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Medien

Surfin’ USA

Von Peter Plaikner

Washington revisited. Nichts ist mehr, wie es 2008 war. Statt Obama-Hype nun Tea-Party-Depression. Fox News agitieren CNN ins Quotentief. Wikileaks und die „Huffington Post“ definieren das Investigative neu. Die „New York Times“ stöhnt unter den Wucherzinsen eines 250-Millionen-Kredits. Die „Washington Post“ verkauft „Newsweek“ um einen Dollar und leidet – wie der Journalismus im Land der 200 Millionen Weblogs.

The National Press Club, the world’s leading professional organization for journalists, hat schon bessere Zeiten erlebt. Wie Peter J. Hickman. Doch der kennt auch schlechtere Phasen und – vielleicht nicht Gott, aber sicher die Welt. Der 79-jährige Texaner war für den US-Informationsdienst in Korea und Vietnam. Ein Spion? Nobody knows the trouble he’s seen … Zu den Pressekonferenzen im 13. Stock des Hauses 529 14th Street NW stellten sich allein unter seiner Ägide „146 Staatschefs, Regierungschefs oder Chefs von irgendwas anderem“ ein. Von Jassir Arafat über Tony Blair bis Hugo Chávez. „Kennen Sie Hugo Portisch?“ will er wissen. „Grüßen Sie Ihn!“ lässt er dem 83-Jährigen ausrichten, nachdem er sich ausführlich nach dessen wahren Chancen auf die österreichische Bundespräsidentschaft erkundigt hat.

In Washington D.C. erinnert nichts mehr an das presidential race von 2008. Den midterm elections 2010 fehlt jegliche Aufbruchstimmung. Der Hauptstadt-Hort inmitten des Tea-Party-Rückschritts kippt mehr als andere US-Regionen in die Hoffnungslosigkeit auf eine bessere Welt zwischen Politik und Medien. Vor zwei Jahren noch waren sie hier am 4. November um 22 Uhr losgestürmt vom Campus der Georgetown oder George Washington University, um George W. Bush aus dem Weißen Haus zu protestieren. Die Stadt mit 90 Prozent demokratischen Wählern und 70 Prozent afroamerikanischer Bevölkerung feierte den ersten farbigen Präsidenten. Am Abend des 2. November 2010 ist sie still. Business as usual. 10 Prozent Arbeitslosigkeit, 13 Billionen Dollar Staatsschulden. Bei Clinton hieß das: it’s the economy, stupid. Für Obama lautet die Übersetzung: no change, no hope, no we can’t.

Weblog-Boom und Zeitungskrise

Dennoch ist für Joe Trippi die größte Herausforderung, dass „die Basis so mächtig geworden ist“. Der Mann, der seit Edward Kennedy für demokratische Kandidaten zur Präsidentschaft und nachgereihte Ämter arbeitet, berät den Gouverneur-Methusalem Jerry Brown, Arnold Schwarzeneggers Nachfolger in Kalifornien. Mit vier Millionen Weblogs hatte er es zu tun, als er 2004 für die bahnbrechende Online-Kampagne von Howard Dean, dem späteren Chef der Demokraten, verantwortlich war. Zur Obama-Wahl 2008 zählte er bereits 77 Millionen Blogs, heute schon 200 Millionen. Doch „99 Prozent der Weblogs, die sich auf News beziehen, verlinken auf klassische Medien“, relativiert ORF-Korrespondent Hanno Settele den Boom: „Es entstehen weniger neue Blogs, als bestehende ohne neue Einträge bleiben.“

Die Krise herkömmlicher Medien zeigt sich nirgends deutlicher als an der „Washington Post“. Mit vier Pulitzer-Preisen 2010 wie so oft die meistdekorierte Zeitung bei der wichtigsten Journalisten-Auszeichnung, verliert sie aufgrund von Einsparungen ihr nationales Korrespondentennetz und reduziert sich zum Hauptstadtblatt. Die Zeitung, die Präsident Richard Nixon durch Aufdeckung des Watergate-Skandals aus dem Amt gedrängt hat, opfert stückweise ihren Anspruch: 2002 beendete sie nach 35 Jahren ihre globale Kooperation mit dem nationalen Hauptkonkurrenten „New York Times“ und verkaufte ihre Anteile an der „International Herald Tribune“. 2010 trennt sie sich um einen Dollar vom Nachrichtenmagazin „Newsweek“. John Burgess, einst stellvertretender Auslandschef, hatte schon 2008 gegenüber österreichischen Besuchern beklagt: „Unsere Gesamtleserschaft steigt. Doch die Zeitung ist nicht mehr das Kernprodukt, und diese Transformation ist verdammt schwer umzusetzen.“ Sogar im News-Verbund mit ABC, einem der vier nationwide agierenden tv-broadcaster.

Die Botschaft findet den Bürger

Die „New York Times“ ist unterdessen nach „Wall Street Journal“ und „USA Today“ weiterhin die Nummer drei im Trio der einzigen bundesweit erhältlichen Blätter in einem von Regionalzeitungen geprägten Land. Mit einer Reichweitendimension ähnlich der „Krone“ ächzt sie auf dem 250-Millionen-Leser-Markt unter einem 250-Millionen-Dollar-Kredit des Telekommunikations-Magnaten Carlos Slim. Der Mexikaner ist laut Forbes der reichste Mann der Welt und lässt sich seine Wohltat mit einem Zinssatz von 18 Prozent belohnen. Also entlassen die Zeitungen weiter Personal, und verlassen die investigativen Ansätze zunehmend die Zeitungen. Die traditionelle Funktion der gatekeeper geht verloren. Das unüberschaubare Dokumentenarchiv Wikileaks ist die globale Speerspitze dieser Entwicklung. In den USA jedoch hat der erst seit fünf Jahren bestehende Polit-Blog „Huffington Post“ ähnliche Bedeutung. Ausgerechnet dessen Gründerin Arianna Huffington initiierte eine Stiftung für investigativen Journalismus.

Deshalb ist Nancy Bocskors erster Rat an ihre Kunden: „Vermarkte permanent deine Website.“ Die Politikberaterin ist 2010 voll im Aufwind. Sie startete ihre Karriere an der Seite des Republikaners Newt Gingrich. Ihr demokratischer Consultant-Konkurrent Joe Trippi erläutert, warum das Onlinemarketing so wichtig ist: „Als wir für Howard Dean 15 Millionen Dollar via Internet sammelten, war das sensationell. Barack Obama bezog aber schon eine halbe Milliarde aus dem Web.“ Das Netz ist die Geldmaschine der US-Politikfinanzierung. Dahinter verbirgt sich zunehmend eine fünfte Gewalt. „Das Besondere an den midterm elections sind maßgeschneiderte Botschaften an Kleinstzielgruppen bis zur persönlichen Adressierung“, sagt Trippi über das Land des kaum gebremsten Datenhandels. „Der Bürger muss nicht mehr, seine‘ Information suchen. Die Botschaft findet ihn“, erläutert Alan Rosenblatt von der progressiven Denkfabrik Center for American Progress. Carroll Doherty vom Pew Research Center for the People & the Press, einem konservativen think tank, schränkt allerdings ein: „30 Prozent der Amerikaner sind noch nicht online.“

Fox-Abgrund und Google-Abwehr

Das Fernsehen verteidigt seine Bastion noch etwas besser als die Printmedien. Doch die großen vier, die terrestrisch, digital und frei empfangbaren Netzwerke NBC, ABC, CBS und Fox, spüren die Konkurrenz von 560 Kabel-Programmen; u. a. die Informationssender MSNBC, CNN und Fox News. Der Verkauf von NBC Universal an den Kabel-Giganten Comcast 2009 war mehr als ein Signal. Es gibt kaum einen besseren Gradmesser für den politischen Wandel von 2008 auf 2010 als Rupert Murdochs Hetz-Kanal Fox News. Ein Möglichmacher der Tea Party, der zwar nicht durch Reichweite, aber infolge Bedenklichkeit mitunter fast Volksempfänger-Abgründe offenbart. Seine Galionsfigur Bill O’Reilly bildet Hillary Clinton gleich neben dem Teufel ab und ist hauptverantwortlich dafür, dass Fox News am jüngsten Wahltag 60 Prozent mehr Publikum hatte als CNN und MSNBC zusammen.

Doch die Gesamtreichweiten der Info-Kabler werden überschätzt. Am 3. November 2010, dem Abend nach den midterm elections, war „Anderson Cooper“ mit gerade 770.000 Zuschauern die meistgesehene Sendung von CNN. The O’Reilly Factor hatte da zwar ein Vier-Millionen-Publikum, leidet aber seit Längerem an Quotenschwund. Bei einem Durchschnittsalter von 70 plus sterben die Fans langsam aus. Trotz dieses nahezu allen traditionellen europäischen Nachrichtenformaten vergleichbaren Phänomens drängt Google immer vehementer ins US-Fernsehen. Doch die großen vier blockieren vorerst die Vorstöße des Internet-Giganten. Nach ABC, NBC und CBS entschließt sich im November auch Fox, die Programmübersicht Google TV zu blockieren. Lesson learned, denn „es ist ein riesiger Unterschied, ob ich ein Tool nutzen oder es strategisch nutzen kann“, sagt Alan Rosenblatt. Das mag für Googles Fehlversuch gelten, bezieht der progressive Denkfabrikant aber auf den Einstieg in neue Kommunikationskanäle. Er empfiehlt in Sachen social media eher den Frühstart ohne Datenstütz
ung. Besser dreimal danebenliegen als einmal zu spät dran sein.

US-Akteure und Euro-Denker

Schon 2004 hat Joe Trippi, the man who reinvented campaigning (The New Republic), die Transformation der Politik vom Fernsehen Richtung Internet in einem Sachbuch-Bestseller beschrieben bzw. vorhergesagt: The Revolution will not be televised. Democracy, the internet and the overthrow of everything. 2008 postuliert Michael Silberman, ein anderer Berater von Howard Dean, am Tag nach der Wahl: „Obama hat nicht wegen des Web gewonnen, aber er hätte es ohne das Web nicht geschafft.“ 2010 erklärt Alan Rosenblatt die aktuellen parallelen Herausforderungen an Politik und Medien: „Zuerst ging es nur um eindimensionale Ansprache – also Broadcasting. Dann folgte die zweidimensionale Kommunikation – mit Rückkanalfähigkeit. Heute verläuft alles ständig intensiver dreidimensional: Die Kampagne kommt zum Auditorium, das Auditorium meldet aber nicht bloß zurück, sondern kommentiert permanent auch unter- und zueinander – und das Ganze auch noch simultan.“

Wie schon 2008 fragen sich die Besucher vom Master-Lehrgang Politische Kommunikation (Donau-Uni Krems) letztlich aber vor allem, welche dieser Entwicklungen auch nach Österreich kommen werden – und was nicht nur aufgrund anderer Politikfinanzierung und Mediensituation US-spezifisch bleiben wird. Eine Antwort gibt ihnen Howard Dean selbst in einem exklusiven Gespräch am Wahlabend 2010: „Das Problem der Amerikaner ist, dass sie agieren, ohne zu denken. Das Problem der Europäer ist, dass sie denken, ohne zu agieren.“ Der einst gescheiterte Präsidentschaftskandidat hat gerade die britischen Liberaldemokraten beraten. Die haben es unter Nick Clegg immerhin in die Regierung geschafft.

Vom Glück und anderen Pilzen

Im National Press Club, the world’s leading professional organization for journalists, will Peter J. Hickman wissen, was Hugo Portisch denn jetzt so macht. Auf die Vermutung, die graue Eminenz des österreichischen Politikjournalismus widme sich heute insbesondere Pilzen, reagiert sein amerikanischer Kollege mit einem versonnenen: „He must be a lucky guy“. Ein Glückspilz ohne Weblogs, Facebook und Wikileaks.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 64 bis 67 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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