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ARCHIV » 2011 » Ausgabe 02+03/2011 »

Praxis

Immer wieder am Ball

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Jedes Jahr aufs Neue wird der Wiener Opernball zur großen Medienhysterie. Für die Berichterstatter und Fotografen ist es Schwerarbeit in Berufsfrack und Leihkleid.

Gedrängel am 3. März. Mirjam Weichselbraun und Alfons Haider moderieren in, Kathi Bellowitsch und Klaus Eberhartinger vor der Staatsoper. Einerlei für TV-Zuseher, die der elften Wiederkehr des humoristischen Ballberichterstatter-Duos Christoph Wagner-Trenkwitz und Karl Hohenlohe harren. Das „Alte Dirigentenzimmer“ im 1. Stock, zwei fensterlose Räume zur Operngasse, gemeinsam 35 Quadratmeter groß. Kristallleuchten an der Barocktapete, Wien-Gemälde der 1950er-Jahre, Dusche, WC. Mit Technik und Maske bestückt müssen ein Eck im kleineren Raum und drei Bildschirme genügen – das berühmte „Regiekammerl“. Mehr Platz bietet die Konditorei Demel: Das Duo lächelt aus einer Opernloge nebst Punschkrapfen-Attrappen und Walzerpärchen. Nach Internetfotos modellierten die Konditormeister Eugen Jandl (zimmerte auch die Loge in der Hauswerkstatt) und Anika Post je zweieinhalb Kilo Marzipan in eineinhalb Tagen zu den Moderatoren-Köpfen – sie thronen auf Kinder-Schaufensterpuppen in maßgeschneiderten Fräcken. Hohenlohe: „Ich fühle mich sehr geehrt und würde die Figuren gerne kaufen.“

Der Lustige vom Opernball. Der Chefdramaturg sitzt in seinem Büro im 3. Stock der Volksoper, liest neben dem PC eine Partitur. Musik- und Politikwissenschaft, Soziologie und Romanistik hat Christoph Wagner-Trenkwitz, 48, studiert, war Chefdramaturg der Wiener Staatsoper, moderiert „Ö1“-Klassiksendungen. Allein: „Ich werde in ein Kasterl geschmissen, ich bin der Lustige vom Opernball. Dass ich die restlichen 51 Wochen etwas anderes mache, verstehen nicht alle. Wenn ich den Opernball moderiere, bin ich allgemeines Eigentum. Dann dürfen die Leute mich ansprechen, weil ich schon daheim in ihrem Wohnzimmer war.“ Sein Frack ist ORF-Eigentum, das zweite Arbeitsgerät in elf Jahren. „Einmal fragte die ehemalige ORF-Generaldirektorin Monika Lindner in großer Runde, ob man uns nicht auch billiger einkleiden könnte.“ Der Vergleich mit dem betagten Muppet-Show-Duo Waldorf und Statler amüsiert, doch „ich war schon mit knapp 38 Jahren im Greisenfach und muss mir nicht überlegen, was später wird, solange man mich mit dem Rollwagerl in die Oper schieben kann“. In der Titelgeschichte von 2004 zog der „Falter“ Parallelen zu Grissemann: „Die beiden sind hochprofessionell, aber Chefdramaturg ist kein Nebenjob. Wir werden sicher nicht in Fräcken durch die Lande ziehen wie Tanzbären.“ Für die Rolle des „Blöden“ qualifizieren sich beide: „Ich kenne mich mit den Prominenten nicht aus und Kari nicht mit der Oper. Bei der Vorbereitung auf ein so hysterisches Liveereignis kann man keine Witze auswendig lernen.“ Privat würde der Vater zweier Töchter, zwölf und 15 Jahre alt, niemals auf den Staatsball gehen: „Als ich in der Oper angestellt war, war ich glühender Verehrer des Balls, denn in dieser Woche konnte ich Skifahren gehen.“ Rund zehn Tage vor dem Opernball starten die Vorbereitungstreffen: „Der Opernball ist ein Halbtagesjob, eine Arbeitswoche in der Volksoper geht dabei drauf und dazu eine sehr anstrengende Nacht.“ Dem „Regiekammerl“ folgt der jährliche Schock: „Man arbeitet bis Mitternacht in einer angespannten Atmosphäre, sieht 5.000 animierte Menschen und kriegt einen Schreck, wird von Herrn Wrabetz beglückwünscht, trinkt zwei Gläser Sekt – das ist immer noch ein Zehntel dessen, was die anderen bereits konsumiert haben.“ Tanzlos drängt es ihn heimwärts: „Ich gehe nach Hause zu meiner Liebsten, die sich nicht für den Opernball interessiert. Ich bin nicht vergnügungssüchtig.“ Fern von Überdruss: „Da der Opernball nur einmal im Jahr stattfindet, ist es wie Weihnachten. Da fragt auch niemand, was ist neu? Schön ist, was alt ist an dem Volksfest, der Abart des Villacher Faschings und verrückten Volksfests. Zu Weihnachten kann man für ein paar Stunden Kind sein und auf das freue ich mich am Opernball.“ Vergnüglich ist es auch mit Hohenlohe: „Der Kari hat eine anarchistische Kinderseele, die ich sehr liebe. Wir haben uns vor der ersten Berichterstattung 2001 kennengelernt. Die Idee kam von Ioan Holender, der einen Menschen in die Berichterstattung hinein reklamierte, der sich mit der Oper auskennt. Wenn wir das jetzt zum elften Mal machen, wird was dran sein.“ Die freundschaftliche Arbeitsbeziehung hat Wagner-Trenkwitz in seinem Buch „Schon geht der nächste Schwan“ (Amalthea Verlag, 2010) beschrieben: „… Oft genug sind Leute geradezu enttäuscht, wenn ich mich im bürgerlichen Leben ohne ihn zeige. ‚Wo ist der Hohenlohe?‘, fragen die Enttäuschten, und ich gebe mir Mühe, ihnen klarzumachen, dass wir auch getrennt ausgehen und keineswegs miteinander wohnen … Das ist die Frucht (oder der Fluch) einer Berühmtheit, die man sich teilen muss. Ich nenne dieses Phänomen ‚Gemeinsam sind wir prominent‘, während Karl, der Pessimistischere von uns beiden, meint: ‚Zusammen sind wir die Hälfte wert‘ …“ Heuer soll das Moderatoren-Duo den Red Carpet absichern: „Wenn eine Minute niemand Prominenter vorbeikommt, schaltet die Regie zu uns.“ Stets im Ohr: „Die resolute Stimme von Regisseurin Heidi Haschek.“ Beinahe prophetisch schrieb Wagner-Trenkwitz in seinem Buch: „Apropos ‚Dancing Stars‘: Kari und ich wurden zweimal zur Mitwirkung eingeladen, machten unsere Teilnahme aber davon abhängig, miteinander tanzen zu dürfen. Tja, nicht jeder schöne Traum erfüllt sich.“

Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Ges.m.b.H, der Titel seiner „Kurier“-Gesellschaftskolumne, ist „völlig untergegangen“, bemerkt Karl Hohenlohe. „Um Gottes willen, ich nehme die Gesellschaft nicht 100-prozentig ernst, das wäre fatal. Aber es ist ja keine typische Gesellschaftsberichterstattung, ich reflektiere die skurrilen Irrationalitäten und Eitelkeiten, viele Dinge, die mir ja auch passieren.“ Einen Auftritt als „Dancing Star“ kann sich Karl Hohenlohe durchaus vorstellen: „Ich würde es sofort machen, wenn ich mit dem Christoph tanzen darf. Wenn der Haider mit einem Mann tanzt, ist es eine Botschaft, bei uns wäre es einfach nur absurd – aber ich mag absurde Dinge.“ Dabei hat der Journalist weder die Tanzschule besucht noch kann er tanzen und „würde nur mit der Pistole an der Schläfe walzen, wenn mich meine Frau dazu zwingt, die sehr gerne tanzt“. Vor drei Jahren hat Hohenlohes Tochter, heute 20, auf dem Opernball debütiert: „Das hat mich sehr gewundert. Ich hätte für kein Geld der Welt eröffnet, hatte in diesem Alter eine revolutionäre Phase.“ Der „Gault Millau“-Herausgeber ist vierfacher Vater, hat noch eine zwölfjährige Tochter aus erster Ehe, mit Journalistin Martina Hohenlohe eine Tochter, drei, und einen zweijährigen Sohn. Schon mehr als 20 Jahre moderiert Karl Hohenlohe den Opernball mit wechselnden Partnern: „Christoph und ich sind das längst dienende Duo, vielleicht, weil wir im Hintergrund im Kämmerchen sitzen. Im Vorfeld sind wir halbberühmt, werden in TV-Shows verarscht, sind am Tag nach dem Opernball berühmt und am zweiten Tag danach fallen wir ins Loch der Vergessenheit.“ Humor verbindet: „Es gibt nur wenige Menschen, mit denen ich so lachen kann wie mit Christoph. Ich habe schon vor einer Livesendung im Fernsehen, kurz vor dem Rotlicht, Lachkrämpfe bekommen. Er hat einen guten, bösen Witz, was ich sehr schätze.“ Überkommt Karl Hohenlohe das Gefühl, die Übertragung war nicht gut, verlässt er den Opernball lieber schnell: „Es wäre vermessen zu glauben, man wäre fantastisch. Ich habe da Selbstzweifel, Christoph ist selbstsicherer.“ Nagen wenig Zweifel, schlendert Hohenlohe nach getaner Arbeit gern mit seiner Gattin am Ball umher. Zwei Jahrzehnte und
nicht müde: „Im Großen und Ganzen wiederholt sich der Opernball, aber das wollen die Leute ja auch. Es ist ein Faschingsball, der von der Weltpolitik weder tangiert wird noch berührt werden sollte. Was ist überhaupt wichtig am Opernball? Es ist Unterhaltung.“ Klassische Musik hören, Gitarre und Klavier spielen, unzählige Interessen: „Es ist wahr, ich habe keine Ahnung von der Oper und bin mit 50 Jahren zu alt, um auch noch in diese Welt einzutauchen.“ Weitere legendäre Opernball-Specials wurden zum Bedauern des Conférencier von ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz verboten: „Die Begründung war, sie sind nicht lustig. Sie haben Herrn Lorenz nicht gefallen und das ist auch sein gutes Recht.“

Durchgekaute Mietpromis. Society-Kolumnistin Marie Waldburg berichtet seit mehr als 30 Jahren über die Gesellschaft, früher für die Münchner „Abendzeitung“, seit zwölf Jahren für die „Bunte“. Korrekt Gräfin Marie von Waldburg, ist sie eine entfernte Verwandte von Karl Hohenlohe, war 25-mal beruflich auf dem Ball, nie privat. Ein Schneesturm hielt Waldburg 2010 fern und vier Stunden am Flughafen: „Im Nachhinein war ich ganz froh.“ Die Journalistin begleitet stets eine Gruppe, sichert sich damit 15 Minuten Rückzugsort und ein wenig Tanz: „Ich gehe den ganzen Abend treppauf und treppab, das sind ja wahnsinnig viele Stufen.“ Sparsam in Leihrobe: „Da verdiene ich zu wenig und ruiniere mir doch nicht mein Konto. Ich entscheide mich von heute auf morgen für ein Kleid und leihe es.“ Sechs Seiten Ballberichterstattung können es werden, vielleicht auch nur drei. „In der Branche heißt es, der Ball ist nicht mehr so zeitgemäß – die ‚Gala‘ bringt nichts darüber. Es geht um schöne Musik und Darbietungen, Eitelkeiten in der Loge, schräge Leute am Würstelstand. Doch der Ball hat viel an Glanz eingebüßt, viele Leute kommen nicht mehr und die Mietpromis von Herrn Lugner sind auch schon durchgekaut.“ Wenig Erwartung für 2011: „Auf Bo Derek lege ich keinen Wert und der Grasser wird unter diesen Umständen wohl auch nicht kommen. Das Schönste am Ball sind die Blumen.“

Pflicht und Kür. Der erste Staatsball wurde noch im Leihfrack absolviert. „Mein erster Opernball 1988 war lustig, ich kannte den Ball aus der Berichterstattung als feierliches, gesetztes und gesittetes Ereignis. Es war das blanke Gegenteil“, weiß Matthias Cremer, 55, „Standard“-Fotograf. Von 1989 bis 2009 fotografierte er im Arbeitssmoking, bis die Opern-Türlsteher strenger wurden. Für 2010 wurde ein Frack angeschafft. „Es ist eine Selbstverständlichkeit für eine Zeitung, mit eigenen Bildern und Bildsprache über dieses Ereignis zu berichten.“ Jenseits von Promis und Lugner: „Man kann sich kaum vorstellen, unter welchen Bedingungen die Fotografen dort arbeiten. Der Vorraum einer Loge ist eben nicht für den Promiauftrieb geschaffen, aber ich fotografiere ja das Gedrängel, nicht die Promis.“ Mit den schreibenden „Standard“-Kollegen Thomas Rottenberg und Roman David-Freihsl ist der Fotograf via Mobiltelefon in Kontakt, dazu gibt es feste Treffpunkte. Prozedur wie jedes Jahr: „Um 20 Uhr in die Oper, am Rand des Saals platzieren, dann kommen die Besucher, schieben und drängen. Ich fotografiere noch die Balletteinlage und ziehe ab.“ Eine Stunde vor Redaktionsschluss trifft Cremer einen Kollegen, händigt die Fotokarte am roten Teppich aus. „Das war die Pflicht, dann kommt die Kür. Dadurch, dass ich schon 20 Jahre Politiker fotografiere, habe ich in der Häupl-Loge einen kleinen Rückzugsort, bekomme ein Getränk.“ Die „Kür“ ist Cremers Photoblog (http://derstandard.at/photoblog), der im November 2005 startete. Seither sind die Opernbälle in Bildern zu verfolgen, die es sonst nicht zu sehen gibt: etwa gequälte Füße in High Heels, schwitzende Debütanten, am Boden überfüllter Gänge rastende Damen. Sind es bei Cremers Photoblog rund 6.000 Zugriffe, erhöht sich die Zahl beim Opernball auf bis zu 30.000 Klicks. Außerdem wird eifrigst kommentiert. Walzerseligkeit ergreift den Fotografen in keinem Jahr: „Ich kann nicht tanzen und habe auch noch nie auf dem Opernball getanzt. Es ist eine Herausforderung, die Stimmung wiederzugeben und nicht nur Prominente zu fotografieren. Das ist ein Luxus.“ Vergangenes Jahr traf Goldlöckchen Thomas Gottschalk als ATV-Berichterstatter in der Bundespräsidentenloge auf Matthias Cremer mit seinem wahren Lockenkopf, was den Entertainer zu sinniger Bemerkung „hat seinen eigenen Vorhang dabei“ inspirierte. Cremer: „Ich wusste nicht, dass es gerade live aufgezeichnet wird. Es ist klar, dass meine Haare abstehen und es kontraproduktiv für einen Fotografen ist, einen Vorhang zu tragen. Gottschalk hat mich mit seinem Schmäh nicht beeindruckt.“ Cremer bleibt, „bis die Leute den Blumenschmuck rauspicken“ am Ball, schläft zwei Stunden und steht mit seinen Töchtern, neun und zwölf Jahre alt, wieder auf. Krönender Abschluss morgens in der Redaktion: die Bilder für den Photoblog und die zweite Berichterstattung auswählen.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 96 bis 99 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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