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ARCHIV » 2011 » Ausgabe 02+03/2011 »

Special

Ein Spießrutenlauf

Von Josef Langer

Den Fans in den Fußballstadien macht es Spaß, wenn sie Gegenstände auf die Fotografen werfen. Diese müssen nicht selten sich selbst und ihre Ausrüstung retten. Wenn etwas passiert, so die Rechtsmeinung des Fußball-Anwalts Flick, sind die Vereine für Schäden haftbar.

Fotografieren kann ein wunderschönes Hobby sein. Motive in der Natur, Sehenswürdigkeiten in Metropolen, Sonnenauf- und -untergänge, die schönsten Momente lieber Menschen und Tiere, all das kann jedermann – noch dazu bei der heutigen Technik – für ewig festhalten. Fotografieren kann aber auch, vor allem für Berufsfotografen, die andere Seite bedeuten – sie müssen oft Bilder von schrecklichen Verkehrsunfällen machen, müssen Mörder und Opfer fotografieren oder Naturkatastrophen dokumentieren – und die Sportfotografen müssen Woche für Woche in die Fußballstadien. Wenn sie die Arena betreten, wissen sie nicht, ob sie und ihre Ausrüstung wieder heil herauskommen. Die Arbeit wird manchmal zum Spießrutenlauf.

Am 24. August 2008, im Derby Rapid gegen Austria, wurde Rapids damaliger Tormann Georg Koch im Hanappi-Stadion von einem Knallkörper getroffen, der unmittelbar bei seinem Ohr explodierte. Der deutsche Fußballer, der noch Monate später Gleichgewichtsstörungen hatte, musste seine Karriere beenden. Als Schuldiger wurde ein Austria-Fan angeklagt, dem aber die Tat trotz aller Video-Analysen nicht nachgewiesen werden konnte. Der damals 17-Jährige, der stets seine Unschuld beteuerte, wurde freigesprochen. Bei diesem Match wurde auch die Fotografin Eva Freuss verletzt. Der Böller hatte nicht nur an Kochs Ohr, sondern auch an den Beinen der jungen Fotografin deutliche Spuren hinterlassen. Brandloch in der Jeanshose, Brandwunde am Bein. Aber auch sie hatte keine Chance auf Schmerzengeld und Schadenersatz. Leena Manhart, Mutter der Verletzten und selbst Fotografin in der Agentur Diener, weiß: „Spätestens seit damals habe ich Angst, nach einem Rapid-Spiel zu meinem Auto in die Garage zu gehen. Wir müssen ja meistens gut eine Stunde nach dem Match noch arbeiten – und wenn ich zur Garage komme, ist alles finster.“ Einer jungen Kollegin in Graz, die in der Branche als „Icegirl“ bekannt ist, haben sie einmal das halbe Auto zerkratzt und die Reifen aufgeschlitzt. Feine Herren, diese Fußballfans.

Damals, bei Georg Koch, hatte es noch nicht das verschärfte Pyrotechnikgesetz gegeben. Dieses verbietet seit dem Vorjahr die Mitnahme von bengalischen Feuern, Raketen und sonstigen pyrotechnischen Werkzeugen zu Sportveranstaltungen. Doch die Kontrolle ist in den meisten Stadien so löchrig wie ein Schweizer Emmentaler. „Das Gesetz ist, wenn es nicht kontrolliert wird, sinnlos. Es ist, wie wenn du auf der Autobahn 200 statt den erlaubten 130 km/h fährst und die Polizei dich nicht erwischt“, weiß Agentur-Chef Georg Diener. Aber in den Stadien werden die mehr oder minder illegal mitgebrachten Knallkörper vorzugsweise und aus reinem „Spaß“ auf die im Innenraum arbeitenden Fotografen geworfen.

Stadionverbot für Journalisten

In Graz zum Beispiel ist es Sitte, nach Abpfiff des Spiels die Papierbecher, auch wenn sie noch halb voll sind, auf die Fotografen zu werfen. Denn die Ballbuben, Jung-Kicker von Sturm Graz, sammeln die Pfandbecher ein und kassieren dafür einen Obolus für die Nachwuchskassa. Ein Grazer Fotograf wollte Sturm wegen „unerlaubter Kinderarbeit“ klagen – daraufhin drohte der Klub, diesen Fotografen nicht mehr ins Stadion zu lassen. „Wir mussten schon eine Kamera reparieren lassen, da hat der Verein in Kulanz die Kosten übernommen“, erzählt Franz Pammer, Chef der Agentur GEPA Pictures. „Es handelte sich aber nur um eine geringe Summe.“

Wie ist das nun mit Haftung der Vereine, die ja Veranstalter eines Bundesligaspiels sind? Für jedwede Ausschreitungen der Fans werden sie oft mit astronomisch hohen Geldstrafen belegt. International gibt es dann sogar Platzsperren oder die Auflage, das nächste Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit – also ohne Zuschauer – zu bestreiten. Dabei ist es egal, ob die Fans des Heim- oder Auswärtsvereins an Ausschreitungen schuld sind.

Das EM-Qualifikationsspiel Italien gegen Serbien im Herbst 2010 wurde nach sechs Minuten zunächst unter- und dann abgebrochen, weil die Sicherheit im Stadion nicht mehr gewährleistet war. Serbische Fans hatten die Ausschreitungen provoziert, der serbische Verband wurde von der UEFA schwer bestraft. Aber auch der italienische, weil er die strengen Sicherheitsauflagen nicht erfüllt hatte. Die Strafen sind, aus juristischer Sicht, oft weit überhöht. Aber sie sollen zur Abschreckung dienen, damit derartige Vorfälle nicht so schnell wieder passieren.

Christian Flick, bekannter Fußball-Anwalt in Graz, macht den Fotografen Mut. „Man muss unterscheiden zwischen Straf-, Zivil- und Sportrecht. Strafrechtlich wird es schwierig, weil man die Täter meistens nicht ausforschen kann. Und ohne Täter wird es auch keine Anklage geben. Vom Sportrecht her aber ist die Haftung der Klubs eine große. Wenn sich die Fotografen auf ihren im Stadion zugewiesenen Plätzen aufhalten und sie dort durch beim Eingang nicht abgenommene bengalische Feuer oder Raketen verletzt oder ihre Ausrüstung beschädigt werden, dann haftet aus meiner Sicht eindeutig der Verein.“ Die Bundesliga und ihre Klubs sehen es allerdings anders.

Agentur-Chef Robert Zolles hat für Sports Media Austria eine Bestandsaufnahme gemacht, um festzustellen, wo Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für die Fotografen am dringendsten notwendig wären. „Dort, wo die Fans einigermaßen normal sind, gibt es auch die wenigsten Probleme. Schwieriger ist es dort, wo man weiß, dass sich die Fans mit dem Bewerfen von Fotografen einen Spaß machen.“ Ein Spaß, der vor allem in Wien und Graz ein völlig unnötiger ist. Zolles: „Aber mach einmal einem Fan klar, dass wir arbeiten und versuchen, Superbilder von jenem Spiel zu liefern, das eigentlich auch die Fans sehen wollen.“

Was tun dagegen? Auf die Mithilfe der Polizei kann man nicht hoffen. „Ich weiß zum Beispiel, dass Rapid eine hypermoderne Video-Anlage hat, aber nur der Klub darf sie bedienen. Und wenn die Polizei einmal Bilder will, werden die Videos so verändert, dass man niemanden mehr erkennen kann. Da hat die Polizei dann auch nichts davon“, sagt ein Fotograf, der lieber nicht genannt sein möchte. In manchen Stadien werden schon Ordner mit Schirmen zu den Fotografen gestellt, damit diese wenigstens etwas geschützt sind. „Tipp 3“ arbeitet als Sponsor mit der Fußball-Bundesliga und der Sportjournalistenvereinigung Sports Media Austria eng zusammen und hat auch schon einige Adaptionen finanziert. Ein kleines „Straßenbahn-Hütterl“ an den offiziellen Fotografenplätzen, hinter dem die Kollegen und deren Ausrüstungen geschützt sind, wäre eine Möglichkeit.

An die Vernunft der Fans zu appellieren, scheint eher sinnlos. Im Gegenteil: Sie hätten dann vielleicht sogar noch mehr Spaß daran, die Fotografen zu bombardieren. Das wiederum würde die Zahl der Spießrutenläufe von Fotografen in Österreichs Fußballarenen nur noch erhöhen …

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 76 bis 76 Autor/en: Josef Langer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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