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Medien

Damoklesschwert „Quote“

Von Astrid Zimmermann

Nicht dass gute Informationssendungen an niedrigen Zuschauerzahlen erkennbar wären. Es gilt aber auch nicht das Gegenteil.

Fast 800.000 Zuschauer ganz ohne KHG – das „ZiB 2“-Team hatte allen Grund zu jubeln. Die Berichterstattung über die Demonstrationen in Kairo und vor allem die Erklärungen von Karim El-Gawhary, der für die österreichischen Fernsehzuschauer das Fenster zum Tahrir-Platz öffnete, brachten Zuschauerrekorde.

So sehr mich dieser Erfolg für das Nachrichtenteam freut, so sehr stört der Quotendruck. Nicht dass gute Informationssendungen an niedrigen Zuschauerzahlen erkennbar wären. Es gilt aber auch nicht das Gegenteil: Hohe Quote ist gleich journalistische Qualität. Den Beweis dafür hat eindeutig die Sonntagabend-Talksendung „Im Zentrum“ Ende Jänner mit einem geradezu komisch-platten Rührstück geliefert: ein Ex-Finanzminister, der seine Schönheit anpries, ein PR-Agent, der den Moralapostel gab, und ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, der nichts sagen durfte, bescherten der öffentlich-rechtlichen Infosendung Top-Zuschauerzahlen. Obwohl das Informationsrecht der Österreicher ausschließlich nach „journalistischen Qualitäts-Kriterien“ zu erfüllen wäre.

Laut Gesetz ist der ORF nämlich eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt. Sie erfüllt ihren Programmauftrag – Information, ausgewogene Kommentierung, Volks- und Jugendbildung, Vermittlung von Kunst und Wissenschaft usw. – unabhängig vom Einfluss von „Staat und Parteien, von anderen Medien und von politischen wie wirtschaftlichen Lobbys“ (ORF-Gesetz Paragraf 4, Abs. 6).

Ökonomisch wurde der Österreichische Rundfunk allerdings als Zwitterwesen, als Chimäre* geschaffen: halb finanziert aus Gebühren, halb – wie private Rundfunk-Fernsehanstalten – aus Werbeeinnahmen. Allerdings stark eingeschränkt durch das ORF-Gesetz: maximal zwölf Minuten Werbung pro Stunde, maximal 42 Minuten pro 24 Stunden. Gleichzeitig muss der ORF sowohl einen umfassenden Versorgungsauftrag als auch einen in vielen Einzelheiten genau festgeschriebenen öffentlich-rechtlichen Kernauftrag erfüllen. Letzterer wird nicht vielleicht – wie allgemein „public value“ – definiert als „Zurverfügungstellung wichtiger Infrastruktur oder Dienstleistungen“ für die gesamte Bevölkerung zu einem angemessenen Preis. Als Auftrag also, ein umfassendes Versorgungsnetz und ein umfassendes Informations-, Service- und Unterhaltungsangebot zu bieten, wie es zum Beispiel das deutsche Bundesverfassungsgericht von den öffentlich-rechtlichen Sendern verlangt. Vielmehr geht es in Österreich um so unspannende Aufträge wie „die Information über die Bedeutung, Funktion und Aufgaben des Bundesstaates sowie die Förderung der regionalen Identitäten der Bundesländer“ oder „die Förderung des Verständnisses für Fragen der europäischen Sicherheitspolitik und der umfassenden Landesverteidigung“ (ORF-Gesetz Paragraf 4, Abs. 16 und 18).

Solche Aufträge zu erfüllen, ist nicht einfach, wenn gleichzeitig die Werbezeiten rund um die Informationssendungen dann teuer zu verkaufen sind, wenn die Quote stimmt. Was natürlich relativ ist. Denn niemals sind in einem Markt wie Österreich mit rund sieben Millionen Menschen, die abends fernsehen könnten und für die Werbewirtschaft interessant, also über zwölf Jahre alt sind, Zuschauerzahlen zu erreichen wie in Deutschland oder Frankreich. Was die Reichweite anlangt, kann sich der ORF aber alle zehn Finger abschlecken und wird von den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF mit Marktanteilen zwischen 11 und 12 Prozent beneidet. Erreicht der ORF mit beiden TV-Programmen immerhin fast ein Drittel aller Österreicher und jeden zweiten Fernsehzuschauer.

Trotzdem sitzt den ORF-Leuten ständig der Quotendruck im Nacken. Von den Unterhaltungsleuten bis zu den Verantwortlichen für die Nachrichtensendungen fühlen alle das Damoklesschwert „Quote“ über sich; jeden Tag frisch aktualisiert ab 8.30 Uhr abrufbar. Das kann dem Journalismus nicht guttun.

* In der griechischen Mythologie ist Chímaira die Tochter zweier Ungeheuer und die Schwester der vielköpfigen Schlange Hydro, des Wächters der Unterwelt Kerberos und der Sphinx. Homer beschreibt sie in der Ilias als feuerspeiendes Unwesen mit drei Köpfen. Chimäre kann aber auch Trugbild, Täuschung sein.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 50 bis 51 Autor/en: Astrid Zimmermann. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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