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Die Gefahr des Internets: Oberflächlichkeit - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2010 » Ausgabe 12/2010+01/2011 »

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Die Gefahr des Internets: Oberflächlichkeit

Von Douglas Rushkoff

Die digitale Welt fördert Simplifizierung und Vereinfachung. Statt aber über unsere Technologie zu lernen, wählen wir eine Welt, in der unsere Technologie über uns lernt, sagt der führende US-amerikanische Webvordenker Douglas Rushkoff.

Die digitale Technologie animiert uns zu drei Dingen: Entscheidungen zu treffen, sie schnell zu treffen und sie über Dinge zu treffen, die wir selbst nicht genau kennen. Die Handlungsoptionen sind dabei zwangsläufig nur Annäherungen, da sie alle in Zahlen ausgedrückt werden müssen: Letzten Endes sagen digitale Technologien entweder Ja oder Nein.

Dies verleiht ihnen – und uns allen, die wir sie nutzen – eine Tendenz zu einer Reduzierung der Komplexität.

Obwohl die Realität mehr als nur eine Ebene hat, ist beispielsweise der Großteil der digitalen Netzwerke mit nur einer einzigen Web-Suche erreichbar. Jegliches Wissen ist dabei gleich nah oder weit von uns entfernt. Statt sich mit einer Fragestellung zu beschäftigen, indem man eine altbekannte Richtung einschlägt oder einen völlig neuen Weg beschreitet, tippen wir einen Suchbegriff in ein Feld – und das liefert uns mehr Ergebnisse, als wir lesen können. Die Beschäftigung mit der Fragestellung selbst wird auf ein Minimum reduziert – verwandelt in eine eindimensionale Forderung nach einer Antwort.

Digitale Wissensprobleme

Wir geraten dann in Schwierigkeiten, wenn wir solch handverlesenes Wissen mit demjenigen gleichsetzen, das man durch die Beschäftigung mit einer echten Recherche erhält. In der heutigen gehetzten Netzkultur scheint es fast ein Luxus zu sein, sich tatsächlich hinzusetzen und einen Wikipedia-Artikel über ein bestimmtes Thema komplett durchzulesen – insbesondere, wenn man die einzelne Tatsache schon gefunden hat, die man gesucht hat. (…)

Es ist fast unmöglich, Fakten ohne Kontext vernünftig einzuordnen. Sie werden zum Material fehlerhaft aufgebauter Argumente auf der einen oder anderen Seite des gesellschaftlichen oder politischen Spektrums. Eine einzige Abstimmung eines Politikers wird verwendet, um seine gesamte Tätigkeit darzustellen, eine einzelne positive Eigenschaft von Koffein oder Tabak erlangt dank PR-Förderung Aufmerksamkeit, und das Bild eines einzigen verwundeten Kindes richtet die öffentliche Meinung gegen eine Seite in einem Konflikt statt gegen den Krieg selbst.

In einer Debatte können beide Seiten die Fakten herauspicken, die ihnen zusagen – und damit die Massen polarisieren. In einer digitalen Kultur, die punktuellen Informationen einen höheren Wert zuspricht als dem Kontext, glaubt bald jeder, er habe die wirkliche Antwort und die andere Seite sei verrückt oder bösartig. Ist dieser Punkt einmal erreicht, hat es keine Bedeutung mehr, dass die Fakten der gegnerischen Seite den eigenen widersprechen: Wahre Glaubende boxen sich auf eine neue Ebene des Zynismus durch: Widersprüchliche Fakten bedeuten, dass sie alle irrelevant sind. Der Überfluss an Fakten verringert letztendlich den Wert, den sie für uns haben.

Als Ergebnis tendieren wir dazu, uns hauptsächlich durch unseren uninformierten Zorn leiten zu lassen. Und natürlich sind wir gierig nach Bestärkung. Unsere Fernsehnachrichten erfüllen die Wünsche ihrer Zuschauer und werden zu einem gegenseitigen Anbrüllen karikierter Gegenteile im Wettkampf um Einschaltquoten. Gewählte Volksvertreter werden als Streber verspottet, wenn sie etwas unterhalb der Oberfläche, die Geschichte einer Thematik oder ihren weitläufigeren Kontext, weitergeben oder überhaupt nur verstehen. Wir vergessen, dass dies die Menschen sind, die wir bezahlen, damit sie sich über diese Themen an unserer Stelle weiterbilden. Stattdessen überbewerten wir unsere eigenen Ansichten über Themen, über die wir schlecht informiert sind, und unterbewerten diejenigen, die uns Dinge mitteilen, die tatsächlich komplexer sind, als sie oberflächlich betrachtet erscheinen. (…)

Vereinfachte Eindrücke

Um die Macht digitaler Informationen zu nutzen, müssen wir lernen, sie als das zu sehen, was sie sind: nicht getestete Modelle, deren Relevanz bestenfalls konditioniert oder sogar persönlicher Natur ist. So organisiert Ihr Gehirn einige Bruchteile von Informationen für eine ganz bestimmte Aufgabe. Es ist kein Ersatz für Wissen in diesem Bereich. Es ist lediglich eine neue Einsprungstelle. Das soll nicht heißen, dass diese Art der Annäherung an Informationen nicht ziemlich originell oder sogar leistungsfähig ist. Insbesondere junge Menschen entwickeln die Fähigkeit, das Wesentliche eines gesamten Lernbereichs innerhalb nur eines Moments der Interaktion damit zu erfassen. Mit der Kunstfertigkeit des Zappers sind sie in der Lage, ein Buch, einen Film oder sogar einen wissenschaftlichen Prozess beinahe intuitiv wahrzunehmen. Das Hören einiger Zeilen von T. S. Eliot, das Betrachten eines geometrischen Beweises oder das Ansehen eines Bildes einer afrikanischen Maske hinterlässt bei ihnen einen tatsächlichen, wenn auch zu sehr vereinfachten Eindruck der Welt, aus der er stammt. (…)

Indem wir erkennen, dass unsere Bindungen durch und mit der digitalen Welt die Tendenz bergen, die Komplexität unserer wahren Welt zu verringern, senken wir das Risiko, diese übersimplifizierten Eindrücke mit tatsächlichem Wissen und wirklicher Erfahrung gleichzusetzen. Der digitale Informationssammler tendiert zu einer Annäherung an Wissen, die das Gegenteil von der seiner textbasierten Vorfahren verkörpert, die Recherche als Entschuldigung betrachten, sich hinzusetzen und alte Bücher zu lesen. Stattdessen geht es bei der Recherche im Internet mehr darum, sich mit Informationen zu beschäftigen, um diese dann zu verwerfen und weiterzumachen – ähnlich wie bei Zeitschriften, die man nicht durchblättert, um sie zu lesen, sondern um sicherzustellen, dass sie nichts enthalten, was gelesen werden muss. Das Lesen wird eher zu einem Prozess der Eliminierung als zu einer tief gehenden Beschäftigung. Im Leben wird wichtig, wie man etwas nicht weiß, das man nicht wissen muss.

Ironischerweise sorgen unsere digitalen Erfahrungen vielleicht für eine neue Einfachheit, unsere Maschinen werden aber immer komplexer.

Je komplexer unsere Technologien werden und je unzugänglicher ihre Entscheidungsfindung wird (insbesondere für unsere zunehmend simplifizierten, auf das Wesentliche fokussierten Gehirne), desto größer wird unsere Abhängigkeit von ihnen. Ihre Komplexität ersetzt die Kampagnen der Werbeprofis als vorherrschende Form gesellschaftlicher Beeinflussung. Während die digitale Technologie uns aus unserer Rolle als passiver Zuschauer der Medien befreit hat, hat ihre simplifizierende Tendenz uns einmal mehr auf passive Zuschauer der Technologie selbst reduziert. Bei den meisten von uns löst die Ankündigung des nächsten großartigen „iProdukts“ keine Begierde aus, sondern Besorgnis: Ist es wieder etwas, für das wir zahlen müssen und lernen müssen, es zu bedienen? Haben wir überhaupt eine Wahl?

Abhängigkeit von der Technik

Mit jeder Weiterentwicklung der Technologie wird unser Erleben der Welt weiter in seiner Komplexität reduziert. Je fortgeschrittener und vorausschauender das Interface eines Smartphones ist, desto weniger muss jemand wissen, um es bedienen zu können – oder darüber, wie es überhaupt seine Entscheidungen trifft.

Statt über unsere Technologie zu lernen, wählen wir eine Welt, in der unsere Technologie über uns lernt. Immerhin ist sie da, um uns zu dienen, weshalb sollte sie also nicht einfach wissen, was wir möchten? Je weniger wir nämlich darüber wissen, wie sie funktioniert, desto einfacher akzeptieren wir ihre simplifizierten Modelle als Realität. Ihre Restaurant-Empfehlungen als Ersatz für unsere persönliche Kenntnis unserer Nachbarschaft; ihre sprechenden Karten als Ersatz für unsere Straßenkenntnis (sowie für die Logik oder fehlende Logik ihrer Planung); ihre grünen und roten Börsenticker als Ersatz unseres Erlebens von Wohlstand und Wohlbefinden.

Auch das stellt wieder nur ein Problem dar, wenn wir unsere digitalen Modelle als Realität missverstehen. Restaurant-Empfehlungen, Kartenfunktionen und Börsenticker sind Wege, um Welten zu verstehen – nicht die Welten selbst. Ich bezweifle,
dass eine Computersimulation in Sicht ist, die fähig ist, alle Aktivitäten in einem einzigen Kubikzentimeter Erde oder das gesamte sensorische Erlebnis des Schneidens eines Fußnagels darzustellen, geschweige denn eine vollständige gesellschaftliche Welt mit Tausenden menschlicher Anwender (…).

Da digitale Simulationen numerische Modelle sind, müssen viele Entscheidungen über sie im Voraus getroffen werden. Modelle sind nicht notwendigerweise reduktiv. Ihre Konstruktion setzt ihnen Grenzen. Das negiert nicht ihre Dienlichkeit; es schränkt sie nur ein.

Digitale Reduktion bringt Landkarten hervor. Diese Karten eignen sich großartig, um einen Kurs zu kartografieren, sind aber nicht in der Lage, die Reise zu liefern. Unabhängig davon, wie detailliert oder interaktiv Karten werden, sie können das Gelände nicht ersetzen.

Lektüretipp

Der Beitrag ist dem Buch „Program or be Programmed – Ten Commands for a Digital Age“ entnommen. Es ist erhältlich über http://www.orbooks.com und kostet als Paperback 16 Dollar und als E-Book 10 Dollar.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 30 bis 31 Autor/en: Douglas Rushkoff. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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