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Special

Mit Augenmaß für Südtirol

Manchmal entsprechen programmatische Entscheidungen des ORF ja doch beispielhaft dem öffentlich-rechtlichen Auftrag. Die vielfältige Kooperation zwischen dem Landesstudio Tirol und den Südtirolern ist so ein Beispiel. Auch die „Pressestunde“ mit dem Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder am 5. Dezember ist positiv zu vermerken. Sehr viel ist nämlich in Österreichs Medien nicht mehr über Südtirol zu lesen, zu hören und zu sehen, weshalb ein raumfüllender Auftritt Durnwalders im Fernsehen geradezu erfrischend wirkt. Jetzt wissen die Österreicher, wozu der Brennerbasistunnel nötig ist und warum die Südtiroler sich Österreich nicht anschließen wollen: weil sie Realisten sind, was für die Mehrheit der Tiroler südlich des Brenners tatsächlich stimmt.

Toni Ebner, Chefredakteur der Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“, sieht allerdings jetzt schon voraus, dass das Thema „Los von Italien“ im kommenden Jahr eine überzogene Bedeutung bekommen wird. Zum 50. Mal jährt sich die „Feuernacht“ vom 11. zum 12. Juni 1961, in der 37 Strommasten gesprengt wurden, um Südtirols Industriezone lahmzulegen und das Südtirol-Problem über Mitteleuropa hinaus bekannt zu machen. Es war dies ein Höhepunkt des gewaltsamen Kampfes von Südtiroler Extremisten gegen die Repressalien des italienischen Zentralstaates und seiner uniformierten Exekutoren. Einige der mutmaßlichen Täter sind noch immer im Gefängnis.

Die Einschätzung des „Südtirol-Terrorismus“ polarisiert bis heute die Öffentlichkeit. Die „Dolomiten“ bleiben strikt auf dem Kurs, den Ebners Vater Toni Ebner sen. nach der Feuernacht am 16. Juni 1961 in einem Leitartikel vorgegeben hatte: Die Südtiroler und auch die „Südtiroler Volkspartei“ sollten die Anwendung von Gewalt ablehnen und ihre berechtigten Forderungen mit friedlichen Mitteln vertreten. Ebner schloss mit den Worten: „Das Südtiroler Volk wird den von ihm vorgezeichneten Weg der Legalität weitergehen!“

Sein Sohn sieht als heutiger Chefredakteur diese Linie als einzig gangbares Programm, weiß aber genau, dass gerade die Jugend für Polemiken extremer Kreise wie der „Südtiroler Freiheit“ und des „Südtiroler Heimatbundes“ empfänglich ist. „Bei Jugendlichen gibt es die Gefahr der Radikalisierung“, sagt er. Die „Dolomiten“ würden deshalb die historischen Ereignisse zum Gegenstand ausführlicher Berichterstattung machen, um aufzuklären. Ähnlich werde auch die schon Anfang 2010 gestartete Serie über Südtirol in der faschistischen Ära fortgesetzt werden. Das sei vordringliche Aufgabe seiner Zeitung. Es sei nicht zu übersehen, dass es im Internet und auch im Alltag immer wieder zu einer Verherrlichung dieser düsteren Zeit komme. Im Gedenken an die „Feuernacht“ würden nicht zum ersten Mal laute Stimmen zu hören sein, die für eine Volksabstimmung nach dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechts plädieren.

Mit 50.000 Auflage haben die „Dolomiten“ den größten Einfluss auf die Meinung der deutschsprachigen Südtiroler. Die verkaufte Auflage habe sich gehalten, sagt Ebner, worauf er sehr stolz sei. Denn aus den meisten Ländern höre man, dass die Zeitungen unter Absatzrückgängen litten. „Wir haben diese Entwicklung nicht, aber wir sind in Südtirol keine Insel der Seligen.“

Außer den „Dolomiten“ tragen die kleine „Südtiroler Tageszeitung“ und das lebendige Wochenmagazin „ff“ zu einer gewissen Pluralität der deutschsprachigen Medien Südtirols bei. Die jüngste „ff“-Titelgeschichte betrifft die karitative Stiftung Laurin, deren Bozener Büro von der italienischen Finanzbehörde durchsucht wurde. Laut „ff“ gehe es dabei nicht nur um die Finanzgebarung der via Liechtenstein operierenden Stiftung, sondern auch um „Kulturarbeit“ im rechtslastigen Milieu. Stiftungsvorsitzender ist der 92-jährige österreichische Ex-Nationalratsabgeordnete der FPÖ, Otto Scrinzi, Stiftungsanwalt der Innsbrucker Rechtsanwalt Andreas Ermacora.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 86 bis 87. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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