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Medien

Der „Kurier“-Chefredakteur lernt grobe Arbeit

Der Befehl zum Sparprogramm wurde Helmut Brandstätter kurz nach seinem Dienstantritt als Morgengabe serviert.

Der „Kurier“ meldet 25 Leute zur Kündigung und elf weitere zur Änderungskündigung an, um Kosten zu sparen. Haben Sie gewusst, dass diese Aufgabe auf Sie wartet, bevor Sie Chefredakteur wurden?

Helmut Brandstätter: Nein.

Aber Sie haben ja den „Kurier“ gekannt und wussten, was dort los ist.

Eine Zeitung ist ein Wirtschaftsunternehmen wie jedes andere auch, und dass ein Wirtschaftsunternehmen nur überlebt, wenn die Einnahmen die Ausgaben übersteigen, ist auch klar. Was ich schon wusste, war, dass bei anderen Zeitungen seit ungefähr zehn Jahren Arbeitsverträge geändert wurden, auch mit sanftem Druck, sodass Mitarbeiter auf Quinquennien oder auf anderes verzichteten. Beim „Kurier“ geschah das nicht. Meine Aufgabe ist aber im Übrigen, den „Kurier“ noch besser und lesbarer zu machen.

Können Sie aus dem Stegreif die drei wichtigsten Maßnahmen nennen, die dazu führen sollen?

Erstens: Wir sehen, dass wir bei den Abonnements gut zulegen, aber der Einzelverkauf zurückgeht, weil die Konkurrenz der Gratisblätter zu groß ist. Also werden wir uns um den Wiener Einzelverkauf kümmern.

Das geschieht wie? Durch knalligere Titel?

Nein, durch Maßnahmen, die ich im Detail noch nicht sagen möchte. Nicht durch knalligere Titel, sondern wenn schon durch Qualität. Zweitens soll die Zeitung noch mehr als gesamtösterreichische Zeitung etabliert werden. Was die Berichterstattung betrifft, können wir ja, um ein einfaches Beispiel zu nennen, nicht nur über den Ausverkauf in der Wiener Mariahilferstraße berichten, sondern auch über den Ausverkauf in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck. Es soll klar werden, dass es sich um eine gesamtösterreichische Zeitung handelt. Deshalb werden wir am kommenden Montag (28. 2.) in Linz unser oberösterreichisches Projekt vorstellen (siehe Beilage „Oberösterreichischer Journalist“). Wir werden dort ab Anfang März an jedem Sonntag mit einem eigenen Oberösterreichbuch erscheinen. Wir werden zeigen, dass wir Kompetenz in der Landesberichterstattung haben, und hoffen, dass wir die Leser vom Sonntag auch in die Werktage unter der Woche hineinziehen können.

Und drittens?

Das läuft die ganze Zeit schon: Qualität, was Schreiben betrifft, was die richtigen Themen betrifft und auch mit entsprechender Flexibilität. Gestern und heute machten wir Libyen, und die Kooperation der Ressorts untereinander, in dem Fall der Außenpolitik und der Wirtschaft, funktioniert ohnedies schon recht gut.

Der „Kurier“ verkauft in Wien rund 145.000 Zeitungen im Durchschnitt, die Gratiszeitung „Heute“ verbreitet 365.700 (erstes Halbjahr 2010). Hat eine Kauftageszeitung wie der „Kurier“ überhaupt noch Chancen, die Auflage zu steigern?

Die verschenken so viel, und wir verkaufen die Hälfte davon. Da sind wir eh nicht schlecht, oder? Ja, es geht, aber mit Qualität und nicht wegen irgendeiner Wiener Mordgeschichte. Natürlich brauchen wir die Chronik, aber mit Qualität. Das heißt richtig recherchieren, kommentieren, aufzeigen, mit Klarheit darstellen, den Lesern Sicherheit zum Anhalten bieten.

Das kostet auch Geld, oder sparen Sie genau das jetzt dafür ein?

Es ist auch eine organisatorische Frage. Es werden im Redakteursbereich nur ganz wenige gekündigt. Das heißt, wir haben gute Redakteure, die etwas können.

Sie sagen, der „Kurier“ holt jetzt bei den Personalkosten nach, was andere Verlage schon die ganze Zeit machten. Aber gibt es nicht auch in der Entwicklung des „Kuriers“ in den vergangenen Jahren oder vielleicht sogar Jahrzehnten Gründe dafür, dass jetzt die Kostenreduktion so dringend erscheint?

Von der Vergangenheit weiß ich zu wenig. Ich hatte ein Gespräch mit Hugo Portisch zum Thema „Wie war das in den 1960er-Jahren?“. Geredet haben wir aber über die Vergangenheit überhaupt nicht, sondern darüber, wohin sich die Zeitungen entwickeln. Die Österreicher lesen noch immer sehr viel Zeitung, aber zum Teil Gratiszeitungen. Wir müssen sie von der Marke „Kurier“ so überzeugen – auch über Internet und iPad –, dass sie sagen, das ist eine spannende Zeitung. Es soll derjenige, der eine Stunde lesen will, etwas davon haben, und auch der, der nur in zehn Minuten den Überblick sucht. Das ist ein Spagat, aber wir kriegen ihn fast jeden Tag hin.

Der „Kurier“ verabschiedet etliche ältere Mitarbeiter, das wird von Gewerkschaftsseite kritisiert.

Gewerkschaft … Da lese ich gerade heute, dass die Gewerkschaft den Pflegedienst der Stadt Wien „Sozial Global“ kritisiert; die haben 380 zum überwiegenden Teil Frauen von einem Tag zum anderen zur Kündigung angemeldet. So etwas gibt es dort auch. Natürlich ist das bei uns nicht angenehm, aber alternativlos, wie Geschäftsführer Thomas Kralinger sagt. Wenn wir weniger Geld zur Verfügung haben, müssen wir schauen, dass wir mit weniger Geld auskommen.

Der Vorarlberger Verleger Eugen Russ sagt in einem „Presse“-Interview etwas, das zu Ihrem Problem passen könnte, nämlich „Ich bin kein Gegner des Kollektivvertrags, sondern des Senioritätsprinzips“. Geht es Ihnen auch so?

Ich bin auch kein Gegner des Kollektivvertrags, ganz im Gegenteil. Man muss sich aber anschauen, wohin das führt. Wenn es Faktum ist, dass es einen Kollektivvertrag gibt und andererseits die meisten Verlage seit vielen Jahren alles machen, um an einem Teil dieses Kollektivvertrags vorbeizukommen, dann stimmt irgendetwas nicht. Das Älterwerden hat sehr viele Nachteile, aber auch den Vorteil der größeren Erfahrung. Manche Leute wollen weniger machen, manche mehr, das ist sehr individuell und dann tut man sich dabei schwer. Je länger wir arbeiten, desto öfter wird es Phasen geben, in denen wir mehr und dann wieder weniger arbeiten oder sogar Bildungskarenz nehmen. Es gibt für alle Beteiligten eine größere Flexibilität. Zu wissen, dass die Kosten jährlich um einen hohen Prozentsatz steigen, aber nicht zu wissen, dass gleichzeitig die Einnahmen steigen – oder zu wissen, dass diese gar nicht steigen können –, das stellt uns vor schwierige Situationen.

Wenn wir den neuen Kollektivvertrag schon hätten, in dessen Tarifvertrag die auf Dienstjahre bezogene Gehaltskurve vermutlich flacher werden wird – würde das die beabsichtigten Kündigungen unnötig machen?

Ich bin ja noch nicht so lange da. Es sind sogar in meiner Zeit noch welche angestellt worden. Die Jüngeren verdienen weniger, die Älteren mehr, die Differenz ist es, die mir Sorgen macht und die ich auch nicht wirklich verstehen kann. Und das Zweite ist, wenn jemand eine Führungsfunktion hat und später einmal nicht mehr, dann muss es ja auch möglich sein, dass man dann das Gehalt reduziert. Das ist ja auch im Bund schon so und beim ORF auch, also muss es hier auch möglich sein.

Was ist das genaue Unternehmensziel der Personalreduktion? Muss der „Kurier“ Verluste reduzieren oder die Gewinne erhöhen?

Das Ziel ist Kosten einzusparen. Über den Rest müssen Sie Herrn Kralinger fragen.

Kommt verstärkter Druck von den Gesellschaftern?

Die Ankündigung, dass wir da einsparen müssen, kam vom Aufsichtsrat Ende September des Vorjahres.

Also vom Aufsichtsrat des „Kuriers“. Sie wurden im August Chefredakteur. Klingt ja fast wie eine Morgengabe des Aufsichtsrates?

Ja …

In Wien Redakteure abzubauen und in Oberösterreich einen eigenen „Sonntag-Kurier“ zu machen, ist das nicht ein Widerspruch?

Ich glaube, dass wir dort sehr gute Chancen haben. Es gibt am Wochenende keine „Oberösterreichischen Nachrichten“, das „Österreich“ hat sich weitgehend zurückgezogen, die „Krone“ ist sonntags ziemlich allein dort.

Allein und stark, aber das kennen Sie schon überall.

Jetzt kommen wir dazu und sind die Z
weiten und sind gut. Und demonstrieren damit, dass wir eine gesamtösterreichische Zeitung sind. Oberösterreich hat eine niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Wirtschaftssteigerung, wichtige Unternehmen, es ist ein extrem wichtiger Teil von Österreich.

Wenn das Projekt Erfolg hat, was bedeutet das dann?

Dann werden wir weiter schauen. Ich war vor Kurzem in Tirol, der „Kurier“ verkauft dort nicht mehr sehr viel, ist aber eine starke Marke. Mir haben Leute gesagt, wir wollen eure Zeitung kaufen, aber wir bekommen sie nicht überall. Da ist also etwas zu machen.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 56 bis 57. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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