Dennoch war mein Wunsch, die Heimat zu verlassen, zum Teil von einem Fluchtreflex gespeist, von der realen und der imaginierten Enge des idyllischen Ausgangsterrains.“ Der Leiter des Auslandsressorts der TV-Information hat ab 1988 erste journalistische Versuche bei Kulturzeitschriften absolviert, ist seit 1991 beim ORF und sagt heute über seine Heimat: „Ich bin gerne in Südtirol, immer wieder und auch öfters als früher – und halte noch immer einen gewissen Respektabstand.“

Der Sportchef

Abstand hat Peter Rietzler (48) schon 1983 gefunden, als er nach Wien zog, um Publizistik und Politikwissenschaft zu studieren. Fünf Jahre später absolvierte der Fisser erste journalistische Schritte als Sportredakteur in der Wiener „TT“-Redaktion, wechselte 1992 als Sportchef zu „Täglich alles“, wurde 1996 Chef vom Dienst der „Ganzen Woche“, 1997 Pressechef der Fußball-Bundesliga und ist seit 2001 Chefredakteur des Online-Sportportals laola1.at.

Der Wegzieher

Der Zammer Karl-Heinz Zanon hat den Wechsel soeben erst komplett vollzogen. Seit 1999 bei den „Bezirksblättern“ in Innsbruck, pendelte er als deren Chefredakteur ab 2008 permanent zwischen Tirol und Wien. Nun wohnt er in Währing und Innsbruck, hat seit 2010 sein eigenes Unternehmen für Kommunikationsberatung und bewirbt es: „Durch die jahrelange journalistische Arbeit in Tirol habe ich auch in meiner aktuellen Tätigkeit einen großen Tirol-Bezug und ein funktionierendes Netzwerk in Tirol wie auch in vielen Bundesländern.“

Der Heimkehrer

Zanons Kollege Sieghard Krabichler dagegen wählte den umgekehrten Weg. 1990 in Imst und Telfs beim „Blickpunkt“ gestartet, arbeitet er seit 1994 für die „Bezirksblätter“, deren Tiroler Chefredakteur er heute ist. Das war er davor schon in Niederösterreich – eine vorerst interimistische Leitung, aus der dann genau vier Jahre in St. Pölten geworden sind: „Die Tätigkeit als Chefredakteur in Niederösterreich, einem Bundesland mit durchstrukturierter ÖVP-Macht, hat mich gelehrt, auch unter schwierigsten Bedingungen meinen Job zu machen. Die politische Situation in Tirol ist für die Journalisten ungleich einfacher.“

Da gibt es natürlich noch zahlreiche andere: Von Mirjam Weichselbraun, die 1998 in der Redaktion von Antenne Tirol begonnen hat, bis zu Monica Ladurner, die 1992 vom Archiv des Innsbrucker Landesstudios in die ORF-Kultur nach Wien gezogen ist und sich dort fünf Jahre später verselbstständigt hat. Laut Hans Weigel sind das aber alles bloß Episoden. Irgendwo zwischen Anfang und Ende der Biografie. Denn Tiroler zu sein, ist ein Zustand.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 92 bis 95 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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