ARCHIV » 2010 » Ausgabe 12/2010+01/2011 »

Editorial

Was von 2010 übrig bleibt

Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen.

In wenigen Tagen wird das Jahr 2010 Geschichte sein, abgehakt auf unseren Redaktionskalendern und bald im Tempo des Neuen vergessen. Fragen Sie auch manchmal, was von 2010 bleibt? Vielleicht Meilensteine, die Sie selbst gesetzt oder an anderen bewundert haben? Erinnerungen an Menschen, denen Sie begegnet sind oder die Sie verloren haben?

Ich kann diesen einen Tag im Februar 2010 nicht vergessen. In Frankenmarkt hatte sich eine Kirche voll versammelt, um Meinrad Rahofer zu verabschieden. Er lag im Mittelgang, knapp vor dem Altar, in einem schlichten Sarg. Der Leiter des Kuratoriums für Journalistenausbildung war nicht mehr aus dem Koma erwacht. Ich habe mit ihm einen Freund verloren. Ich zitterte und wischte mir die Tränen aus den Augen. Unendlich viele Menschen hielten an Meinrads Sarg eine Rede. Als wollten sie ihn festhalten, ihn gar nicht der Erde übergeben.

Zwei Menschen habe ich an diesem trüben, kalten Tag getroffen, die mir bis zum Jahresschluss nochmals begegnen sollten. Zum einen Andreas Koller. Mit ihm wärmte ich mich in einer kleinen Pizzeria am Marktplatz in Frankenmarkt. Wir sprachen über Meinrad und über die Zukunft des Journalismus. Auch Engelbert Washietl und Heinz Nußbaumer saßen mit am Tisch und wir rätselten, wie es wohl mit dem ORF, mit Fellner, aber auch mit Dichand weitergehen würde, der scheinbar ein Abo für das ewige Leben hier auf Erden gelöst hatte. Mich beeindruckte die stille und höfliche Art von Andreas Koller. Er horchte aufmerksam zu, wog ab, bevor er seinen eigenen Standpunkt erklärte, lächelte immer wieder hinter seiner Brille hervor. Koller ließ Meinungen zu und setzte selbst Meinung. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, bescheiden, frei von allen Allüren. Mitten im Zentrum der Macht, und augenscheinlich doch nicht von dieser erfasst, schon gar von ihr versaut. Ich fragte mich damals, was wohl unerträglicher wäre: Politiker zu sein und damit aktiver Teil dieses Systems oder Innenpolitikjournalist wie Andreas Koller, täglich über dieses System und seine Auswüchse berichten zu müssen, ohne ernsthaft etwas verändern zu können.

Jetzt, am Ende dieses Jahres, begegnet mir Andreas Koller wieder. Als „Journalist des Jahres“. Wie schon so oft in den Vorjahren ist Koller auch 2010 wieder bester „Innenpolitikjournalist des Jahres“, allerdings mit einer bedeutsamen Ergänzung. Heuer haben in der Jury so viele für Koller gestimmt, dass er auch in der Gesamtwertung auf Platz 1 liegt. Ich freue mich darüber ganz besonders, weil der Innenpolitik-Chef der „Salzburger Nachrichten“ nicht nur für Themen, sondern vor allem für Werte steht. Respekt, Anerkennung, Wertschätzung. Koller lebt diese Werte. Seinen Gesprächspartnern gegenüber ebenso wie seinen Lesern, aber auch seinen Mitarbeitern.

„Redaktion des Jahres“ ist 2010 der ORF, der die „Presse“ auf Platz 2 verdrängen konnte.

Meinrads Sarg war eben in ein Auto geladen, Nebel war über uns gekrochen und unsere Füße froren im Schnee, als mich Kirsten Annette Vogel umarmte. Auch sie hat in diesem Sarg einen Freund verloren und sie erzählte mir von den vielen Gesprächen, die sie und Meinrad über das Führen von Journalisten hatten. Es ging um Respekt, Anerkennung und Wertschätzung und wie Journalisten mit dieser Haltung auch unsere Gesellschaft verändern könnten. Ich habe mit Kirsten Annette Vogel dieses Gespräch später fortgesetzt und die wichtigsten Passagen im April als Interview im „Journalisten“ gedruckt. Jetzt hat Vogel zwei Bücher in unserem Verlag publiziert. Ein Fachbuch und ein Märchenbuch. In einem der beiden schreibt sie: „Es geht darum, dass wir die Angst vor der Wahrheit verlieren. Dass wir begreifen, dass jede Art von Führung in Medien Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat. Und dass Journalisten, aber auch deren Führungskräfte den einen Funken Mut in sich selbst wiederentdecken, der Kraft und Energie gibt, Entwicklungen und Veränderungen selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten.“

Wollen wir uns das als Vorsatz für 2011 nehmen? Noch hat das neue Jahr viel Zeit und vielleicht schaffen wir es. Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben alles, alles Gute und danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am „Journalisten“ für alles, was sie in diesem Jahr geleistet haben.

Erschienen in Ausgabe 12/2011 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 3 bis 9. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;