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Medien

Cuturi errichtet Medienturm, Styria sucht Investor

Von Engelbert Washietl

Das Ende der Krise. Zeitungsverlage rüsten auf – Newsrooms werden errichtet. Gebaut wird in Graz und Linz. Auch die „TT“ zieht in das Zentrum Innsbrucks.

Zum Teil ist es bloß Platzmangel, zum Teil aber der rapide Wandel der Bedürfnisse in der Kommunikationsbranche, der kurz nach Bewältigung der Weltwirtschaftskrise zu neuen Anstrengungen zwingt. Sowohl die Styria Media Group mit der „Kleinen Zeitung“ als Flaggschiff als auch die „Oberösterreichischen Nachrichten“ des Wimmer Verlags in Linz und die „Tiroler Tageszeitung“ der Moser Holding sind dabei, beide Probleme anzugehen. In Graz, Linz und Innsbruck sollen die Redakteure künftig in modernen Newsrooms arbeiten und ihr tägliches Multitasking zur Zufriedenheit der Verlagschefs und womöglich auch mit Verbesserung der eigenen Arbeitssituation erledigen können. Der Chef des Medienhauses Wimmer in Linz, Rudolf A. Cuturi, hat einen Finanzierungs- und Zeitplan in der Tasche, der bereits bis zum Tag der vorgesehenen Eröffnung des kräftig erneuerten Medienzentrums an der Promenade gegenüber der Landesregierung in Linz reicht. Stichtag der Fertigstellung ist der 15. Oktober 2014.

Die Tiroler werden noch 2011 in einen neuen Bürobau umziehen. Die „Tiroler Tageszeitung“ braucht einen modernen Newsroom. Das dürfte die Entscheidung beschleunigt haben, den gesamten Verlag Moser Holding in den im Zentrum Innsbrucks entstehenden Bürokomplex umzusiedeln. Nur die Druckerei und die Zustellung bleiben am peripheren Standort in der Etzelstraße. Der Einzug in den neuen PEMA-Tower soll vor Ende des Jahres erfolgen. „Damit rückt das reichweitenstärkste Medium Tirols nach 30 Jahren im Stadtteil Saggen auch geografisch wieder ins Zentrum der Tiroler Landeshauptstadt“, wurde vom Verlag stolz verkündet. Moser-Holding-CEO Hermann Petz rühmt die zukünftigen Standortvorteile: „Die moderne Architektur und die technischen Innovationen des PEMA-Bürostandortes entsprechen voll und ganz den Anforderungen eines modernen Medienunternehmens.“ In gewisser Weise ist der Umzug ein Signal: Der Modetrend vergangener Jahre, Zeitungen samt Redaktionen an billigen Stadträndern anzusiedeln, hat sich überlebt.

Um ein modernes Medienzentrum bemühen sich die Mitarbeiter der steirischen „Kleinen Zeitung“ schon seit langer Zeit, denn das Verlagshaus in der Grazer Schönaugasse macht nicht nur einen abgewohnten Eindruck, sondern hemmt durch seine verschachtelten Bauteile die interne Kommunikation. Das vom Styria-Aufsichtsrat vor Kurzem bestätigte Styria-Führungsduo Wolfgang Bretschko und Klaus Schweighofer steckt aber noch immer in der verlängerten Schlussphase der schon seit Jahren dauernden Suche nach einer realisierbaren Lösung. „Wir hoffen, dass wir alle notwendigen Entscheidungen im heurigen Jahr fällen werden und entweder im letzten Quartal 2011 oder im ersten des kommenden Jahres zu bauen anfangen können“, bestätigt Bretschko.

Die aktuelle Interpretation der Bauabsichten deutet darauf hin, dass das vom früheren Styria-Vorstandschef Horst Pirker in Aussicht genommene Projekt in zweifacher Hinsicht zugestutzt werden wird: Es soll billiger werden und nicht von Styria, sondern von einem Investor errichtet werden, der einen Teil der Räumlichkeiten an Styria vermietet. Bretschko: „Wir wollen nach wie vor bauen und glauben, dass der Standort ein sehr guter ist. Sofern wir einen Investor finden, der uns das zu guten Konditionen baut, werden wir das vorantreiben. Der Unterschied zu früher ist, dass wir ursprünglich selbst bauen wollten, jetzt aber das Projekt übergeben und bloß mieten werden. Wir wollen unsere Flexibilität im Kerngeschäft bewahren. Wir machen Geschäfte nicht als Immobilieneigentümer, sondern im medialen Kerngeschäft. Der Umfang des Projektes ist leicht redimensioniert worden, aber noch immer im Rahmen der ursprünglichen Planung.“

Die Methoden der Verlagschefs in Graz und Innsbruck einerseits und in Linz andererseits sind so wenig vergleichbar wie die dahinterstehenden Unternehmen. Die Styria Multi Media AG ist bei Weitem der größte der drei Konzerne, gehört zu 98,33 Prozent der „Katholischen Medien Verein Privatstiftung“ (vormals „Katholische Preßverein Privatstiftung“) und zu 1,67 Prozent dem „Katholischen Medien Verein“. Die eingesetzten Vorstände arbeiten nicht mit dem eigenen Geld und müssen sich folgerichtig an die Vorgaben der Stiftungsgremien halten. Das kann, was Pirker erfahren musste, visionäre Hochflüge bremsen. In Innsbruck hat die Familie des 1993 verstorbenen Joseph Stephan Moser wenig Verfügungsgewalt über die Verlagsmaßnahmen. Der Rechtsanwalt Ernst Buob ist der einflussreiche Lenker der Geschicke im Auftrag der Familie. So wie in Graz angestrebt, fiel auch in Tirol die Entscheidung zugunsten einer kapitalschonenden Fremdlösung.

In Linz gibt es zwar auch eine Stiftung, de facto ist der Wimmer-Verlag aber ein solider Familienbetrieb, dessen heutiger Chef und Zeitungsherausgeber Rudolf Andreas Cuturi auf eine lange Unternehmens- und Familiengeschichte zurückblickt. Sie hatte 1843 ihren Anfang genommen, als Josef Wimmer eine bereits bestehende Druckerei übernahm. In der Generations- und Erbfolge der Familie Wimmer hat die 1978 gestorbene Grete Streit eine Schlüsselstellung. Sie war die Großmutter des in Rom aufgewachsenen Rudolf Andreas Cuturi. Dieser wurde in ihrem Todesjahr 1978 Hauptgesellschafter des Unternehmens. War die Großmutter genealogisch Wimmer III, so ist der heutige Verlagschef Cuturi der Stufe Wimmer V zuzuordnen. Die Söhne Paolo, Lucas, Gino, Lorenz und Leonardo, die er mit seiner Frau Daniela hat, sind demnach Wimmer VI. Cuturi sagt über seine Söhne: „Ich will allen eine Chance geben.“

Der Wimmer-Verlag, der mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“, der Gratiswochenzeitung „Tips“, dem Musiksender Life Radio und dem in Vöcklabruck angesiedelten Bezirksfernsehen BTV über einen verzweigten und wohlhabenden Unterbau verfügt, braucht keine fremden Investoren für sein Medienhaus. In dem schon bestehenden „OÖN“-Viertel wird ein Turm mit sechs Stockwerken gebaut. In ihn kommen der Newsroom und etwa ein Drittel der rund 700 „OÖN“-Mitarbeiter. Neu errichtet werden auf rund 9.500 m² Fläche mehrere Gebäude für Büro- und Wohnzwecke rund um einen Medienturm sowie ein Hotel und darunter eine zweistöckige Tiefgarage von 16.800 m² bzw. 650 Parkplätzen. Wenn ein Quadratmeter durchschnittlich mit 10 bis 12 Euro Monatsmiete angesetzt wird, so ergebe das laut Cuturi bei insgesamt etwa 25.000 m² Büro- und Wohnraum zuzüglich Garagenfläche 350.000 Euro Einnahmen im Monat. Somit seien die veranschlagten Baukosten von 40 Millionen Euro in einem vernünftigen Zeitraum zu finanzieren, zumal bis 2018 keine sonstigen Großinvestitionen geplant seien. Dass einzelne Bauteile an der Promenade denkmalgeschützt sind, störe ihn nicht, sondern hebe den ästhetischen Wert und verkürze die Abschreibungsperiode.

In Pasching in der Nähe des Flughafens besitzt das Unternehmen 7 Hektar Grund, auf dem noch Bauern pflügen, aber auch das 2003 errichtete Druckzentrum des Verlages steht. Seit die Gratiswochenzeitung „Tips“ nach Niederösterreich expandiert, stößt die Kapazität der Druckerei an Grenzen. Die rund 40 Millionen, die sie gekostet hat, sind ausfinanziert. Cuturi wird neben dem Druckereigebäude im Jahr 2012 ein weiteres Verlagsgebäude bauen, in das einige der derzeit in Linz auf der Promenade angesiedelten Bereiche im Jahr 2013 beim Beginn der Arbeiten für das Großprojekt auf der Promenade übersiedeln werden. Außerdem liebäugelt er bereits mit einer zweiten Druckerei, mit der weitere Expansionsschritte abgefangen werden sollen.

Expansionen lassen sich in seinem Verlag am besten entlang des Immobilienerwerbs beobachten. Für die oberösterreichischen Außenbüros des Printunternehmens kauft Cuturi systematisch gute Häuser an guten Adressen auf. Soeben wird am Bruckner-Platz 1 in Steyr die einstige Musikschule bezugsfertig gemacht. Am Welser Sta
dtplatz erwarb Cuturi das architektonisch edle Haus des einstigen Kolonialwarenhändlers Gebr. Blaimschein, der in den 1950er-Jahren zusperrte. Die Außenredaktion am Stadtplatz 37 in Vöcklabruck logiert gotisch barockisiert. Nach Erweiterung verlangt auch das BTV, zumal es mit Salzkammergut TV kooperiert. Das Studio hat sich vor Kurzem eine „Green Box“ (zum Unterschied zur bisher bei Fernsehunternehmen üblichen „Blue Box“) zugelegt, um die Informations- und PR-Sendungen bildlich flexibel adaptieren zu können. Die Geschäftsgrundlage des Vöcklabrucker Bezirks-TV-Senders definiert Cuturi lakonisch: „Man kann sagen, Lokal-TV ist ein Schmarrn. Aber für mich ist ein intelligentes Produkt etwas, das Geld abwirft. Natürlich muss ein Herausgeber mehr damit machen, als Salami zu produzieren.“

Und wozu dient der erhebliche konstruktive Aufwand überhaupt? Da erweist sich Cuturi als Herausgeber alter Schule: „Zeitung und Verlag möchten zusammen mit der Politik Oberösterreich gestalten.“ Also beispielsweise für das Brucknerhaus und so wie jetzt für eine eigene Medizinfakultät in Linz kämpfen und dafür sorgen, dass die Voest-Generaldirektion in der Landeshauptstadt und nicht in Wien sitzt. Neben das Engagement für das Land reiht er den journalistischen Auftrag: „Die Menschen suchen Orientierung. Journalisten sind Allrounder, die in ihrer Materie viel verstehen. Sie betreiben Aufklärung.“

Gerald Mandlbauer, Chefredakteur der „Oberösterreichischen Nachrichten“, sieht der neuen Zeit im Neubau und im Newsroom erwartungsvoll entgegen. „Alles, was passiert, muss unter dem Aspekt gesehen werden, dass auch für die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter gesorgt wird.“ Und bereitet sich mehr auf die allernächsten Schritte als auf den Medienturm des Jahres 2014 vor. Noch heuer wird es einen Relaunch der „OÖN“ geben, ständige Aufgabe ist die „Vertiefung“ der Regionalisierung. „Wir haben gemerkt, dass von Politikverdrossenheit keine Rede ist, und von Zeitungsverdrossenheit auch nicht.“

Der geplante Newsroom soll laut Mandlbauer nicht zur Legebatterie ausarten, sondern bloß übersichtliche Schaltvorgänge vom Newsdesk aus sichern. Man hat sich das Modell der „Rheinischen Post“ angeschaut, die mit einer Wabenarchitektur zu vergleichen sei. „Das könnten wir uns vorstellen.“ Das künftige Wachstum werde in der architektonischen Gestaltung eingeplant, denn „wir gehen davon aus, dass wir auch künftig wachsen werden“. Womit sich zwischen den drei Verlagshäusern Wimmer in Linz, Styria in Graz und Moser Holding in Innsbruck baulich der Kreis des sonst eher seltenen Einvernehmens in der allerwichtigsten Frage schließt. Hat Print Zukunft? Die drei Verlagshäuser antworten in unterschiedlichem Tempo und mit unterschiedlichen Methoden eindeutig mit Ja. Sie bauen für die Zeitung.

Engelbert washietl ist freier Journalist in Wien.

engelbert.washietl@gmail.com

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 60 bis 63 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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