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Praxis

Sprechstunde

Was hat „Heute“ gegen den Tiger, wer ist das „Kurier“-Powerduo, und wann schaut Fellner „Wetten, dass …“?

Wird „Heute“ endlich den Tiger zähmen?

Dr. Media: Nun, der Anfang war ja schon mal ganz vielversprechend. Im November zitierte die Gratiszeitung „Heute“ den „einst als ‚Tiger‘ hofierten Ex-ORF-Generaldirektor“ (so nicht ganz richtig: bis zu Monika Lindners segensreichem Walten hießen sie noch Generalintendanten) Gerd Bacher mit den Worten, der Rausschmiss von Info-Direktor Oberhauser sei ein „Skandal“, der ORF-Stiftungsrat eine „Laienbruderschaft“, die Regierung die „mieseste politische Besetzung seit Bestehen der II. Republik“, und die Landeshauptleute übten sich in einer „Dauerolympiade der Liliputaner“. Das kann man so sehen – muss man aber auch nicht.

In welchem Zusammenhang jedoch diese Zitate mit der anschließenden Geschichte stehen, weiß vermutlich nur deren Autor: Der „Heute“-Chefredakteur breitet im Nachfolgenden genüsslich aus, was mediale Spatzen schon seit 15 Jahren nicht mehr von den Dächern pfeifen, weil es eh jeder weiß und sie dessen überdrüssig geworden sind – nämlich, dass der Tiger neben seiner ASVG-Pension (2.160 Euro) über einen Sondervertrag auch noch 14.700 Euro aus der ORF-Pensionskasse bekommt. Macht zusammen 16.860 Euro monatlich – das sind dann, um genau zu sein, 236.040 Euro. Und das pro Jahr, seit 1994 – also seitdem insgesamt etwas mehr als 3,776 Millionen Euro. Was immer noch sehr bescheiden ist gegenüber jenen Abfertigungen, die Manager auch bekamen, trotzdem sie ihr Unternehmen gegen die Wand gefahren hatten – und Bacher hinterließ wenigstens einen sehr gesunden ORF.

Natürlich darf vermutet werden, dass man solcherart und via „Heute“ dem Tiger ausrichten ließ, er solle nicht das Netz beschmutzen, aus dem er kam, sondern die Pappen halten und nicht die Hand beißen, die ihn füttert – aber es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Und nebenbei: Bacher ist ja beileibe nicht der einzige „Weiße Elefant“ (ORF-interne Bezeichnung für pensionierte Großverdiener, insbesondere für frühpensionierte), der gut dotiert durchs Augartenporzellan stapfen darf – auch andere staatsnahe Organisationen, Konzerne und Holdings produzieren seit Jahrzehnten „Weiße Elefanten“ wie am Fließband, mit denen man mittlerweile die Zoos weltweit bestücken könnte.

Man könnte natürlich auch vermuten (und das wäre ein wahrhaft revolutionärer Gedankengang), dass „Heute“ eigentlich ganz dezent auf die obszöne Tatsache hinweisen wollte, dass ein Mann, dessen Beitrag zum österreichischen BIP seit 16 Jahren aus nichts mehr als eingangs zitierten und ähnlichen Sagern besteht, in einem Monat mehr bekommt als etwa die viel zitierte Mitzi-Tant’ an der Billa-Kassa im ganzen Jahr – aber das ist nicht ihm anzulasten, und auch hier gilt die Unschuldsvermutung. Und: Das muss man so nicht sehen – aber man kann es, meint Dr. Media.

Wie mächtig ist das Paar Hufnagl-Kuhn?

Dr. Media: Nach Brandstätters Change Management im „Kurier“ ist die Macht neu verteilt. Eine besondere Rolle kommt dabei dem „Power-Couple“ Michael Hufnagl (Sonntags-Chef) und Gabi Kuhn (Sex-Kolumnistin der „Freizeit“) zu. Hufnagl und Kuhn sind seit vielen Jahren verheiratet, sind sich bei einer Weihnachtsfeier im „Kurier“ nähergekommen. Mit dem Aufstieg Kuhns zur Mega-Ressortleiterin von Mode, Lebensart, Gesundheit, Coaches und Gesellschaft dominiert das Paar wesentliche Bereiche des Blattes. Hufnagl soll übrigens am Konzept für ein neues Sonntagsmagazin – kleinformatig, Hochglanz, peoplelastig – arbeiten, das den wenig erfolgreichen „Mein Sonntag“ ersetzen soll.

Retten Funktionäre den Journalismus?

Dr. Media: Da werden sie sich noch anstrengen müssen. Im Endspurt zum neuen Journalistenkollektivvertrag schält sich ein Problem deutlich heraus: Wer vertritt die Journalisten? Natürlich Verhandlungschef Franz C. Bauer als Vertreter der Journalistengewerkschaft, okay. Aber die „Journalistengewerkschaft“ ist in die GPA eingegliedert, also die Gewerkschaft der Privatangestellten, Sektion Druck, Journalismus, Papier. Das ist eine schlagkräftige, aus Funktionären bestehende Interessenvertretung, deren Spielregeln nicht immer mit dem praktischen Journalistenleben kompatibel sind. Im „Funktionärskörper“ der GPA sind diejenigen Journalisten verankert, die fest angestellt sind und den Kollektivvertrag schon haben. Freie Mitarbeiter kommen nie dort hinein, auch in den Betriebsräten sind sie unterrepräsentiert. Schafft es die „Journalistengewerkschaft“ unter solchen Rahmenbedingungen überhaupt, Solidarität mit dem journalistischen Prekariat herzustellen? Das ist die Schicksalsfrage 2011 – nicht nur für die „freien“ Journalisten, sondern für die GPA. Denn wenn es ihr nicht gelingt, die zahlenmäßig große Randgruppe von arbeitsrechtlich ausgebeuteten Journalisten in ihre Reihen zu ziehen, wird auch der Funktionärskörper abmagern. Die Festangestellten, die er vertritt, werden nämlich immer weniger.

Wer schrieb die Blamage des Jahres?

Dr. Media: Es ist der peinlichste Fehler des abgelaufenen Jahres. „Österreich“ titelte in einem Teil ihrer Sonntag-Ausgabe: „Robbie holte Show aus Koma“. Kein Wort zum Drama um Samuel Koch, der vermutlich nach dem schweren Unfall bei „Wetten, dass …?“ gelähmt bleiben wird. Weitere Peinlichkeiten: Thomas Gottschalk habe „alle Register seiner Kunst gezogen“, „Robbie trat in der Show zwei Mal auf“, „Unser Oscar-Star Christoph Waltz nahm mit Cameron Diaz Platz, um dort mit Teenie-Idol Justin Bieber und der ewig jungen Cher zu plaudern“. Das war schlicht falsch, denn die Einzigen, die bei Abbruch der Show auf der Couch saßen, waren Otto Waalkes und Top-Model Sarah Nuru. Der Politblogger veröffentlichte als Erster die Story, gefunden und getwittert wurde die Geschichte von Marcel Hauer. Und wer schrieb den blamablen Text? Gerüchten zufolge soll Wolfgang Fellner den Text selbst geschrieben haben. Es ist nicht die erste Story dieser Art: „Österreich“ hatte auch schon den falschen „Dancing Star“ am Cover und veröffentlichte Fake-Tagebücher von Paris Hilton im Knast.

Warum zieht die Moser Holding ins Innsbrucker Stadtzentrum zurück?

Dr. Media: Sie residierte ja 35 Jahre lang mit ihrem Flaggschiff „Tiroler Tageszeitung“ in der Innenstadt. Hauptgrund für den Umzug 1980/1981 von der Erlerstraße in die Schlachthofgasse, die seitdem dort Ing.-Etzel-Straße 30 heißt, waren Verkehrsanbindung und Platznot. Wie in allen Medienhäusern, die dem Trend an die Peripherie folgten, beklagten aber auch die Journalisten der „TT“ den Verlust ihrer zentralen Einbindung ins medial-politische Biotop der Landeshauptstadt zwischen Bacchus-Keller, Stieglbräu und Cafe Central. Anders als von Mitbewerbern kolportiert, ist die geplante Rückkehr kein Indiz einer allfälligen Schrumpfung der schnell gewachsenen Moser Holding. Eher im Gegenteil: Druckerei und Zustellung bleiben am aktuellen Standort. Die Verlage und Redaktionen der Firmengruppe rund um die „TT“ beziehen Ende 2012 ein 49 Meter hohes Bürogebäude der Pema Holding, dessen Projektname Headline schon auf den Medieninhalt verweist. Dabei geht es nicht nur um eine gute Präsentationsmöglichkeit der Marken, sondern auch die persönliche Greifbarkeit von Mitarbeitern in einer infolge Digitalisierung zunehmend anonymisierten Branche. Außerdem ist die „Tiroler Tageszeitung“ in der Ing.-Etzel-Straße 30 an die Grenzen ihrer Ausbaufähigkeit geraten. Der für den Headline-Tower vorgesehene zentrale Multimedia-Newsroom wäre am alten Standort kaum realisierbar, wo es in den 30 Jahren seiner Existenz kaum eine Phase gab, in de
r nicht um- oder ausgebaut wurde.

Kommt Oliver Voigt zur „Kronen Zeitung“?

Dr. Media: Sein Abgang kam überraschend, doch Insider vermuten dahinter einen Karriere-Sprung. News-Geschäftsführer Oliver Voigt, den Gruner + Jahr ablösten, soll zur „Kronen Zeitung“ wechseln. Seit der Causa Kampusch sind Oliver Voigt und die Ehefrau des „Krone“-Chefredakteurs Christoph Dichand, Eva Dichand, eng befreundet. Denkbar sei, so ein ehemaliger „Krone“-Mann, dass Voigt Geschäftsführer der „Kronen Zeitung“ werde, aber auch die Variante des gemeinsamen Geschäftsführers von „Kronen Zeitung“ und „Kurier“ sei nicht ausgeschlossen. Von Voigt gibt es dazu nur einen Kommentar: „Auf zu neuen Ufern!“

Warum braucht Horst Pirker so lange?

Dr. Media: Das Personalrätsel der Branche lautet: Was macht der Ex-Vorstandsvorsitzende der Styria Media Group, Horst Pirker, jetzt? Die provisorische Auflösung: Er macht es zumindest spannend. So viele Jobangebote kann es ja gar nicht geben, dass er seit 1. Oktober verzweifelt in ihnen herumwühlt und den Überblick verliert. Wenn das so weitergeht, werden ihm die Zeitungen, die ihn sowieso schon an Mediaprint und den Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz verkaufen, auch noch einen Experten des AMS ins Haus schicken, zur Beratung. Pirker soll weitermachen, sonst erfinden wir für ihn noch freie Posten in Sotschi (Olympia-Multichannel-Marketing) und China (Nobelpreisträger-Beratung). Direkte Anfragen bei ihm helfen nicht wirklich weiter, denn er antwortet: „Ich bin in meiner Auszeit und will die immer variantenreicher werdenden Gerüchte nicht kommentieren.“

Es kann aber auch sein (neue Variante!), dass er sein Zukunftsglück bereits sicher in der Tasche hat, aber noch nicht auspacken will, weil die Vergangenheit noch nicht ganz vergangen ist. Es soll ja klare Verhältnisse geben und keine Überlagerungen. Warten wir also geduldig über Silvester, ob sich Pirkers Entscheidung als naheliegend herausstellen oder einem Griff nach fernen Sternen gleichen wird.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 128 bis 129. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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