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Medien

Pools statt Korrespondenten

Von Hermine Schreiberhuber

In Finnland erarbeitet ein Vierer-Pool gemeinsame Auslandsseiten für acht Zeitungen. Eine neue Art der Medienkooperation in Europa. Auf der Strecke bleiben die Korrespondenten.

Kooperation zwischen Zeitungen ist in Finnland nicht neu. Schon vor Jahren betrieben die Regionalzeitungen „Aamulehti“ und „Turun Sanomat“ in Helsinki eine gemeinsame Redaktion. Marita Vihervuori, langjährige Osteuropa- und Balkan-Korrespondentin für beide Blätter mit Sitz in Wien, wurde auch in Nahost-Krisenherde entsandt. Sie lieferte damals aus jeder Krisenregion Artikel in zweierlei Gestalt. Diese Art der Zusammenarbeit hörte im Zuge von Zeitungsfusionen auf. „Aamulehti“ kaufte weitere Zeitungen dazu. Die Mitarbeiter mussten ihr Einverständnis geben, dass ihre Beiträge in allen Zeitungen des Alma-Verlages erscheinen dürften.

Jetzt ist eine neue Dimension erreicht – die Gemeinschaftsredaktion. Acht Zeitungen gründeten eine gemeinsame Auslandsredaktion. In dem mit vier Journalisten besetzten Pool wird ein einziger zweiseitiger Auslandsteil produziert. Die beteiligten Blätter können eine oder zwei Seiten kaufen. Pool-Chef ist Seppo Ylönen von der Zeitung „Kaleva“ in Oulu, wo die zwei Auslandsseiten auch produziert werden. Die anderen Pool-Redakteure sitzen bei „Turun Sanomat“ in Turku, „Keskisuomalainen“ in Jyväskylä und „Etelä-Suomen Sanomat“ in Lahti.

Gleicher Inhalt, anderes Gesicht. Das heißt, in vier der acht Zeitungen spielt sich Ausland/Außenpolitik nicht ab. Meist machen Redakteure aus anderen Ressorts den Umbruch dieser aus Oulu gelieferten Fertig-Seiten für ihr jeweiliges Blatt. Mit der Schaffung der Pool-Redaktion wurde ein Großteil der Auslandsredakteure entlassen – bei „Turun Sanomat“, das einst neben „Helsingin Sanomat“ den besten Auslandsteil bot, die zwei erfahrensten. In Lahti erhielt das ganze Auslandsressort den Blauen Brief, die Reiseredakteurin betreut nun den Pool.

Die vier Redakteure, die dieses Streamlining überlebten, ernten die Früchte eines größeren Budgets, zahlen doch jetzt acht Medien in den Pool ein. Sie können reisen und tun es auch. Nur hat das Ganze einen Haken: Alle Reisen werden langfristig geplant; wenn aktuell etwas ausbricht, ist keiner der vier Pool-Redakteure am Ort des Geschehens. Als in Tunesien der Volksaufstand losbrach, saß ein „Poolist“ in Haiti, um über die Lage ein Jahr nach dem Erdbeben zu berichten. Weder Geld noch Interesse für aktuelle Krisen. News liefern ja die Agenturen. Es lebe die Planung!

Die Korrespondenten werden abgedreht. Viele haben das Handtuch geworfen. Aus der Zentrale kommt die Anweisung, keine News zu liefern, sondern superleichte Kost zu servieren. So schilderte ein Korrespondent das nächtliche Treiben der Tiere an der Klagemauer in Jerusalem zu einem Zeitpunkt, als es in Gaza zu gewalttätigen Zusammenstößen kam, ein anderer erläuterte die Gebühren für Plastiksackerl in Spanien, als die dortige Wirtschaftskrise in Brüssel Schlagzeilen machte.

Vihervuori bot nach der ungarischen Wende-Wahl drei wichtige Themen an und fügte hinzu, sie könnte aus Wien eine Kurzmeldung über die Kampfhunde-Volksbefragung liefern. Alle Polit-Themen wurden abgelehnt, das Kampfhunde-Thema wurde zur Aufmacher-Story. Dann bot die skandinavische Wien-Korrespondentin eine Story über islamische EU-Neubürger in Terroristen-Ausbildungslagern an. „Bleib bei deinen Hunden“, war die Antwort.

Pressevielfalt gefährdet. Interessensvertreter finnischer Journalisten sprechen von einer Gefährdung der Pressefreiheit in mehrfacher Form – die Zeitungen fabrizieren einen Einheitsbrei und verkaufen den gleichen Content unter mehreren Namen. Betrug am Leser, sagen Kritiker. Die Auslandsredaktionen sind total abhängig von internationalen Agenturen, denn die nationale STT hat nur an fünf Standorten eigene Korrespondenten. Berichterstatter mit Kenntnis lokaler Verhältnisse sind Mangelware. Die ersten Gemeinschaftsredaktionen in Finnland wurden ohne jeden wirtschaftlichen Druck gegründet, die Printmedien erwirtschaften aus Anzeigen viel Geld. Doch diese Idee machte Schule. Es gibt jetzt gemeinsame Wirtschaftsredaktionen, eine gemeinsame Helsinki-Redaktion sowieso. Das heißt, in den Regionen liest man uniforme Innenpolitik-Berichte. Eine Expertin schließt nicht aus, dass künftig nur mehr die Lokalseiten, mit Sport, Kultur und Klatsch, an Ort und Stelle fabriziert werden.

Indessen wurden viele Korrespondenten entlassen oder einfach ausgehungert. Jyrki Palo, der aus Madrid für finnische Zeitungen berichtet, warnte im Verbandsmagazin „Journalisti“ davor, das Ausland gänzlich dem Spielfeld des Internets zu überlassen. Es könne Analysen und Themenauswahl erfahrener Redakteure nicht ersetzen. Auf Agenturen laste viel Druck. Yrjö Lautela schrieb: „Ein Universitätsprofessor musste uns in einem Leserbrief erzählen, wie es in einem griechischen Flüchtlingszentrum zugeht. Früher machten die Korrespondenten solche Artikel.“

Zu jenen, die aufgegeben haben, zählt Mika Horelli. Er konnte mit seinen Honoraren aus dem Pool die hohen Kosten in New York nicht mehr bestreiten. Es sei auch gar nicht kalkuliert, dass Auslandsmitarbeiter von ihren Artikeln und Bildern leben können, kommentierte der Pool-Chef seine Klage. „Da verstand ich, dass es Zeit war, eine andere Tätigkeit zu beginnen.“ Für Marja Vuorela, die von Zypern aus ein großes Revier inklusive Nahost betreut, ist selbst das Mittelmeer-Leben zu teuer geworden. Wohlgemerkt, bei den beschriebenen Zeitungen im Auslandspool geht es um eine Millionen-Leserschaft.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 60 bis 61 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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