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Medien

Chefredakteurin für 125 Gratiswochenblätter

Karin Strobl feilt am Profil der RMA-Blätter, die in 3,2 Millionen Exemplaren in Österreichs Haushalten landen. In redaktionelle Belange will sie sich nicht einmischen, außer ihr „fällt etwas im positiven oder im negativen Sinne auf“.

Was macht eine Chefredakteurin, die in Wien sitzt, mit 125 lokalen Gratiswochenblättern?

Karin Strobl: Meine Aufgabe ist es, die RMA österreichweit zu positionieren. Auf meiner Agenda steht, die RMA bekannter zu machen, sie den Entscheidungsträgern in Wien näherzubringen. Ich kann nicht jede Woche unsere 125 Zeitungen samt Mutationen lesen. Derzeit schaffe ich in etwa 20 bis 25 Titel. Dazu verantworte ich eine überregionale Österreich-Seite sowie den Aufbau einer überregionalen Sonderthemen-Redaktion.

Erarbeiten Sie ein neues journalistisches Profil dieser Printprodukte, das es vor der RMA-Zeit so nicht gegeben hat?

Die einzelnen Zeitungen sind in den Regionen stark vertreten und verwurzelt. Ich soll dieser regionalen Stärke nationales Gewicht verleihen. Der Verbund der RMA ist im Vergleich noch sehr jung. Wenigen ist bekannt, welche Kraft alle Zeitungen zusammen auf die Waage bringen. Die RMA hat sich für eine Innenpolitik-Journalistin als Chefredakteurin entschieden, die nicht nur die redaktionelle Qualität des Produktes steigern soll, sondern auch ihre Netzwerke in Wien, damit meine ich nicht nur das Frauennetzwerk Medien, einbringen kann. So war ich für die Vorstände der RMA in Wien quasi ein „perfect match“.

Wie definieren Sie, wenn Sie mit Ihren Leuten und den Länderchefredakteuren reden, die Qualität, die Sie erwarten?

Meine Kollegen und Kolleginnen in den Bundesländern leiten die „Bezirksblätter“, die „bz – Wiener Bezirkszeitung“ oder die „Woche“ seit Jahren. In ihre redaktionellen Belange mische ich mich grundsätzlich nicht ein, außer mir fällt etwas im positiven oder im negativen Sinne auf. Wie eine aktuelle Leserbefragung zeigt, wird bezahlter Content, wie Kleinanzeiger oder Advertorials, von unseren Lesern sehr geschätzt. Das neue Layout hilft uns in Zukunft noch klarer, redaktionelle und bezahlte Inhalte voneinander zu trennen.

Ihre zahlreichen Wochenblätter sind nicht genormt und haben sogar unterschiedliche Namen. Ändert sich das?

Die Frage der einheitlichen Marke stellt sich jetzt noch nicht. Wir arbeiten derzeit daran, die technische Ausrüstung sowie das Layout zu vereinheitlichen. In der „Bezirksblätter“-Welt haben wir etwa Apple, in der „Woche“ PCs. Die überregionale Österreich-Seite muss ich derzeit in drei Systemen produzieren. Noch.

Wenn der Gratisblätterring RMA sich ernst nimmt, muss rasch etwas geschehen.

Wir haben mehrere Arbeitsgruppen im Haus. Im Spätsommer wird ein einheitliches Layout umgesetzt. Das ist eine gewaltige Leistung aller Beteiligten. Immerhin werden unsere Zeitungen erstmals optisch einheitlich gestaltet. Die RMA hat sich schon 2010 an Jan Kny gewandt, der das Büro von Mario Garcia geleitet hat. Kny hat für alle RMA-Titel ein neues Layout entworfen und die Nullnummer wird im frühen Sommer vorliegen. Die Schrift und die Blattstruktur werden erstmals einheitlich sein. Eine andere Arbeitsgruppe befasst sich derzeit mit Redaktionssystemen. Das ist alles in allem ein gewaltiger Aufwand. Da geht es auch um ein einheitliches Buchungssystem für Anzeigen, aber das ist nicht mein Revier.

Sehr wohl aber die Redaktion. Wie erreichen Sie Qualität in Gratiswochenblättern?

Die Qualität der redaktionellen Berichterstattung soll in Zusammenarbeit mit den Bundeslandchefredakteuren Stück für Stück verbessert werden. Mit dem neuen Layout werden die Artikel tendenziell kürzer, derzeit sind sie für mein Empfinden in manchen Ausgaben zu lang. Ich habe bei „Kronen Zeitung“ und „Heute“ gearbeitet und gelernt, dass man kurz schreiben kann und dennoch keine Informationen verliert. Die regionale Berichterstattung wird dadurch aufgewertet, da es die Möglichkeit gibt, bei gleichem Umfang mehr Geschichten unterzubringen. Natürlich erhöht dies den Arbeitsaufwand.

Die Österreich-Seite, die Sie erwähnten, ist eine Ihrer Hauptaufgaben?

Diese Seite gibt es seit Anfang März. Wir haben sie bewusst „Österreich“ genannt, weil der Name Politik die Leute eher abschrecken würde. Darüber hinaus ist es möglich, auch Chronik- oder Wirtschaftsthemen auf der Österreich-Seite zu spielen. Das Besondere an dieser Seite ist, dass man der Hauptgeschichte bis 125 Mutationen beistellen kann. Dadurch verquickt man eine abstrakte innenpolitische Geschichte mit chronikalen und lokalen Elementen aus den jeweiligen Lokalredaktionen. Also etwa: Was bedeutet eine bundespolitische Entscheidung für die Menschen von Eisenstadt bis Bregenz?

Und was ist der Vorteil dieses organisatorischen Aufwands?

Dass niemand so nahe an den Bürgern und Bürgerinnen ist wie die Titel der RMA. Die RMA nennt sich „medialer Nahversorger“. Ihre Stärke sind die mehr als 70 Geschäftsstellen quer durch Österreich. Sie sind die Säulen des Unternehmens. Mehr als 200 angestellte Redakteure und Redakteurinnen gibt es österreichweit. Ihre Berichterstattung ist unser Asset. Und mit der Einführung einer überregionalen Seite ist es erstmals möglich, dass zum Beispiel eine wichtige Bundeslandgeschichte in ganz Österreich gespielt wird. Wir können jetzt mit Fug und Recht behaupten, dass die Aufmachergeschichte der überregionalen Seite in ganz Österreich von mehr Lesern gelesen wird, als wenn sie in der „Kronen Zeitung“ stünde. Landwirtschaft, Schulen, Kindergärten oder Pflege sind alles Themen, die sich von der Bundes- oder Landesebene auf die kleinsten Bezirke herunterbrechen lassen. Die Kasernenschließungsgeschichte, die von den Bundeslandchefredakteuren publiziert wurde, schwappte über dem Verteidigungsministerium in Wien so richtig zusammen. Die Landeshauptleute sind ob der Einsparungspläne regelrecht Sturm gelaufen. In Zukunft können wir auf der Österreich-Seite zu landesweiten Umfragen im Internet aufrufen und deren Ergebnisse in den Blättern dann genau nach Bezirken aufschlüsseln.

Haben die RMA-Blätter Ihrer Meinung nach Einfluss, beispielsweise auf die Politik? Wollen Sie das?

Wir machen keine Politik, sondern berichten, welche Auswirkungen sie auf das nächste Lebensumfeld der Menschen hat. Die Kollegen und Kolleginnen in den Bezirken haben das beste Gespür für ihre Geschichten. Es gibt Mitarbeiter, die sind seit Jahrzehnten am Werk und kennen in ihren Regionen alle und jeden. Ich spiele nur dann den Feuerlöscher, wenn zum Beispiel über die Bundespolitik etwas kommt. Doch die Kommunikation geht nicht nur von Wien in die Bundesländer. Benötigt ein Kollege einen O-Ton seitens der Bundespolitik, helfe ich gerne mit meinen Kontakten aus.

Nehmen wir das Beispiel Semmeringtunnel. Könnte es bei den RMA-Blättern auch so sein wie seinerzeit bei der „Kronen Zeitung“, dass das Projekt in den Ausgaben für die Steiermark und Wien/Niederösterreich gegensätzlich behandelt wird?

So etwas ist noch nicht vorgekommen, dieser Frage musste ich mich noch nicht stellen. Aber Hut ab vor der „Krone“ – journalistisch ist das sehr mutig. Auf die Idee muss man erst einmal kommen.

Interview: Engelbert Washietl

Engelbert washietl ist freier Journalist in Wien.

engelbert.washietl@gmail.com

Vita

Karin Strobl

Die 1972 in der Stadt Salzburg geborene Karin Strobl begann ihre journalistische Laufbahn 1996 bei der „Kronen Zeitung“ in Salzburg. 1997 wechselte sie als Gerichtsredakteurin zur Wiener „Kronen Zeitung“. 2001 bis 2004 war sie freie Journalistin u. a. für „Extradienst“, Wirtschaftsverlag und „Bild am Sonntag“, 2004 bis 2005 Redakteurin beim Manstein Verlag, „Horizont“ und „Bestseller“. 2006 bis 2008 leitete sie das Ressort Gericht bei der Tageszeitung „Österreich“, 2008 bis 2010 das Ressort Innenpolitik der Gratistageszeitung „Heute“. Seit 2011 ist sie RMA-Chefredakteurin.

Regionalmedien Austria

125 Lokalausgaben

Die RMA wurde
2009 von der Styria Media Group und der Moser Holding gegründet und vereint unter ihrem Dach die Titel „bz – Wiener Bezirkszeitung“, „Bezirksblätter“ Burgenland, NÖ, Salzburg und Tirol, „Woche“ Kärnten und Steiermark und die Kooperationspartner „Bezirksrundschau“ OÖ und Regionalzeitungen Vorarlberg. Mit Wirkung vom 1. Juni 2010 wurden Werner Herics und Michael Tillian zu Vorständen der RMA bestellt. Die Regionalmedien Austria bildet das Dach über 125 Lokalausgaben. Laut ÖAK wurden im zweiten Halbjahr 2010 im Durchschnitt 3.228.657 Exemplare vertrieben. Die Media Analyse (2010) errechnet 3,795 Millionen Leser bzw. 53,5 Prozent Reichweite bei den über 14-Jährigen– mehr, als die „Krone“ hat.

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 56 bis 58. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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