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„Es ist ein intellektueller Insult“ - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2010 » Ausgabe 12/2010+01/2011 »

Medien

„Es ist ein intellektueller Insult“

Von Interview: Elisabeth Horvath

Fritz Plasser, Medienexperte und Dekan der Innsbrucker Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie, über die Anstalt ORF.

Was ist das größte Problem am ORF?

Fritz Plasser: Es sind weder die Strukturen bzw. das Organigramm noch die institutionelle Organisation einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Es sind vielmehr zum einen das Selbstverständnis der derzeit führenden Mannschaft – bis hin zur Ebene der Hauptabteilungsleiter, zum anderen die Beschickung des Stiftungsrates. Letzteres stellt die Fortsetzung der österreichischen Parteienpolitik unter anderen Vorzeichen dar. Allein der Name „Freundeskreis“ ist eine Provokation. Diese Freundeskreise, die einen Sprecher haben, sind parteipolitische Mini-Fraktionen, deren Abstimmungsverhalten im Block 100-prozentig programmiert, determiniert ist.

Genauso wie im Parlament der Klubzwang, den es offiziell nicht, jedoch de facto gibt.

Zumindest gibt es die Klub- und Abstimmungsdisziplin. Dieser Begriff wird auch von Parlamentariern nicht in Abrede gestellt. Und im ORF herrscht eine Art parteipolitische Kolonialisierung. Der ORF wird als Instrument betrachtet, um Besitzstände zu wahren und Einflusszonen abzusichern. Weshalb die Stiftungsräte – ohne jetzt pauschal zu urteilen – in ihrer Mehrzahl ihre Aufgabe darin sehen, Parteiinteressen zu wahren und teilweise auch direkt Parteiaufträge zu erfüllen. Das ist also ein Handlungsverständnis, das nicht jenes ist, was Stiftungsräte primär vertreten sollten, nämlich die Interessen des Unternehmens, und zwar nicht jenes der Führenden, das haben sie zu kontrollieren, sondern jenes der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Und das ist in Wirklichkeit – ich formuliere das jetzt durchaus poetisch – eine sehr schöne Aufgabe.

Welches Selbstverständnis hat denn die ORF-Führungsgarnitur?

Einzelne Personen erwecken den Eindruck, dass sie die schöne Aufgabe, einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk darzustellen, zu repräsentieren, als eine lästige Aufgabe empfinden. Sie haben sich mental von dem, was Public Broadcasting ist, völlig entfernt. Wenn da über den öffentlichen Mehrwert, Public Value, gesprochen wird, ist das unerträglich. Ich kann dieses Wort, von Wrabetz ausgesprochen, nicht mehr hören. Diese Rolle reduziert sich seit Jahren auf die Erstellung von Hochglanzbroschüren, die von einer Armseligkeit sind! Es ist erstaunlich, dass der Stiftungsrat solches überhaupt zulässt. Es ist ein intellektueller Insult. Diese Unternehmensführung wirkt zynisch. So empfinde ich es jedenfalls. Es ist reiner Zynismus, der hier stattfindet. Weil man sich eben mental von dem Kerngedanken, von dem Gründergedanken, so distanziert hat. Und mein Eindruck ist, dass diese Herren mittlerweile in so abgehobenen politischen Arenen agieren, sich wechselseitig in Abwehrkämpfen und Konspirationen erschöpfen, dass sie sich nur mehr in Sarkasmus und Zynismus erschöpfen und sich nur mehr mit wechselseitiger Verachtung beobachten.Das hat längst eine Eigendynamik bekommen.

Wie wirkt sich das auf die gesamte Belegschaft aus?

Wenn der Chef ein Zyniker ist, dann ist auch der Output eines solchen Unternehmens zynisch. Und da hilft nicht, dass der von mir sehr geschätzte aktuelle Dienst unbeschadet von allem professionell agiert. Das Erscheinungsbild dieses Unternehmens ist katastrophal.

Rührt dieser Zynismus aber nicht auch gerade daher, dass der ORF aufgrund der vielfältigsten Veränderungen in der Medienwelt mit den strukturellen Problemen nicht zurechtkommt? Sinngemäß: Wenn man keine Problemlösung zustande bringt, verfällt man in hilflosen Zynismus.

Natürlich hat der ORF strukturelle Probleme – Vielkanal, Öffentlichkeit, Fragmentierung des Publikums, revolutionäre Veränderung der Seher- und Nutzerqualitäten, Konkurrenz durch Private, Internet und was sich da sonst noch in den nächsten Jahren verändern wird. Doch diese Probleme haben alle Fernsehanstalten, das ist nichts, was die Öffentlich-Rechtlichen alleine trifft. Fast im Gegenteil: Der ORF ist insofern in einer Ausnahmesituation, dass er 40 Prozent Gebühren und 40 Prozent Werbung hat. Keine andere öffentlich-rechtliche Anstalt hat derartig hohe Werbeeinnahmen. Dazu kommen noch 18 Prozent Einnahmen durch Promotion und sonstige Geschäftsfelder. So besehen befindet sich der ORF vergleichsweise in der besten aller Welten.

Was halten Sie von dem Modell, das die ÖVP seit Jahren favorisiert hat, einen ORF mit nur einem Kanal, dem ORF 2?

Das wäre ein Todesurteil für den ORF. Das wäre dann eine Mischung aus Informations- und Seniorenkanal. Was ich in keiner Weise abwertend verstehe, denn diese Personen sind die Treuesten, das ist das Stammpublikum. Und natürlich haben die älteren Generationen einen Rechtsanspruch auf Programme, wo sie sich wiederfinden, die ihren Sehererwartungen entsprechen. Nur: Die unter 40-Jährigen werden wir dann nicht mehr kriegen, weil Sendungen wie CSI oder Sport z. B. gänzlich wegfallen.

Was halten Sie von Spartenkanälen wie etwa ZDF-Infokanal, -Dokukanal, -Theaterkanal?

Da fehlt mir die betriebswirtschaftliche Kompetenz, ob das nicht vielleicht trotzdem teurer wäre. Übrigens ist ein Vergleich mit Deutschland allein schon wegen der Größenunterschiede nicht sinnvoll, noch dazu, wo es dort viele regionale Vollprogramme gibt. Ich schließe es aber nicht aus, dass dies die fernere Zukunft ist, wenn die Fragmentierung des Seher- und Nutzerverhaltens noch weiter geht. Also dass es wirklich nur mehr einen Hauptkanal und viele Spartenkanäle gibt. Vielleicht in 20 Jahren, dann wird aber die Fernsehwelt, und nicht nur die des ORF, sondern insgesamt, völlig anders aussehen. Allein durch eine volle Digitalisierung. Da wird aber auch der Wettbewerb ein anderer sein, und sich vor allem die Gebührenfrage stellen. Doch jetzt einfach nur eine Amputation vorzunehmen, und ORF 1 wäre dann eine Mischung aus „Krone“- und Raiffeisen-Kanal – vielleicht noch mit zwei, drei anderen deutschen Kapitalgebern –, das wäre wirklich eine Zurückstufung, ein fast finaler Angriff auf den ORF. Und da würde sich dann auch die Legitimationsfrage der Gebühren stellen.

Inwiefern?

Die wären dann nicht mehr zumutbar. Wir haben im europäischen Vergleich fast die höchsten Gebühren. Obwohl das, was derzeit an Programmen angeboten wird, meilenweit davon entfernt ist, was man von einem Öffentlich-Rechtlichen erwartet. Das beweisen viele internationale Studien mit Programmvergleichen. Daraus geht u. a. hervor, dass der ORF im Jahresprogrammvergleich einen höheren fiktionalen Anteil hat als RTL oder SAT 1. Das heißt: Der ORF ist bereits kommerzieller als die Kommerzsender.

Es heißt immer, mit dieser Kommerzialisierung hat der vormalige ORF-Generalintendant Gerhard Zeiler begonnen. Stimmt das so?

Begonnen hat das bereits unter Bacher. Bei all meiner Schwäche, die ich für Bacher habe – er ist eine faszinierende Person –, aber so war es. Und zwar in einem fast nicht merkbaren und nicht problematischem Ausmaß. Es hat begonnen, als die Verkabelung in Österreich einen bestimmten Stellenwert überschritten hat. Da kam der Impact der deutschen Privatsender. So besehen haben wir nicht erst seit dem Privatfernsehgesetz 2001 bzw. seit Sendebeginn von ATV 2003 ein duales System, sondern, was die tatsächliche Programm- und Senderkonkurrenz angeht, bereits seit Mitte der 80er-Jahre. Man hat also auch schon vor Zeiler schauen müssen, was hat Pro 7, RTL oder SAT 1 z. B. im Sonntags- und Feiertagsprogramm. Die hatten die Blockbusters und wir nicht. Die ORF-Reaktion war, wir müssen gegenhalten, zwar noch sehr verhalten und moderat. Und man kann bezüglich der vier Intendanzen von Gerd Bacher sicher eines konstatieren: Vorrang hatte das Öffentlich-Rechtliche.

Soweit ich mich erinnere, waren das aber zumeist sehr gute Literaturverfilmungen wie Franz Werfels „Eine blaßblaue Frauenschrift“, verfilmt von Axel Corti …

… oder etwa „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth. Das waren alles Sternstunden des ORF. Dazu kam eine neue Kunstform, die der ORF durch
die Kraft des Mediums damals entscheidend mitgeprägt hat.

Und heute haben wir lauter 45-Minuten-Krimis oder die „Bergwacht“ oder Rosamunde Pilcher.

Ja, heute ist das alles verschwunden. Unter Zeiler kam dann die erste strategische, systematische Selbstkommerzialisierung. Das war eine Wegkreuzung, die die Anstalt seither prägt. „No way out“ seither. Und die, die es versuchen, werden als Nostalgiker hingestellt. Und wenn man am Küniglberg zu oft nostalgisch ist, kriegt man den Golden Handshake und ist weg. Aus, vorbei.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 54 bis 55 Autor/en: Interview: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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