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ARCHIV » 2011 » Ausgabe 02+03/2011 »

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Journalismus – ein Projekt der Moderne

Von Irene Neverla

Beerdigungsgesänge zum Ende des Journalismus werden angestimmt, wann immer gesellschaftliche Umbrüche stattfinden. Dennoch gehört Journalismus zur Moderne wie das Gelbe zum Ei, ist Irene Neverla überzeugt.

Der Journalismus und seine Bedeutung in der Gesellschaft – dieses Thema ist eigentlich abgefeiert seit Jahrhunderten. Das Glaubensbekenntnis zur Pressefreiheit und zu einem lebendigen Journalismus ist – jedenfalls als Norm – in Europa fest verankert, seit die Aufklärung an die Vernunft appellierte, spätestens aber mit der Konsolidierung von Parlamentarismus und Rechtsstaat und mit der Entwicklung von demokratischen Zivilgesellschaften in Westeuropa.

Aber wie steht es in der Tat um den Journalismus? Beerdigungsgesänge zum angeblich bevorstehenden Ende des Journalismus werden angestimmt, wann immer gesellschaftliche Umbrüche stattfinden. Nicht zu Unrecht. Dennoch bleibt Journalismus eine tragende Institution der modernen Gesellschaft, er gehört zur Moderne wie das Gelbe zum Ei. Immer wieder neu zu diskutieren ist die Frage nach dem Wie: Unter welchen Rahmenbedingungen agiert Journalismus; wie agiert er im Beziehungsgeflecht von Wirtschaft, Politik und Technik; welche Risiken und Chancen hat der Journalismus zu gewärtigen und welche Wirkungen und Nebenwirkungen produziert er?

Etliche Entwicklungsmomente heute bieten Anlass zu ernster Sorge. Wieder einmal finden Schübe von „Entgrenzungen“ statt – die Autonomie des Journalismus ist gefährdet dadurch, dass klare Grenzziehungen zu anderen sozialen Feldern wie Politik, Wirtschaft oder Unterhaltungsindustrie gänzlich fehlen oder unterlaufen werden. Die jüngsten Entgrenzungsschübe wurden ausgelöst durch die Digitalisierung der Kommunikation, durch neoliberale Wirtschaftspolitik, aber auch generell durch die Mediatisierung unserer Gesellschaft.

Medien und Politik stehen in einem heiklen Verhältnis zueinander, das sich nur selten in einer guten Balance befindet. Eine Form der Schräglage ist die Dependenz zugunsten der Politik. So droht dem ORF eine Art „Re-Feudalisierung“, da er es auf dramatische Weise versäumt hat, sich als öffentlich-rechtliches Leitmedium aus den Verflechtungen und Abhängigkeiten von den Parteien zu befreien; und der zugleich in die Falle der Selbstkommerzialisierung ging.

Eine konträre Schräglage, eine Dependenz zugunsten der Medien findet sich als „Kolonisierung“ der Politik. Hier dominieren die Medien über die Politik. Ein Beispiel hierfür war der Brief des österreichischen Kanzlers an die „Kronen Zeitung“ von 2008, in dem er eine Volksabstimmung zur EU-Politik ankündigte. Die Macht des Boulevards über die Politik widerspricht dem Prinzip der Gewaltenteilung: Medien sollen nicht regieren, sondern die Mächtigen kontrollieren und kritisieren. Medienmacht durch Kolonisierung von Politik unterminiert die notwendige Distanz und Kritikfähigkeit der Medien gegenüber der Politik; und sie droht zu einer Politik des strategischen Medien-Kalküls zu führen und damit rationale politische Entscheidungsfindung zu unterminieren.

Eine zweite Form der Entgrenzung besteht im Verhältnis zur Wirtschaft. Hier nur ein Aspekt, die Verwischung der Grenze zwischen Journalismus und Public Relations. Die Anzeigenbudgets werden in den Onlinesektor verlagert, die Budgets für Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Werbung werden üppiger. PR bietet interessante Inhalte, oft gut und professionell verpackt. Da greift Journalismus gerne zu in Anbetracht der eigenen schmalen redaktionellen Ressourcen. Und schon sind wir mitten in der Grauzone, wo PR ins Deckmäntelchen der journalistischen Aufbereitung schlüpft. Eng damit verbunden ist die dritte Form der Entgrenzung gegenüber der Unterhaltungsindustrie. Nichts gegen vergnüglichen und unterhaltsamen Journalismus – aber klar dagegen, dass Unterhaltung zum Treiber von sogenanntem Content wird.

An diesen drei „Systemgrenzen“ gegenüber der Politik, der Ökonomie und der Unterhaltungsbranche droht dem Journalismus die Selbstvernichtung durch äußere Strukturen, aber auch durch innere Selbstzensur, die aufseiten der Journalistinnen und Journalisten oft schleichend entsteht.

Die Rahmenbedingungen des Journalismus sind im Umbruch und in der Krise. Und in dem Maße gerät natürlich auch der Journalismus in eine Krise. Der gesellschaftliche Funktionsbedarf an Journalismus bleibt jedoch aufrecht. Journalismus lässt sich nicht abschaffen. Ebenso wenig wie Bäckereien obsolet werden und jeder für sich täglich das eigene Brot bäckt; ebenso wenig werden wir individuell imstande sein, uns in der Informationsflut zurechtzufinden. Der Journalismus hat die Aufgabe der Selbstbeobachtung der Gesellschaft: Journalismus screent die Gesellschaft permanent, um Themen herauszufiltern, die neu und zeitbezogen und sozial relevant sind; und die in der Aufbereitung faktenbasiert sind und sachlich prüfbar, verständlich gestaltet und in ihrer Quellenlage transparent gemacht. Die moderne Gesellschaft und wir alle brauchen den Journalismus als eine soziale Institution, die für uns vorsortiert, welche Themen wichtig sind, was wir darüber wissen müssen, um die Angelegenheiten zu verstehen, und welche Entscheidungen anstehen.

Der „Journalismus geht weiter“, so das Motto der Akademie für Publizistik in Hamburg. Im Funktionskern wird der Journalismus weiter bestehen, in seinen Ausformungen allerdings unterliegt er dem permanenten Wandel. Die Frage ist nun: Wie sieht dieser Wandel aus? Unter welchen Bedingungen kann Journalismus gut funktionieren? Eine schwierige Frage, vor der sich die gesamte Medienbranche gestellt sieht und für die es keine schnellen Patentrezepte gibt. Dabei geht es nicht nur um die Qualität des Journalismus in seriösen Leitmedien für die Gebildeten. Es geht auch um die Qualität im Boulevardjournalismus, in jedem Mediensektor und für jeden Journalismustyp. Guter Journalismus sollte immer und überall dreierlei sein: recherchestark, meinungsprofiliert, verantwortungsbewusst. Guter Journalismus sollte immer über dreierlei verfügen: professionelles Handwerk, Sachkenntnis und Zivilcourage.

Für die Qualitätssicherung im Journalismus gibt es viele Instrumente. Zum Beispiel gibt es innerredaktionelle Instrumente – das Medienhaus Wien sieht dabei das „Unternehmen als Gravitationszentrum der Medienethik“. Die Instrumente reichen hier von expliziten redaktionellen Leitlinien über die Blattkritik bis zur Korrekturspalte im Blatt und einer Ombudsperson.

Überbetriebliche Qualitätssicherung hingegen fußt vor allem auf solider Journalistenausbildung. Sei dies in Form von Volontariaten, die durch Tarifverträge geregelt sind und eine Mindestdauer und überbetriebliche Ausbildungseinheiten vorsehen – hier gibt es speziellen Nachholbedarf in Österreich. Oder in Form von praxisorientierten Hochschulstudiengängen.

Überbetriebliche Qualitätssicherung nutzt aber auch praxisorientierter Medienforschung. Oder eben dem Presserat.

Der Presserat ist ein klassisches Instrument der Selbstkontrolle mit dem Ziel der Sicherung von Pressefreiheit oder – wenn wir die Sache etwas niedriger und praktischer hängen wollen – zur Qualitätssicherung. Hier werden außerredaktionell und überbetrieblich und im Nachgang zu Veröffentlichungen Standards und Kriterien für Qualitätsjournalismus entwickelt, vor allem in solchen Fällen, die gesetzlich schlecht fassbar sein mögen.

Dem Presserat wird oft vorgeworfen, er sei ein zahnloser Tiger mangels rechtlicher und ökonomischer Sanktionsmöglichkeiten. Aber auch ein Tiger ohne Zähne kann mit Krallen und Körpergewicht durch Publizität und Legitimationsdruck viel bewirken. Dabei können auch neue Wege und Mittel beschritten werden, zum Beispiel indem die öffentliche Debatte über Entscheidungen des Presserates auch in interaktiven Medien wie Twitter und Facebook geführt wird. Es gibt übrigens keinen vernünftigen Grund, weshalb ein Medienunternehmen sich weigert, die Spielregeln des Pressekodex anzuerkennen. Wer sich dem verweigert, verwirkt meines Erachtens das Recht auf die Privilegien des Rechtsschutzes für Journalismus, wie etwa de
n Informantenschutz, und ebenso verwirkt er das Recht auf wirtschaftliche Privilegien wie die Presseförderung.

Österreich hat nun seit 2010 wieder einen Presserat, nach einer Unterbrechung seit 2002. Einen Presserat haben nicht alle Länder. In Europa zum Beispiel haben Albanien und Rumänien keinen Presserat. Die am stärksten ausgeprägte Tradition der Selbstkontrolle durch einen Presserat finden wir in den skandinavischen Ländern. Presseräte wirken auf nationaler Basis; aber die Frage drängt sich auf, ob dies reicht. Denn in einer europäisierten, globalisierten und digitalisierten Welt machen die Nachrichten nicht Halt an den nationalen Staatsgrenzen. Der Journalismus ist heute ein transnationales Geschäft und mit der EU ist ein supranationales Gefüge entstanden, das an der Ausgestaltung von Pressefreiheit mindestens normativ mitwirkt. Hätten wir einen europäischen Medienrat, könnte hier etwa die Frage der Gefährdung von Pressefreiheit durch das ungarische Mediengesetz diskutiert werden, aber auch so manche Gerichts- und Promi-Berichterstattung, die nationale Grenzen überschreitet.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 22 bis 25 Autor/en: Irene Neverla. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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