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Medien

Eva Dichands starke Stunde

Von Engelbert Washietl

Die „Heute“-Geschäftsführerin verschafft sich Handlungsfreiheit und holt aus der Schwäche ihrer Konkurrenten einen Vorsprung heraus.

Chefredakteurskrise bei der Gratistageszeitung „Heute“, Kündigungswelle beim „Kurier“, Hausdurchsuchungen beim „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner. Das könnte alles im Fach „Alarmzeichen“ abgespeichert werden, aber so einfach und deckungsgleich sind die Dinge nicht.

Am wenigsten passt „Heute“ in diese Kategorie. Die Medienbranche war am 14. Februar zuerst in einer Überraschungsmail unter dem Titel „Kündigung“ verständigt worden, dass Chefredakteur Richard Schmitt abgelöst werde. Bald darauf folgte die offizielle Aussendung, dass sich „Heute“ von Schmitt „trenne“ und der 40-jährige Wolfgang Ainetter dessen Platz an der Redaktionsspitze einnehmen werde. Als einzige Zeitung wusste die „Wiener Zeitung“ um zwei Zeilen mehr aus dem Munde der Geschäftsführerin und Herausgeberin Eva Dichand zu berichten: „Eva Dichand macht auf Anfrage Probleme mit Schmitts Führungsqualitäten für die Trennung verantwortlich.“ So stand es am 15. Februar im Blatt. Seither weiß Dichand freilich nur noch Positives über Schmitt zu berichten. Aber geflogen ist er trotzdem.

Es scheint sich um einen Befreiungsschlag gehandelt zu haben – für die aufstrebende Gratiszeitung, für Dichand und vielleicht auch ihr Verhältnis zum Ko-Geschäftsführer Wolfgang Jansky, der sich des Öfteren schützend vor Schmitt gestellt hatte. Dichand hat den Schnitt lange genug hinausgezögert. Manche Redaktionsmitglieder spürten – vielleicht im Gegensatz zu Schmitt – sehr wohl, dass sich ein unvermeidlicher Bruch anbahnte.

Der Chefredakteur war seit 6. Dezember 2004, als Wiens U-Bahn-Stationen und Straßenbahnhaltestellen erstmals mit der neuen Gratispostille überflutet wurden, an Bord und hat zum Aufbau des Produktes viel beigetragen. Seine Leistungen hebt Dichand in einer Antwortmail an den „Journalisten“ fett und unterstrichen hervor: „Richard Schmitt hat eine hervorragende Zeitung gemacht. Die Trennung von, Heute‘ steht in keinem Zusammenhang mit seinen journalistischen Leistungen.“

Schön, aber was sonst? Es kann hier nicht darum gehen, die Leistungen Schmitts zu bewerten oder gar abzuwerten, zumal er sich über die Hintergründe nicht äußern kann: „Ich habe eine Vereinbarung getroffen, ich sage sicher nichts dazu, Sie werden das verstehen.“ Dichands in der „Wiener Zeitung“ hingeworfene Bemerkung bedeutet im Kern: Sie hatte den Eindruck, dass es ihm an Führungsqualitäten mangle, und zwar schon lange. Das beweist nicht, dass ihr Urteil richtig ist. Aber wenn die Zeit reif ist, wird subjektive Wahrnehmung zur Wirklichkeit, das ist ein Gesetz der Kommunikation

Von Dichand wird erzählt, dass sie schon lange vor dem Knall besorgt auf die umfangreiche Liste redaktioneller Mitarbeiter blickte, die sich von „Heute“ verabschiedet hatten. Die Redaktion ist samt den Außenposten in Ober- und Niederösterreich mit 35 bis 40 Leuten nicht übermäßig groß. Es gab Fluktuation, aber hauptsächlich in zentrifugaler Richtung, während es immer schwieriger schien, neue Kräfte ins Blatt zu holen. 2010 kamen zwei Redaktionsmitglieder abhanden, die auf ihrem Feld eine tragende Rolle spielten. Zu Jahresanfang ging der „Aufdecker“ Oswald Hicker, mit 31. Dezember beendete die Innenpolitikerin des Blattes, Karin Strobl, das Dienstverhältnis.

An Dynamik fehlt es Eva Dichand nicht, das zeigt die rapide Expansion von „Heute“. Die Auflagenkontrolle ÖAK weist für „Heute“ in Wien im ersten Halbjahr 2010 einen Gratisvertrieb von 365.713 Exemplaren aus, das waren um 30.000 Stück mehr als im Jahr davor. Insgesamt, also mit Nieder- und Oberösterreich, werden 536.764 Exemplare auf den Markt geworfen. Die ÖAK für das zweite Halbjahr wird in wenigen Tagen veröffentlicht werden, sie dürfte abermals einen Zuwachs belegen. „Wir planen weiterhin Auflagensteigerungen. Die Media-Analyse wird uns im März/Anfang April zum ersten Mal national ausweisen und endlich überregional vergleichbar machen“, teilt Dichand mit. „,Heute‘ kommt bereits seit Jahren bei den jungen Lesern besonders gut an und hat im Bereich der unter 40-Jährigen seit langer Zeit die meisten Leser.“

Den 365.713 „Heute“-Exemplaren, in die die Fahrgäste der U- und Straßenbahn in Wien täglich die Köpfe stecken, kann man die „Krone“-Auflage in Wien gegenüberstellen: 120.253 Direktverkauf im ersten Halbjahr 2010. „Heute“ verschenkt also dreimal so viel Papier, wie die „Krone“ verkauft. Seit 2008 kamen der „Krone“ in der Bundeshauptstadt jährlich rund 4.000 Käufer abhanden. Das ist zwar kein Drama, aber auch nicht zu ignorieren. Sobald die ÖAK für das Gesamtjahr 2010 fertig ist, wird man erkennen, ob die massiven Werbe- und Marketingmaßnahmen der „Krone“ den Trend gestoppt haben.

Eva Dichand ist mit ihrem Produkt flott auf Kurs. Zur „Krone“ bestehe „ein normales Konkurrenzverhältnis wie zu anderen Tageszeitungen auch“, versichert sie. Jetzt hat sie sich in ihrem Haus volle Handlungsfreiheit im technischen Sinn erobert. Sie scheint zu merken, dass das Gratisblatt etwas mehr bieten könnte als bisher. Sie wird vielleicht auch einige bekanntere Namen ins Team holen, um das Image des Gratisblattes aufzupolieren. In dem Konzept steckt etwas vom Geheimnis der „Kronen Zeitung“ drin: durch unterschiedliche Kolumnisten darstellen, dass es sich um ein Medienprodukt für alle Schichten handelt. Kardinal Christoph Schönborn schreibt ohnedies auch schon für „Heute“, der „News“-Chefredakteur Peter Pelinka hat eine regelmäßige Kolumne. Die tägliche Kolumne des Chefredakteurs Schmitt bot schon zu dessen besten Zeiten zu wenig Streuung. Klingende Namen könnten das Revolverblatt-Image des Blattes neutralisieren, das durch Überschriften wie „Hightech-Jagd nach Mörder!“ und „Sexkiller hielt Opfer als Sklavin“ noch immer durchschlägt.

Der neue Chefredakteur Wolfgang Ainetter, der sich zuletzt als Reporter der deutschen „Bild“-Zeitung durch ein erschlichenes Interview mit dem Inzest-Verbrecher Josef F. zumindest beim österreichischen Publikum kaum Lorbeeren errungen hat, wird von Dichand gemäß ihren Anforderungen katalogisiert: „Herr Ainetter hat bei, Heute‘ die Position des Chefredakteurs und nicht eines Aufdeckerjournalisten wie bei der, Bild-Zeitung‘“, erklärt sie. „Wir werden als höherwertig und weniger reißerisch als unsere Konkurrenz gesehen. So wollen wir uns auch in Zukunft weiter positionieren.“

Ärgernis „Heute“

Bei Analyse des medialen Umfelds müsste sich Dichand geradezu getrieben fühlen, die Gunst des Augenblicks zu nützen. Der „Kurier“ spricht 25 Kündigungen und elf Änderungskündigungen aus, um den Wunsch seines Mehrheitseigentümers Raiffeisen zu erfüllen, die Firmenbilanz zu retten. Keine einfache Aufgabe für Chefredakteur Helmut Brandstätter, wie der sich anbahnende Arbeitskonflikt zeigt. Aus der Betriebsversammlung wird ein Hinweis Brandstätters auf die „zunehmende Gratiskultur“ zitiert. So wenig „Heute“ mit der Vollzeitung „Kurier“ zu vergleichen ist – der Aufstieg des Gratisblattes im „Kurier“-Stammgebiet Wien und Niederösterreich wird bei der Konkurrenz als geschäftsstörend empfunden. Man braucht sich nur zu erinnern, wie sehr sich der „Kurier“ innerhalb der Mediaprint gegen den schmalbrüstigen, von Hans Dichand gegründeten „U-Express“ gewehrt hatte. „Kannibalisierung“ lautete das Stichwort. Das Ärgernis „Heute“ ist aus „Kurier“-Sicht ein Vielfaches größer. Der Unterschied ist eigentlich nu
r, dass „Heute“ nicht ganz so direkt aus der Küche der „Kronen Zeitung“ serviert wird wie seinerzeit der „U-Express“.

Zum Umfeld gehört die Zeitung „Österreich“, über die Eva Dichand kaum noch ein Wort verliert. Sie hat den Zeitungsgründer Wolfgang Fellner samt seinem Produkt methodisch unter ihre Augenhöhe versenkt. Fellner geht mit Erfolgszahlen anders um als Dichand. Zwar wissen beide, dass Scheppern zum Handwerk gehört, aber Dichands Erfolgsmeldungen stehen in einem erkennbaren Verhältnis zur Wirklichkeit. Fellners Mathematik ist mit Symbolgrößen außerhalb von Raum und Zeit bestückt. Wenn er behauptet, sein Massenblatt „Österreich“ sei „bei über 500.000 Auflage angekommen“, muss man sich bis ins Jahr 2008 zurückarbeiten, um einen Treffer zu machen, der rechnerisch mit dieser Aussage übereinstimmt. Damals billigte ihm die ÖAK im Jahresschnitt als Kaufzeitung 321.957 Stück und als Wiener Gratiszeitung 170.551 Stück zu, macht addiert 492.508. Im Jahr darauf lieferte Fellner keine vollständige Meldung der Auflagenentwicklung ab, und 2010, erstes Halbjahr, stellte die ÖAK eine Druckauflage für das zur Gratiszeitung erklärte „Österreich“ von 369.432 an Wochentagen fest. Etwas Größeres als die Druckauflage gibt es nicht, egal wie die Menge aufgeschlüsselt wird. Außerdem ist das Altpapierrecycling bei „Österreich“ doppelt so effizient wie beim Konkurrenten „Heute“: Durchschnittlich 37.280 Exemplare werden von „Österreich“ unter dem Namen „Restauflage“ täglich gekübelt. An Sonntagen durchstößt „Österreich“ die 500.000-Grenze, muss aber dabei eine Restauflage von 139.000 einkalkulieren.

Dank seiner Lederhaut, die so hürnen zu sein scheint wie die des Drachentöters Siegfried bei den Nibelungen, lässt sich Wolfgang Fellner äußerlich nicht aus der Ruhe bringen. Nähern sich ihm bei diversen Medienveranstaltungen Untergangspropheten, so schreitet er an ihnen achtlos vorbei wie an Gestalten, die einem manchmal am Bahnhof gedruckte Sprüche wie „Das Ende naht“ oder „Kehret um!“ unter die Nase halten. Seit Kurzem sitzt dem Zeitungsherausgeber auch noch der Staatsanwalt im Genick (siehe Seite 38). Wem solches widerfährt, ist gehandicapt, und sei er völlig schuldlos, was von Fellner schon aus rechtsstaatlichen Gründen angenommen werden muss. Die Anklagebehörde ermittelt wegen „Beitragstäterschaft zur Untreue“, worauf bis zu zehn Jahre Haft steht. Die Untersuchungen können noch Monate und vielleicht Jahre so weitergehen, da kann Fellner unschuldig sein, wie er will. Ein Bankenkonsortium hat durch Millionenkredite die Geburt von „Österreich“ ermöglicht und bisher sein Überleben gesichert. Gilt das unbeschränkt, auch wenn sich die Situation des Kreditnehmers verändert?

Ein solider Chronist betriebswirtschaftlicher Ereignisse wie der oberösterreichische Verlagschef Rudolf A. Cuturi sagt über die Zukunft „Österreichs“: „Die Fellners sind mehr oder weniger auf sich gestellt und schleppen mittlerweile einen Kredit hinterher, der um vieles höher ist als die Umsätze. Und man sagt doch bei einer Gesellschaft, wenn die Kredite höher sind als die Umsätze, ist sie ein Pleitekandidat. Wenn die Zinsen steigen und nicht irgendwoher Hilfe kommt, wird irgendwann dieser Zeitpunkt eintreten.“

Der bloße Austausch eines Chefredakteurs einer Gratiszeitung lenkt den Blick auf den in die Defensive gedrängten Teil der Printbranche traditioneller Art. Fellner hat es nicht geschafft, eine Kaufzeitung auf dem Markt durchzusetzen. Der „Kurier“ betreibt krisenhaftes Personalmanagement, obwohl die Wirtschaftsflaute abklingt. Die alte „Krone“ kämpft bei den Massen darum, ihre einsame Höhenstellung möglichst zu halten und so wie früher ein gutes Geschäft daraus zu machen. Die Gratiszeitung „Heute“ wächst hingegen rapid, wobei eine sehr wichtige Einschränkung zu machen ist: Wie es geschäftlich aussieht, darüber hat Eva Dichand wenig zu verkünden, und ohne die ominösen „Politinserate“ könnte auch in ihrem Verlagshaus an der Heiligenstädter Lände in Wien manches platzen, was als Geschäftsmodell dargeboten wird. Um Inserate balgen sich ja alle Mitbewerber.

Der Personalmarkt scheint gewisse Veränderungen vorwegzunehmen. Hicker und Strobl sind nach ihrem Abgang von „Heute“ auf leitenden Posten bei den Gratiswochenblättern der RMA gelandet, einem neuen Player auf lokalem Boulevardniveau. Im Gratisbiotop bildet sich ein eigener Personaltopf heraus. Sollte Eva Dichand die Flucht der Redakteure aus der „Heute“-Redaktion stoppen, es würde ihr nicht schwerfallen, etwaige Lücken aus einem größer werdenden Reservoir von freigesetzten oder in die Freiheit drängenden Journalisten anderer Zeitungen zu stopfen. Auf ihrer Ebene ist der Arbeitsmarkt in Bewegung.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 34 bis 37 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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