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Praxis

Sprechstunde

Wie Erwin Pröll Kameras findet, warum das Styria-Doppel zum siamesischen Zwilling wird und wieso Richard Schmitt nicht zur „Krone“ zurückkehrt.

Wie transparent ist Niederösterreich?

Dr. Media: Aber total, völlig durchsichtig. Was kann denn Landeshauptmann Erwin Pröll dafür, dass er rein zufällig immer dorthinein gerät, wo Fotoapparate klicken und Fernsehkameras laufen? Das ist sein völlig transparentes Schicksal, das sich ohne Zutun in seiner Rekordpräsenz in „Niederösterreich heute“ des ORF und in den „Niederösterreichischen Nachrichten“ niederschlägt. Und die Forderung des Zeitungsverbandes VÖZ, finanzielle Zuwendungen von staatsnaher Seite offenzulegen, versteht in Niederösterreich sowieso niemand, schon gar nicht das ORF-Landesstudio. Dort muss man ja den Transparenzvorschlag des VÖZ geradezu für perfid halten, denn der Zeitungsverband fordert, dass politisch motivierte Zuwendungen an alle Medien, also beispielsweise auch an ORF-Landesstudios, aufgelistet werden. Was geht das die Zeitungen an? Somit werden ORF und „NÖN“ großes Verständnis haben, sollte sich der Landeshauptmann mit der Markenfrisur nicht in die Karten schauen lassen. Denn erstens kommt er immer völlig gratis ins Bild, dafür braucht er nicht zu inserieren. Und was zweitens sonstige „Kooperationen“, Dienstleistungen und Infrastrukturhilfen für Medien betrifft (falls es sie überhaupt gibt), so lässt sich deren Geldwert eigentlich gar nicht ausrechnen. Also versinkt der VÖZ-Vorschlag irgendwie in der niederösterreichischen Realität. Alles klar?

Styria-Doppel: Darf einer allein auch?

Dr. Media: Die im September eingetretene Kernspaltung der Styria-Spitze hat den Ritus von Interviews geändert (siehe Seite 68). Journalisten können mit Vorstand Wolfgang Bretschko nur reden, wenn sie gleichzeitig auch mit Vorstand Klaus Schweighofer reden und umgekehrt, zumal beide fast immer Seite an Seite auftreten. Ist ja völlig richtig – es gibt an der Konzernspitze eben nicht nur einen wie bisher, sondern zwei. Solange sie sich nicht abnützen, wird der Interviewvorgang positiv mit Gruppendynamik aufgeladen. Zu dritt redet es sich angenehmer. Noch warten die Medien gespannt auf den Zeitpunkt, da beide vor dem eingeschalteten Mikrofon Gegenteiliges behaupten, im Tandem also der eine tritt und der andere bremst. Aber so weit ist es noch nicht, die Evolution macht nur selten große Sprünge. Somit könnte man die Antworten Bretschkos und Schweighofers sogar problemlos austauschen, ohne dass den Vorsitz-Vorständen etwas auffiele, so sehr sind sie einer Meinung. Ob das so bleibt? Diese schwerwiegende Frage sei ausnahmsweise mit jenem Satz beantwortet, mit dem man einen Kommentar auf keinen Fall beenden sollte: Die Zeit wird es weisen.

Müssen jetzt schon die Väter von ORF-Redakteuren mitarbeiten?

Dr. Media: Ja, und das ist gut so. In der „ZiB 24“ vom 31. Jänner befragte Karim El-Gawhary seinen Vater Magdi El-Gawhary (pensionierter Chemotechniker, lebt sonst in Deutschland) live vor der Kamera. Am Tag 7 der Anti-Mubarak-Proteste, noch vor den brutalen Übergriffen, war Papa El-Gawhary in Kairo voll der Hoffnung, ließ mit Witz und Lebensfreude die Zuseher am Geschehen teilhaben. Besser als jedes Experteninterview.

Sollten Journalisten gemeinsam schwitzen?

Dr. Media: Das ist Geschmackssache. Der Uno-Journalisten-Verband UNCAV und die Medien-Gewerkschaft KMSfB (Sektion Kommunikation und Publizistik) luden per Mail-Aussendung zum wöchentlichen „gemütlichen Sauna- und Schwimmbad-Abend“ in den Fitnesskomplex einer Wohnhaussiedlung in Wien-Penzing. Saunamarke für wohlfeile 1 Euro, Getränke-Selbstversorger. Gebhard Fidler, Mitinitiator, Umwelttechniker und Wirtschaftsjournalist, zum tieferen Sinn: „Solche Treffen sind nicht nur zum Vergnügen, da rennen die Gschichterln in entspannter Atmosphäre. Die gemischte Sauna ist eine Vernetzungsplattform für Journalisten vieler Nationalitäten.“ Billiger als jeder Medien-Stammtisch, doch manche bevorzugen es altmodisch: Informationsaustausch in Straßenbekleidung.

Warum bleibt der Name „Oberhauser“ dem ORF auch weiterhin erhalten?

Dr. Media: Wohl wurde der bekannte Informationsintendant und langjährige ORFler der Führungscrew, Elmar Oberhauser, am 11. November des Vorjahres nach einem wüsten Streit mit Generaldirektor Alexander Wrabetz und einem darauf folgenden mehrstündigen Anhörungsprozedere vom Stiftungsrat, dem obersten Aufsichtsgremium des Staatsfunks, abgewählt, doch der Nachwuchs sorgt fürs Family-Business. Es ist Elmars Tochter, Magistra Nicole Oberhauser, die schon seit geraumer Weile im ORF-Studio Vorarlberg als angestellte Redakteurin im aktuellen Dienst werkt. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm.

Wer ist der neue Shooting-Star in der ORF-Moderatorencrew?

Dr. Media: Es ist Münire Inam, 27, seit 2007 Mitarbeiterin im ORF-Report und Vorstandsmitglied des Frauennetzwerks Medien. Seit ihrer Moderation des Bürgerforums „Türken in Österreich – ewige Außenseiter“ (gemeinsam mit Peter Resetarits) am 19. Jänner im Odeon-Theater in Wien-Leopoldstadt bekommt sie immer mehr Anfragen, ob sie nicht öfter moderieren will. Denn in der Tat bestach die in der Türkei geborene und vor Schuleintritt nach Wien übersiedelte Journalistin mit Topqualität und unbefangener Natürlichkeit, als hätte sie schon immer im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit agiert. Inam hat Soziologie an der Universität Wien studiert und ist Trägerin des Leopold-Unger-Preises.

Kehrt „Heute“-Exchef zur „Krone“ zurück?

Dr. Media: Wohl kaum. Insider, die über die menschlichen Vernetzungen hinter den Mauern des Großverlages „Kronen Zeitung“ mehr wissen als wir Normalsterbliche, behaupten: „Krone“-Innenpolitiker Claus Pandi würde den Wiedereinzug Richard Schmitts in die „Krone“-Redaktion nur über seine Leiche zulassen. Schmitt soll allerdings eine vertragliche Zusicherung für die Wiederkehr haben, denn in dem Massenblatt begann sein Aufstieg. Im Auftrag Hans Dichands startete er als Chefredakteur 2001 den „U-Express“ und nach einem neuerlichen „Krone“-Zwischenspiel 2004 die Gratiszeitung „Heute“. Sie hat mit der „Krone“ angeblich nichts zu tun. Die Rückkehrklausel hat noch kein Außenstehender gesehen, und manche bezweifeln überhaupt, dass es sie gibt. Angeblich wollte „Heute“-Geschäftsführerin Eva Dichand ihren Chefredakteur schon im April 2009 in die „Krone“ wegloben, worauf sich dort spontan eine Demokratiebewegung wie auf dem Kairoer Tahrirplatz aufgebaut habe. Man kann daraus schließen: Dichand hätte auch diesmal liebend gern auf die Kündigung des Chefredakteurs verzichtet und ihn stattdessen über die Brücke ins jenseitige familiäre Lager in Marsch gesetzt. Die Brücke scheint aber derzeit nicht gangbar (siehe auch Seite 34).

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 112 bis 113. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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