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Praxis

Verkehrte Fronten in Russland

Moskau. Eigentlich gilt das Internet in Russland wie in anderen autoritären Staaten als Medium der Opposition. Themen und Fakten, die das straff zensierte Fernsehen, oft auch die Printmedien, ignorieren, landen online. Aber im Fall des Reporters Oleg Kaschin, der in der Nacht auf den 6. November 2010 in einem Moskauer Hinterhof mit einer Eisenstange halb tot geprügelt wurde, haben sich die Fronten verkehrt. Der russische Präsident Dmitri Medwedew persönlich verlangte vor den Kameras des Staatsfernsehens eine schnelle und gründliche Aufklärung des Falls, während die erklärten Feinde des Enthüllungsjournalisten Internetblogs nutzten, um das Opfer weiter zu beschimpfen. Wassili Jakemenko, Chef der russischen Jugendbehörde, dem Kaschin im Sommer Sex mit einer Minderjährigen nachgewiesen hatte, verhöhnte den Journalisten im Internet als „Zombie“, „Eidechse“ und „Monster“. Kollegen Jaschins schließen nicht aus, dass Jakemenko und die „Junge Garde“ hinter dem Totschlagüberfall auf Kaschin stehen. Seit Kurzem aber findet sich bei Youtube die fragwürdige Aussage eines Vermummten, der behauptet, der Überfall auf Kaschin sei nur inszeniert gewesen. Was allerdings angesichts schwerer Brüche und Schädelverletzungen, wegen der Kaschin mehrfach operiert werden musste, bestenfalls als grober Unfug zu betrachten ist. Denn auch das findet sich im Internet: Aufnahmen einer Überwachungskamera, die zeigen, wie der Journalist zusammengeschlagen wurde: siehe

http://bit.ly/hLRI8I.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 109 bis 111. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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