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„Ich bitte, die, Krone‘ und mich auseinanderzuhalten“ - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

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Medien

„Ich bitte, die, Krone‘ und mich auseinanderzuhalten“

Von Interview: Engelbert Washietl

„Österreich“-Chef Wolfgang Fellner ist wie immer genau auf Kurs: „Österreich“ sei die Medienzukunft.

Das nächste Jahr könnte für Sie ein besonderes sein, nämlich ein Jubiläumsjahr: Fünf Jahre „Österreich“. Grund zum Feiern?

Wolfgang Fellner: Man sagt ja, jede Zeitung braucht sieben Jahre, bis sie erwachsen ist. Manche brauchen auch 13 oder 14 Jahre zum Break-even wie der „Standard“. Aber in Amerika gilt „seven years till success“ für jeden Zeitungs-Start als Grundregel. Die habe ich immer als Grundlage für mein Projekt genommen. Ich habe ein ungerades Geschäftsjahr von Juli bis Juni, und so wie es ausschaut, toi, toi, toi, werde ich im gesamten laufenden Geschäftsjahr 2010/2011 schon im Break-even sein. Mir ist in Europa kein vergleichbarer Fall bekannt, wo ein neu gestartetes Zeitungs-Projekt so schnell den Break-even geschafft hat – da müsste es doch auch Anerkennung geben.

Was ist Ihre Zeitung geworden? Eine Gratiszeitung? Ein Boulevardmedium? Eine Kaufzeitung?

Viele Leute haben da ein Orientierungsproblem, weil sie nicht gesehen haben, wohin ich hinauswill.

Also was wird’s werden?

Das zeichnet sich ja schon sehr deutlich ab: Wir machen eine auflagenstarke Massen-Zeitung mit zwei Vertriebskanälen, die bei über 500.000 Auflage angekommen ist. Mittlerweile machen mehrere Verlage das nach, was wir gestartet haben. Der Schweizer Ringier-Konzern, der für mich ein Vorbild ist, vertreibt „Blick“ als Bezahlzeitung und am Abend eine „Blick“ als Gratiszeitung. Der Springer-Verlag hat dasselbe mit der „Welt“ und der „Welt kompakt“ gemacht. Dass das Modell U-Bahn-Vertrieb sinnvoll ist, wird ja von niemandem mehr bestritten.

Da gibt es in Wien zwei Modelle, und das zweite ist für Sie auch sinnvoll, nämlich „Heute“?

Das ist eine reine Gratiszeitung und ein ganz anderes Modell. Meine Zielgruppe ist die urbane Gesellschaft. Sie bekommt eine Digest-Fassung der Zeitung gratis – sozusagen als tägliche Schnell-Information. Der Leser kann sich dann entweder weiter ins Internet auf Oe24 begeben. Dort sind wir mit zwei bis zweieinhalb Millionen Unique Clients gut aufgestellt. Oder er kann die umfangreichere Bezahl-Zeitung per Hauszustellung abonnieren. Über das iPad können Sie auch schon die ganze Zeitung haben. Und am Sonntag gibt es die Sonntags-Zeitung extra. All das hat „Heute“ nicht einmal ansatzweise.

Was machen Sie im Internet? Die große Diskussion ist ja nicht, wie viele Zugriffe es gibt, sondern ob man die Leute dazu bringt, etwas dafür zu zahlen.

Wir verdienen definitiv Geld im Internet – wir sind da bereits in der Gewinnzone.

Das heißt, Sie haben genügend Werbeeinschaltung?

Genau.

Aber die Leute zahlen auch bei Ihnen nichts für Inhalte?

Jetzt muss ich zugeben: Der kleine Österreicher Fellner wird nicht der Erste sein, der das perfekte Bezahl-Modell im Internet für Zeitungen erfindet. Das wird in Silicon Valley oder in New York entschieden, aber nicht in Österreich. Man wird im bescheidenen Maß am iPhone und iPad Geld verdienen, aber das sind minimale Beträge. Wir machen ein Vielfaches über Werbung, und immer mehr auch über Transaktionsgeschäfte, beispielsweise unser Joe24-Reisebüro. Im Internet lassen sich tolle Projekte aufstellen. Ob einer 49 Cent für eine Ausgabe zahlt, ist relativ unerheblich, wenn er in derselben Woche eine Kreuzfahrt um 3.000 Euro bucht. Die meisten Medienmacher sind sich heute einig, dass es künftig auf den „attention span“ der Leser ankommt und darauf, was sie im Rahmen ihres Zeitbudgets konsumieren. Mit Joe24 ist das unser erstes Modell, mit Mode wird es unser zweites Modell werden. Dafür braucht man eine Werbeleistung, und die funktioniert über Print noch immer am besten.

Und dazu muss man auch die politischen Werbezuwendungen rechnen, an denen Sie stark beteiligt sind?

Gut, dass Sie das anschneiden. Dieses Land ist schon das Land der größten Heuchler, wenn ich mir überlege, dass sich Herr Fleischhacker (Michael Fleischhacker, „Presse“-Chefredakteur) bei dem, was er von sich gibt, nicht schämt. „Die Presse“ ist seit vielen Jahren in diesem Land der Haupt-Profiteur der politischen Finanzierung von Zeitungsverlagen. Sie räumt aus öffentlichen Geldern insgesamt mehr als vier Millionen Euro pro Jahr ab. Bei höchst bescheidener Auflage.

Sie kriegt so wie der „Standard“ und andere Zeitungen eine Sonderpresseförderung (1,25 Millionen Euro für 2010, Anm.). Ist das nicht was anderes?

Es ist eine längst überholte Form der Presseförderung, die die Eigentümer der „Presse“ vor Jahren mit dem ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel ausgepackelt haben und die eine rein politisch konzipierte Presseförderung war. Wieso bekommen „Standard“ und „Presse“ weiterhin diese Summen aus Steuergeldern?

Es ist das, zum Unterschied von den Polit-Inseraten, eine klar ausgeschilderte, gesetzlich festgelegte Maßnahme.

Wenn ich den Kommentar von Herrn Brandstätter (Helmut Brandstätter, „Kurier“-Chefredakteur) lese, der sich ganz im Stil eines Pharisäers am Samstag darüber aufregt, dass die Regierung angeblich den Boulevard finanziert, indem sie in „Krone“, „Heute“ und „Österreich“ Forschungs-Inserate erscheinen lässt, und dann schlage ich am Sonntag – also tags darauf – den „Kurier“ auf und sehe dieselben Inserate des Verkehrsministeriums im „Kurier“, dann frage ich mich: Ist dieser Chefredakteur noch von dieser Welt – oder versucht er ganz gezielt, seine Leser für dumm zu verkaufen, indem er verschweigt, dass er haargenau dieselben Inserate bekommt wie die „Krone“ oder „Österreich“.

Ich habe ja nach den Inseraten in „Österreich“ gefragt.

Waren Sie schon einmal in Tirol? Haben Sie gesehen, wie viele Inserate die Tiroler Landesregierung am Sonntag in der „TT“ schaltet? Im Schnitt sind das vier Seiten regionale Regierungsinserate nur für die „TT“ an einem Wochenende. Da regen sich die Brandstifter auf, dass es woanders brennt. Ich halte den Hermann Petz (Hermann Petz, Vorstand der Moser Holding) wirklich für einen Superverleger, aber in einer Pressestunde zu fordern, dass man die Zahlungen der Stadt Wien an „Krone“, „Österreich“, „Heute“ und auch noch den „Kurier“, also die vier Wiener Zeitungen, transparent machen sollte, aber nicht, dass auch die Zahlungen der Tiroler Landesregierung an die „TT“ transparent werden sollten, das halte ich für den Scherz des Jahres.

Auch der Präsident des Zeitungsverbandes hat Transparenz gefordert. Gefällt Ihnen das auch nicht?

Ich bin total für Transparenz. Dann wird sich zeigen, dass „Österreich“ das Wenigste von allen kriegt. Ich habe mir das von Focus ausdrucken lassen. Da liegen „Die Presse“ und der „Kurier“ um Lichtjahre in Front – sprich die zwei, die sich am meisten aufregen, kassieren am meisten. „Die Presse“ zum Beispiel in versteckter Form vom Infrastrukturministerium fast eine halbe Million Euro. Jedes Jahr als angeblichen Druckkosten-Beitrag.

Es ging um die Zuwendungen der sozialdemokratischen Regierung der Stadt Wien an die drei Boulevardzeitungen.

Nein, an die „Kronen Zeitung“. Ich bitte, die „Kronen Zeitung“ und mich auseinanderzuhalten. Die „Krone“ bekommt ungefähr das Dreifache an Inseraten der Regierung und der Stadt Wien, wie wir bekommen. „Heute“, das nur fünf Tage erscheint, bekommt ebenfalls deutlich mehr als wir, und „Die Presse“ sowieso mehr.

„Heute“ liegt in Wien halt auflagenmäßig deutlich vor Ihnen.

Mittlerweile nicht mehr. Eine unbeschränkte Gratis-Auflage „Österreichs“ wurde bloß von de
n Altverlegern jahrelang behindert. Seitdem dieses Verbot gefallen ist, liegen wir mit „Heute“ bereits Kopf an Kopf.

Aber Sie wollten ja nicht von Anfang an eine Gratiszeitung machen?

Natürlich wollte ich das. Aber die Altverleger, also die eher defensiven Bundesländerverleger, haben mir über die Media-Analyse vorgeschrieben, ich darf nicht mehr gratis verteilen, als ich verkaufe. Das hat uns jahrelang ungefähr 200.000 zusätzliche Gratis-Auflage gekostet. Auf Druck der Agenturen ist dieses Verbot nun gefallen. Ende 2011 wird sich das in der Media-Analyse auswirken, und dann wird man sehen, dass die „Kronen Zeitung“ in Wien nur noch Nummer drei ist.

Jeder Mensch will Anerkennung. Auch Sie?

Ich brauche überhaupt keine Anerkennung. Ich amüsiere mich über Medien wie zum Beispiel den „Journalisten“, die jahrelang schreiben, was das für ein Misserfolg wird. In der Branche gibt es prinzipiell keine Anerkennung, weil die Branche aus Konkurrenten besteht. Erinnern Sie sich noch, wie „News“ am Anfang niedergemacht wurde, wie man „TV-Media“ und „Woman“ verspottet hat? Ich bin das gewohnt – und habe noch jedes Match gegen die mosernde Konkurrenz gewonnen.

Was betrachten Sie als Ihr Lebenswerk? Ist es „Österreich“? Ist es „News“?

Ich sehe weder das eine noch das andere als mein Lebenswerk. „News“ war das richtige Projekt, als es darum ging, moderne Magazine für junge Leute zu machen. Und „Österreich“ ist das richtige Projekt zu Beginn eines Internet-Zeitalters, wo sie einen täglich, sogar stündlich aktuellen Inhalt brauchen.

Man kann einen Traum haben, Sie hatten einen.

Der Weg ist das Ziel. Mein Traum war, in einer beginnenden Veränderung der Medienlandschaft, die vor sechs Jahren absehbar war, zusätzlich zu meinen wöchentlich und monatlich im Magazinrhythmus erscheinenden Produkten etwas im Tages- und Stundentakt zu machen. Das geht mit Magazinen nicht. Aber es geht mit einer Tageszeitung auf Papier kombiniert mit der entstehenden Welt des Internets. Es gibt so gesehen kein Lebenswerk, ich sehe das als „work in progress“. Die Veränderungen der Medien beginnen erst jetzt.

Haben Sie sich jemals geärgert, dass etwas ganz anders kam, als sie vorhatten? Wo sind die vielen bunten Hochglanzmagazine in Ihrer Zeitung geblieben?

Es ging so nicht, weil die Werbebranche nicht wollte – noch nicht wollte. Und weil die Magazine das Hauptopfer der Krise waren. Aber das „Madonna“ ist das europäische Musterbeispiel einer erfolgreichen Tageszeitungs-Extension. Das ist ein mutiges Unterfangen gewesen, kostet einen Euro mehr in der Trafik und ist eine Verkaufsrakete am Samstag geworden.

Vielleicht weil Frauenpower dahintersteckt, nämlich Ihre Frau?

Natürlich, aber nicht nur. Letztendlich steckte diese Power auch hinter „Life & Style“, aber das war von der Werbewirtschaft noch nicht gewünscht.

Für Sie liegt der kritische Zeitpunkt des Erfolgs zwischen fünf und zehn Jahren. Kurt Falk hat sein „Täglich alles“ im achten Jahr zugesperrt. Da ist bei Ihnen keine Gefahr?

Der Falk hat pro Jahr 40 bis 50 Millionen Minus gemacht – und hatte keine Chance, je einen Break-even zu erreichen. Damals gab’s auch noch kein Internet, keine Gratis-Zeitungen. Falk war zu früh am Markt. Ich bin im fünften Jahr im Break-even – von Falk trennen mich Lichtjahre.

Wollte er nicht so wie Sie eine neue Zeitung in einen verstopften Mark hineinpressen?

Ich will überhaupt nichts in einen verstopften Markt hineinpressen. Genau das Gegenteil war der Fall: Meine Analyse, dass der Wiener Markt der am wenigsten besetzte war, stellt sich als richtig heraus. Seit meinem Erscheinen sind in dieser Stadt über 800.000 Zeitungen mehr am Markt. Der Markt in Wien war unterversorgt. Heute hat in Wien jeder Vierte eine Zeitung in der Hand, in London aber immer noch jeder Zweite. Jetzt hat Wien erstmals Zeitungs-Auflagen mit internationalem Niveau. Das wird auch Werbeströme zu den Zeitungen lenken. Deshalb bin ich im Gegensatz zur Frau Dichand, mit der ich hier hätte diskutieren sollen und die sich offensichtlich nicht hergetraut hat, froh, dass es Konkurrenz gibt. Das belebt das Geschäft.

Dichand hat nicht reagiert, ich betreibe keine Motivforschung …

Hätte ja gern mit ihr diskutiert. Ich bin der Meinung, dass man froh sein muss über mehr Konkurrenz. Gäbe es nicht zwei U-Bahn-Zeitungen, wäre vielleicht gar niemandem aufgefallen, dass hier eine enorme Kraft entsteht. 800.000 Zeitungen mehr für eine Stadt wie Wien sind ja eine unglaubliche Leistung. Deshalb weiß ich nicht, was die Frau Dichand so stört. Dass ich das bessere Modell habe, dazu stehe ich. Meines beruht auf drei Säulen: Bezahlmodell, Inseratenmodell, Onlinemodell. Für mich ist das Inseratengeschäft der Gratiszeitungen, das für die Werbebranche sehr wichtig ist, nur ein Drittel meines Geschäfts. Deshalb gibt es wahrscheinlich einen gewissen Neid der Dame mir gegenüber. Ich habe erstens einen höheren Inseratenerlös als „Heute“, um ungefähr 50 Prozent besser, ich habe rund 30 Prozent Vertriebserlöse zusätzlich, die das „Heute“ nicht hat, und ich habe drittens ein florierendes Onlinegeschäft. Wir haben über 2.000.000 Unique Clients im Internet, „Heute“ knapp über 200.000 – also ein Zehntel.

Frau Dichand kann sich nicht wehren, und ich kann für sie nicht argumentieren.

Sie können es versuchen.

Ich stelle lieber fest: Wir können nie ein Label auf Ihr „Österreich“ hängen, was diese Zeitung ist und was nicht.

Gott sei Dank ist das so. Das mit dem Label ginge nur bei „Heute“, das ist ein ganz simples Modell, eine Gratiszeitung, und man kann dazu Bravo sagen. Aber in Spanien oder Skandinavien wurden die Gratiszeitungen von einem Tag auf den anderen eingestellt – auch das ist simpel. Als Gegenbeispiel gibt es den Herrn Fellner, da ist auf den ersten Blick alles kompliziert und unübersichtlich. Aber das moderne Medienleben ist nicht simpel, sondern kompliziert – weil mit Online, Gratis-Modell, iPad, iPhone extrem viele neue Vertriebskanäle entstehen. Nur wer dieses auf den ersten Blick komplizierte Medien-Szenario komplett bespielt, wird letztlich gewinnen.

Doppelinterview Ohne Eva Dichand

Der „Journalist“ hat die Herausgeber von „Heute“ und „Österreich“, Eva Dichand und Wolfgang Fellner, zu einem gemeinsamen Interview eingeladen. Dichand reagierte nicht, auch eine Nachfrage blieb ergebnislos. Fellner antwortete: „Selbstverständlich bin ich zu einem – fairen –, Round Table‘ bereit.“ Aus dem Round Table wurde somit ein Fellner-Interview. Auch nicht unfair.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 60 bis 63 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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