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Special

Mehr Service für die Regionen

Von Christian Krebs

Die Tiroler Radio-Szene ist dabei, sich stärker zu differenzieren und zu profilieren – Life Radio Tirol macht nach dem jüngsten Relaunch Dampf, und Radio Osttirol setzt weiterhin auf journalistische Qualität.

Neben dem Wiener Radiomarkt ist die Szene in Tirol wohl die unruhigste in Österreich: Zahlreiche Relaunches verschiedener Sender, aber auch Fusionen und Frequenzverkäufe sorgten in den vergangenen zwölf Jahren für ständige Bewegung in der Szene.

Um die heutige Struktur des Tiroler Radiomarktes verstehen zu können, muss man einen Blick auf deren Entstehung werfen. Mit der Liberalisierung des österreichischen Radiomarktes zwischen 1993 und 1998 bewarben sich insgesamt 16 Interessenten um die regionale und die lokalen Frequenzen in Tirol, 1998 starteten schließlich sieben Sender: Im April gingen Antenne Tirol (mit der regionalen Frequenz), Radio Grizzly (das spätere Radio Osttirol) und Welle1 (Innsbruck) als erste Tiroler Privatradios on air, im Mai folgte Melody FM (im Eigentum der britischen GWR Group) in Südtirol, das mit seinem Programm die Landeshauptstadt Innsbruck versorgte, im Juni nahm der Lokalsender U1-Radio Unterland Tirol den Sendebetrieb für die Bezirke Schwaz und Kufstein auf, und im August folgten schließlich Welle Oberland und Radio Express in Reutte.

Doch die hochgespannten Erwartungen in eine schnelle und erfolgreiche Entwicklung erfüllten sich – wie auch in anderen Bundesländern – zunächst nicht, die Realität war nach zweijähriger Sendezeit ernüchternd: Die einzelnen Sendegesellschaften fuhren in einem sehr engen Radiomarkt durchwegs Verluste ein. Das war nicht nur der starken Konkurrenz geschuldet, sondern auch den geografischen und topografischen Problemen im bergigen Tirol: Während man etwa in Wien nur einen Sender am Kahlenberg aufstellen musste, um sofort mehr als eine Million Hörer an technischer Reichweite zu haben, brauchte es in Tirol teilweise bis zu fünf Sendestandorte, um vielleicht 55.000 Hörer zu erreichen.

Bereits nach zwei Jahren kam es zu ersten Umbrüchen: Im August 2000 wurde Radio Express in Reutte an Gesellschafter der Welle1 Oberland verkauft und in Radio Arabella umbenannt, gleichzeitig reagierte die Moser Holding („Tiroler Tageszeitung“, Haupteigentümerin der Antenne Tirol) auf die Bestrebungen der „Kronen Zeitung“, in Tirol mit ihrem Krone Hit Radio Fuß zu fassen, mit der Einladung an alle Radiogesellschafter durch MoHo-Vorstand Hermann Petz, eine Kooperation auf die Beine zu stellen und alle privaten Sender unter einem Dach zu vereinen.

Durch diesen medienpolitischen Schachzug entstand Anfang 2001 das Funkhaus Tirol: Die Privatradio Funkhaus Tirol GmbH & Co. OHG vereinte mit Antenne Tirol, Arabella Unterland, Arabella Innsbruck, Arabella Oberland, Arabella Außerfern und Welle1 Innsbruck sechs Nordtiroler Privatradios. Diese Idee, in einem Funkhaus mehrere verschiedene Sender zu bündeln, war in Österreichs Privatradiobereich einzigartig: So konnten die sechs Stationen kostenoptimal arbeiten und auf Synergien setzen, gemeinsam wurden im Funkhaus in der Mielestraße in Rum bei Innsbruck eine Redaktion betrieben und Programmelemente produziert, aber dennoch jeweils ein eigenes Programm gesendet.

Dieses einmalige Experiment, welches auf der Novelle des Regionalradiogesetzes vom 8. Juli 2000 basierte, hatte aber nicht lange Bestand: Als im April 2001 das erneut novellierte Privatradiogesetz in Kraft trat, wurde die Frequenz der Welle1 vom Bundeskommunikationssenat Krone Hit Radio zugesprochen, da Krone Hit Radio, das im Juni 2001 als erstes bundesweites Privatradio on air ging, auch im Westen eine Frequenz betreiben musste, um als österreichweites Privatradio zu gelten. Ein dreijähriger Rechtsstreit um die Innsbrucker Frequenz 106,5 Mhz entbrannte, der schließlich in letzter Instanz im Juli 2004 vor dem Verfassungsgerichtshof entschieden wurde: Krone Hit Radio bekam die Frequenz zugesprochen. Mit diesem Urteil wurde der Sendebetrieb von Welle1 für mehr als ein Jahr eingestellt.

Das Funkhaus löste sich aber schon davor, im März 2004, wegen Unstimmigkeiten der Gesellschafter auf: Gründe waren einerseits das Drängen von Antenne Tirol, mit dem neuen Privatradiogesetz konform zu gehen, andererseits gab es finanzielle Probleme. So verließen die Welle-Radios (Innsbruck, Oberland und Außerfern) das Funkhaus und übersiedelten in ein neues Funkhaus in der Innsbrucker Eduard-Bodem-Gasse, und im ursprünglichen Funkhaus verblieben Antenne Tirol, Arabella Innsbruck und Arabella Unterland.

Aber auch im alten Funkhaus blieb kein Stein auf dem anderen: So zog sich die Moser Holding aus der Antenne Tirol zurück, behielt aber die alten Antenne-Frequenzen und vollzog im Zuge einer Markenkooperation mit Life Radio Oberösterreich im Dezember 2004 einen Neustart als Life Radio Tirol. Die Arabella-Radios wurden aufgelöst, und die Antenne Tirol erlebte im Jänner 2005 mit deren Frequenzen und mit neuen Besitzern (Radio Service Beteiligungs GmbH) einen Neustart mit gleichem Namen und Claim, allerdings mit nun beschränktem, nicht mehr regionalem Sendegebiet. Die Welle1 bekam von der KommAustria eine neue Frequenz (92,9 Mhz) zugeteilt, mit der nach der elfmonatigen Sendepause ab März 2005 ebenfalls erneut in Innsbruck gesendet wurde.

In den Folgejahren gesellten sich noch zwei weitere kommerzielle Privatradios zum Tiroler Radiomarkt (jetzt insgesamt 13 Stationen): So sendet seit September 2008 in Innsbruck das Wiener Radio Energie 99.9 und seit Oktober 2009 im Großraum Innsbruck auch das deutsche Klassik Radio. Und auch die Kooperationen gingen weiter: So schloss sich U1-Radio Unterland Tirol mit Antenne Tirol im gleichen Haus und in einer Art Betreiber-Modell zusammen, sie haben heute einen gemeinsamen Verkauf und planen gerüchteweise, in wenigen Jahren tirolweit zu senden.

Das regionale Life Radio Tirol ist jedoch heute Tirols reichweitenstärkster Privatsender mit einem AC-Format (Adult Contemporary) und hat Ende April 2010 erneut einen Relaunch vollzogen. Laut Geschäftsführer Andreas Eisendle war dieser notwendig, um einerseits den Servicecharakter zu stärken und sich andererseits klarer von Ö3 abzusetzen: „Wir waren früher zu breit aufgestellt – für die Jungen waren wir ‚zu alt‘ und für die Älteren ‚zu jung‘. Jetzt haben wir die richtige Positionierung erreicht, was uns auch das starke Hörer-Feedback im dritten Quartal bestätigt und sich, nach einem kleinen Loch im Sommer, auch in steigenden Umsatzzahlen niederschlägt. Wir haben jetzt die größte Service-Redaktion unter den Privaten in Tirol, die täglich und aktuell über Wetter, Verkehr, Blitzer und Staus berichtet, der Fokus liegt ganz klar auf der Region Tirol.“

Life Radio Tirol betreibt im Gegensatz zu vielen anderen Privaten kein Sportsponsoring, überträgt aber jedes Spiel von Wacker Innsbruck live, darüber hinaus werden zahlreiche Off-air-Veranstaltungen in den Tiroler Regionen veranstaltet, um die Marke besser bekannt zu machen und Hörer zu gewinnen und zu binden. Außerdem setzt man auf vielfältige Angebote für die werbungtreibende Wirtschaft: So werden crossmediale Konzepte für Kunden umgesetzt, die immer stärker nachgefragt werden.

Und mit dem sogenannten Ruetz-Radio erschließt man sich einen weiteren Geschäftsbereich: Life Radio Tirol realisierte Ende Mai 2010 gemeinsam mit der Moser-Holding-Tochter New Media Online (www.radio.at) und dem Tonstudio Klangfarbe für die Bäckerei Ruetz (über 40 Filialen in Tirol) ein POS-Radio auf Basis der Plattform www.ruetz.radio.at, das eigene Jingles, Wetter- und Verkehrsnachrichten und einen abgestimmten Musik-Mix bringt. Eisendle: „Das 24-Stunden-Vollprogramm schafft musikalisch den Spagat zwischen Easy-Listening für den Kunden und Anregung für die Mitarbeiter. Professionelle Produktion, Ruetz-Nachrichten, Ruetz-Wetterdienst und einen Bäcker-Ruetz-Kulthit pro Stunde runden das Programm ab. Auch auf die Besucherfrequenz sowie die Tages- und Jahreszeit wird in der Programmauswahl geachtet.“

Grizzlys in Osttirol

Eine weiterhin starke Performance legt Radio Osttirol vor, das aus dem Radio Grizzly hervorging und heute dem „Osttiroler Boten
“ (im Eigentum einer Stiftung der Bezirks-Landwirtschaftskammer) gehört: Im Sendegebiet Osttirol und Oberkärnten wies der Radiotest für das erste Halbjahr 2010 Marktanteile zwischen 19 und 23 Prozent aus (je nach Zielgruppe), die Tagesreichweiten lagen zwischen 21,5 und 24,8 Prozent und in der Zielgruppe 35 plus sogar bei 26,9 Prozent – Werte, die sonst kaum ein regionaler oder lokaler Privatsender verzeichnen kann.

Laut Geschäftsführerin Christine Brugger ist für die starke Präsenz vor allem der radikal lokale Bezug und die Konzentration auf eine journalistisch hochwertige Redaktion verantwortlich: „Mit den redaktionellen Programmelementen wollen wir vor allem die lokale Welt abbilden, und dafür treiben wir auch einen großen Aufwand. Wir haben zum Beispiel ein wöchentliches Europa-Magazin, für das ich auch immer wieder nach Brüssel fliege, um dort O-Töne und Statements einzuholen. Aber wir berichten nicht etwa, was allgemein in Brüssel gedacht, gesagt und beschlossen wird, sondern wir brechen das auf die lokale Ebene hinunter und zeigen, was etwa das neue EU-Agrarpapier für die Tiroler Bergbauern bedeutet, und lassen lokale politische Vertreter dazu Stellung nehmen. Der europäische Makrokosmos wird so auf den lokalen Mikrokosmos heruntergebrochen, mit lokalen Akteuren, aber europäischem Background. Solcherart aufbereitete Themen kommen bei den Hörern gut an, auch und gerade, wenn sie länger als zwei Minuten dauern – die Qualität und Relevanz der Information ist entscheidend für die Länge der Beiträge, egal, was andere Radiomacher darüber denken.“

Radio Osttirol, das vorwiegend deutsche Schlager und englische Oldies bringt, bietet auch eine ganze Palette an Spartensendungen, vor allem am Wochenende: Volksmusiksendungen, Porträts von Menschen aus der Region, eine eigene Blasmusiksendung, bei der sich drei Kapellmeister den Sendeplatz teilen, und seit acht Jahren macht eine Seniorengruppe einmal im Monat ihre eigene Sendung, um den Dialog zwischen Jungen und Alten zu fördern. Christine Brugger: „Wir versuchen einfach, mit allen Programmelementen die Stärken der Region herauszuarbeiten, statt die Region krankzujammern, wie das viele tun. Natürlich sind uns auch deren Schwächen bewusst – bei der Infrastruktur, der Kaufkraft oder der Anbindung der Region –, aber wir bieten den Hörern bewusst Orientierung und Sicherheit in einer globalisierten Welt.“

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 88 bis 91 Autor/en: Christian Krebs. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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