ARCHIV » 2011 » Ausgabe 04+05/2011 »

Praxis

Blasen und Phrasen

Das Brevier für mehr Klartext.

„Gratis kann auf Dauer nicht funktionieren“

Dieser Satz hat eigentlich mehr Ähnlichkeit mit einem Gebet oder einem Mantra als mit einer Phrase. So oder so ähnlich führen diese Formulierung viele Vertreter klassischer Medien im Munde.

Vor einiger Zeit widmete das „Handelsblatt“ der „Rückkehr zur Normalität“, gemeint war eine Rückkehr zu Bezahlinhalten, ein ganzes Special. „Kann so auf Dauer nicht funktionieren“ – diese Formulierung erinnert freilich fatal an die Bundeswehrzeit, als der Spieß, wenn irgendetwas nicht ganz nach Vorschrift gelaufen war, konstatierte: „Das kann nicht sein.“

Problem damals wie heute: Es war aber schon so. Genauso ist es mit der Gratiskultur oder Un-Kultur: Die ist schon da und funktioniert offenbar auch ganz gut.

Richtigerweise müsste der Satz aus Verlegermund also lauten: „Die Gratiskultur kann FÜR UNS auf Dauer nicht funktionieren.“ Dass das iPad und andere Computer-Flundern die Renaissance der Bezahlinhalte nachhaltig einläuten, dürfte reine Augen-Swisherei sein.

„Gelerntes Bezahlen“

Bleiben wir einen Moment beim Bezahlen. „Auf mobilen Endgeräten ist das Bezahlen ja gelernt.“ Noch so eine Phrase, die viele Entscheidungsträger in Interviews hoffnungsvoll vor sich hin murmeln. Sogar großen Vorstandsvorsitzenden von Medienkonzernen soll sie schon entfleucht sein.

Als Paradebeispiel müssen dann oft die SMS oder die leidigen Klingeltöne herhalten, für die die Nutzer auf dem Handy ja schließlich auch bezahlen würden.

Das Kalkül: Weil jemand auf einem Handy für eine SMS zahlt, zahlt er auch für tolle Artikel. Ob diese Rechnung aufgeht, ist doch sehr fraglich. Und selbst wenn gezahlt wird, dann sind das die berühmten, von Hubert Burda erfundenen, „lousy pennies“.

„Optische Opulenz“

Die Sache mit der Opulenz und dem iPad hat es Medienmachern angetan. Immer wenn von einem neuen E-Magazin auf dem Tablet-Rechner die Rede ist, wird sie beschworen: die optische Opulenz, die ja nun erstmals möglich sei. Chefredakteure kommen ins Schwärmen und ins Swishen. So heißt im iPad-Neudeutsch das Seitenumblättern via Finger-Wisch. Für hinterher hat man hoffentlich ein leistungsfähiges Entfettungs-Tüchlein parat, sonst sieht die glänzende Pad-Oberfläche sehr schnell sehr besudelt aus. Da hilft wahrscheinlich auch die vorgestellte Wunderhülle Smart Cover für das iPad 2 nicht viel. Marketing-Menschen und auch Verlagsbosse swishen mit den Fingerkuppen eben gerne, was auf dem normalen Rechner als öde, schnöde Klick-Galerie keines zweiten Blickes würdig wäre. „Auf dem iPad sehen selbst schlechte Fotos großartig aus“, hat ein Medienberater, der gerade eine Zeitungs-App entwickelte, mal gesagt. Ganz unrecht hatte der Mann damit nicht. Allerdings ist aus der vielbeschworenen Opulenz mittlerweile so etwas wie die Lieblingsphrase aller iPad-Jünger aus der Medienbranche geworden, die immer dann herhalten muss, wenn eine Begründung für das eigene Engagement auf dem Apple-Gerät gesucht wird.

„Das geschlossene System“

Auch beim iPad 2 wieder kein USB-Anschluss. Herrje. So werden sie nie verstummen, die Phrasen vom „geschlossenen System“.

Dies ist eines der beliebten 08/15-Argumente von Apple-Gegnern, mit denen sie den sogenannten „Apple Fanboys“ ihre kindliche Freude an den Geräten madig machen wollen.

Es ist ein Glaubenskrieg. Die einen wollen alles Mögliche an ihre Apparate dranstöpseln und selbst an der Benutzeroberfläche rumfrickeln. Die anderen bewundern die Eleganz des von Steve Jobs diktierten Designs.

Wer die Apple-Apparate im Alltag benutzt, wird schnell merken, dass der Otto-Normal-Nutzer von der Geschlossenheit des Systems recht wenig mitbekommt. Stattdessen funktioniert alles im Wesentlichen, wie es soll.

„Post-PC“

Einer der meistgehörten Begriffe bei der Präsentation des iPad 2 war „Post-PC“. Nein, nein, nicht gleich zum Briefkasten rennen! Mit der Post hat das nix zu tun. „Post-PC“ meint, dass Tablet-Rechner wie das iPad 2 den guten alten Rechenknecht auf oder unter dem Schreibtisch in absehbarer Zeit ablösen werden.

Eine perfekte und noch sehr frische Phrase für die Zukunft! Wenn Sie also in Meetings, bei Präsentationen oder beim gepflegten Kongress-Small-Talk phrasenmäßig up to date sein wollen, dann greifen Sie zu „Post-PC“.

Erhältlich ist diese vom iGod Steve Jobs persönlich erprobte Phrase in den Ausführungen „Post-PC-Device“ und „Post-PC-Ära“. Weitere Ausbaustufen wie „Post-PC-User“ oder „Post-PC-Usability“ sind in Vorbereitung.

Christian Meier und Stefan Winterbauer sind Medienjournalisten.

sprachtipp@mediummagazin.de

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 120 bis 121. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;