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Special

Am Wissen krankt der Journalismus

Von Theresa Steininger

Das Kolleg des Kuratoriums für Journalistenausbildung wird um drei Wochen verkürzt und um E-Learning ergänzt.

Warum werden die Kurszeiten Ihres Intensivlehrgangs für Jungjournalisten gekürzt?

Elisabeth Wasserbauer: Der Hauptgrund ist, dass viele Chefredakteure immer wieder gesagt haben, dass sie ihre jungen Mitarbeiter, die sie zu uns schicken, nicht drei Wochen am Stück weglassen können.

Hat die Verkürzung auch finanzielle Gründe? Zuletzt klagten Sie über Kürzung der Förderungen.

Nein, denn das Kolleg kommt uns auf die geplante Art und Weise, die wir seit eineinhalb Jahren konzipieren, nicht billiger, wir streichen die Kurszeiten ja nicht ersatzlos, sondern führen E-Learning ein, das nicht zwingend günstiger ist, sondern sehr intensiv vorbereitet sein muss. Mit den Kürzungen der Förderungen hängt unsere Umstrukturierung nicht unmittelbar zusammen, auch wenn damit zu rechnen ist, dass es immer noch weniger Geld gibt. Aber wir wollen niemals werden wie Schmalspuranbieter, die versprechen, dass man bei ihnen in zwei Wochen zum Journalisten wird.

Wenn Sie sagen, die Neuerungen sind seit eineinhalb Jahren geplant, wie viel von diesen hat Ihr verstorbener Vorgänger Meinrad Rahofer noch verantwortet?

Wir haben diese Ideen noch mit ihm geboren, er hat unser E-Learning noch mitgeplant. Er wollte das Kolleg noch kürzer halten, ich bin froh, dass wir einen Mittelweg gefunden haben.

Das große Plus am Kolleg war immer die intensive Betreuung durch die erfahrenen Kollegen – kann man dies durch E-Learning ersetzen?

Das ist natürlich ein Spagat. Ich würde nie einen reinen E-Learning-Kurs anbieten, aber wir haben bereits in den letzten Kursjahren Erfahrungen damit gesammelt und das gut durchdacht. Die Teilnehmer sollen sich in den Anwesenheitswochen intensiv kennenlernen und sich dann über E-Learning austauschen. Wenn wir früher drei Reportagen vor Ort schreiben ließen, so sind es jetzt eben zwei und die dritte wird daheim geschrieben und in einem Forum mit Betreuer und Kollegen diskutiert.

Besteht nicht die Gefahr, dass die jungen Journalisten daheim im Arbeitsalltag keine Zeit und Muße finden, die Beiträge der Kollegen zu lesen und zu kommentieren?

Das geht nur, wenn man vorher bereits eine gute Dynamik aufgebaut hat. Ob die Teilnehmer dies neben ihrem Arbeitsalltag machen, ist auch eine Frage der Dosis. Weder werden wir sie bitten, ihre Reportage bis in zwei Monaten draufzustellen, noch, bis in zwei Tagen. Wir müssen die Teilnehmer in den Präsenzphasen zu einem Commitment bringen, sodass sie den Wunsch haben, sich auch in den Heimphasen über ihre Arbeit auszutauschen.

Das kann andererseits natürlich den Vorteil bringen, dass man das ganze Jahr über mit dem Kurs verbunden bleibt und nicht nur für die Kursblöcke seinen Fokus auf die Fortbildung lenkt.

Ja, das ist die Chance, die ich sehe. Unsere Lehre basiert auf drei Ebenen: Handwerk, Wissen und Haltung. Persönlichkeitsebene und Hintergrundwissen dürfen in unseren Kursen, in denen das Handwerk oft besonders stark vorkommt, nicht ins Hintertreffen geraten, denn gerade am fehlenden Wissen krankt manches im Journalismus.

Als weitere Neuerung wird das Abschlussprojekt verändert – wie wird das aussehen?

Wir lassen die Teilnehmer nicht nur eine Zeitung gestalten, sondern lassen sie auch online mit allen Medien arbeiten. Wir möchten nicht nur die Texte ins Netz stellen, sondern Innovatives sehen, immerhin sind das Leute, die den Journalismus noch vor sich haben, die sollen in die Zukunft denken. Neu ist auch, dass Abschlussgespräche dazukommen.

Wie kann man sich diese Gespräche vorstellen und warum führt man sie ein?

Die Teilnehmer sollen hier verteidigen, warum sie im Abschlussprojekt welche Darstellungsformen gewählt haben. Ein solches Gespräch ist wichtig, denn für einen so langen Lehrgang muss es einen Abschluss geben. Das Gefühl soll vermittelt werden: Jetzt habe ich es geschafft. Sein Projekt verteidigen zu müssen, schafft auch Nachhaltigkeit, denn jeder muss genauer darüber nachdenken, warum er etwas so oder so gemacht hat, und dies präsentieren.

In den vergangenen Jahren sind viele andere Journalisten-Ausbildungen dazugekommen, wie sehr spüren Sie das?

Auf lange Sicht sind die FH eine Konkurrenz, es braucht auch nicht so viele Journalisten. Aber es muss auch noch einen anderen Weg in den Journalismus geben – und den zu bieten, ist unser Ziel. Wir wollen weiterhin Quereinsteiger und Querdenker liefern. Und so intensive Betreuung wie wir kann niemand leisten.

Dennoch wird Ihr Kolleg jetzt weniger intensiv …

Es ist völlig klar, dass wir in drei Wochen weniger Anwesenheit nicht dasselbe leisten können, aber es war ein notwendiger Schritt, weil die Redaktionen so eng besetzt sind. Wir werden das Beste daraus machen. Es war auch eine Chance für uns zu überlegen, welche Themen man wirklich braucht. Wir verschränken Motorisches und Kognitives jetzt noch mehr.

Ist an der Umstellung also wirklich alles positiv?

Ich habe auch ein weinendes Auge. Ich hätte es in Wahrheit gerne verlängert, je intensiver das Kolleg ist, desto schöner.

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 102 bis 103 Autor/en: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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