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Die Haltung der Kanalarbeiter

Von Axel Reimann

„Brauchen Journalisten eine Haltung?“ – fragte die Akademie für Publizistik in Hamburg in ihrem Journalistenwettbewerb. Axel Reimann erzielte mit seinem Aufsatz darüber den 2. Preis.

Brauchen Journalisten eine Haltung? Eine selten blödsinnige Frage. Danke! Ihr wollt jetzt ein wohl begründetes Ja hören? Rauskommen soll irgendwas zwischen engagiert und kritisch, neugierig und unabhängig, auch ein bisschen mutig darf es wahrscheinlich sein. Am besten noch mit einer Anekdote, wie sich der Journalist – gegen alle Widerstände – bewährt. Mit seiner Haltung. Ob’s wahr ist, wurscht – Hauptsache, die Sätze sind kurz, klingen idealistisch und lassen sich ohne große Ermüdung lesen.

Gibt’s denn irgendeinen Content-Provider ohne Haltung, ohne Gesinnung? Haltung haben sie doch alle. Die einen denken immer an den Leser, die anderen an die Demokratie oder die Freiheit oder an die Schwachen oder die Leistungsträger der Gesellschaft. Kaum ein Journalist denkt nur an sich, oder?

Die Frage ist doch nicht, ob Journalisten eine Haltung brauchen, sondern welche. Gern zitiert wird in diesem Zusammenhang Hanns Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemeinmacht mit einer Sache. Auch nicht mit einer guten Sache.“ Da ist sicher was dran. Allein: Das reicht schon lange nicht mehr als Haltung in diesem Beruf.

Bei der Haltung geht es um einen Standard für eine ganze Berufsgruppe, und für Standards ist in Deutschland das Deutsche Institut für Normung zuständig. Nach DIN-Norm 4045 ist „Haltung“ die Strecke eines Abwasserkanals zwischen zwei Schächten. Eine Leitung für die Ausscheidungen eines Gemeinwesens. Nicht mehr und nicht weniger. Haltung ist also der Ort, wo die Scheiße abfließen kann. So was brauchen Journalisten. Das hat einen Grund: Es gibt für Journalisten berufsbedingt sehr viel Scheiße zu entsorgen. Sie kommt per Post, per Mail, steht auf Internetseiten, verbreitet sich auf Pressekonferenzen, in Hintergrundgesprächen und beim Bier danach, kriecht durchs Telefon oder wird aufs Faxgerät gelegt. Hier ein Beispiel: „Liebe Medienpartner, wir haben eines gemeinsam: Ihre Leser, Zuschauer und Zuhörer. Denn sie sind auch unsere Kunden. Verbraucher, die informiert werden wollen – über neue Trends auf dem XY-Markt, über uns, die Firma Z, und unsere Produkte und unser vielseitiges Engagement.“

Diese im Grunde harmlose Form von Diarrhö fließt bei einer intakten journalistischen Haltung ohne Probleme ab. Und irgendwie gehört das mit zum Job. Gatekeeper oder Kanalarbeiter sollen sie sein, die Journalisten. Für den Abfluss sorgen. Auch mal zu den Ratten steigen, wenn es irgendwo gewaltig stinkt.

Schwieriger für die Haltung ist, was seit einiger Zeit ebenfalls im journalistischen Orkus schwimmt. Hineingespült von Content-Verarbeitungsbetrieben, veraltet: Verlagen, die sonst immer gern mit hehren journalistischen Idealen angeben: „Wir möchten Sie deshalb bitten, uns das ausschließliche, zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkte Recht einzuräumen, die von Ihnen gelieferten Beiträge umfassend in körperlicher und unkörperlicher Form analog und digital zu nutzen, und zwar in allen Medien online und offline auf alle erdenklichen Arten. Die Rechtseinräumung berechtigt uns zugleich, sämtliche Rechte ganz oder teilweise auch außerhalb unserer Publikation auswerten zu lassen, insbesondere auf Dritte im In- und Ausland zu übertragen und/oder Dritten diese Rechte einzuräumen. Die Rechtseinräumung gilt auch für die Nutzung der Beiträge zu Zwecken der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit.“ Was ist da die richtige Haltung der journalistischen Kanalarbeiter? Panta rhei, alles fließt, auch diese Scheiße – also abzeichnen und durchwinken? Oder doch besser die Verbindung kappen zu Medien, die nur noch Content-Brei verrühren?

Wahrheit frisiert

Journalisten machen selber auch viel Scheiße. Die muss auch irgendwie weg. Dafür braucht es eigentlich eine Haltung wie diese: „Tut mir leid, liebe Leser, Zuhörer, Zuschauer, ich habe gestern, vor einer Woche, vor einem Monat, in der letzten Ausgabe, in der vergangenen Sendung, schlecht informiert, die Wahrheit frisiert, Zitate erfunden, mich nicht verständlich gemacht, euch einen falschen Rat gegeben, übereilt kommentiert, mich über Schwächere lustig gemacht, Menschen als Material für eine Story missbraucht, mich für eine Pressereise erkenntlich gezeigt. Ich hatte schlecht recherchiert, das Thema selbst nicht richtig verstanden, wollte dramatisieren, zuspitzen, endlich mal einen Scoop landen, meinem Chefredakteur gefallen, meinen Kollegen, den PR-Leuten, dem Atomforum oder Greenpeace, meine Interviewpartner beeindrucken. Außerdem bin ich auf eine Studie, eine Statistik, einen Experten hereingefallen, nein, ich wollte, dass die Studie, die Statistik, der Experte das bestätigt, was ich ohnehin sagen will. Also, Ihr habt Grund, mit mir sauer zu sein.“ Oder so ähnlich.

Meistens lassen Journalisten das aber bleiben mit der Berichtigung oder der Entschuldigung – wen interessiert denn der alte Scheiß? So was versendet sich, nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Oder, wenn sie es eingestehen müssen, reicht eine der folgenden Begründungen: „Der Termindruck, der Chefredakteur, der Verleger, die Politik, die Medienkrise war schuld, das Honorar war zu schlecht, das Gehalt zu niedrig, die Arbeitslast zu hoch, die Redaktion zu ausgedünnt, die Interviewpartner zu störrisch, das Format verlangte es so, andere machen es auch und die Konkurrenz ist noch schlimmer.“

Die richtige Haltung hat immer ein leichtes Gefälle, das muss so sein, sonst fließt nix. In der Kanalisation wie im Journalismus. Da muss es was Höheres geben als die eigene Eitelkeit, als das eigene Halbwissen – Demut vielleicht, „Gesinnung eines Dienenden“. Und: „Die Haltung muss weitgehend geradlinig ohne große Abwinklungen verlaufen“, empfiehlt das Institut für Unterirdische Infrastruktur. Noch was können Journalisten von den Abwasserkanälen lernen: Wenn sie da ist, die richtige Haltung, merkt keiner was davon. Es wird kein großes Aufheben gemacht, es gibt keinen Preis, keine Ehre. Der Dreck fließt durch, der Dreck fließt ab. Und es gibt keine Fragen, ob man sie denn braucht, die Haltung.

Axel Reimann ist Journalist in Hamburg.

reimann@buerofreizeichen.de

Haltung:

Wie sollen Journalisten beschaffen sein? Antworten darauf gibt es unter anderem auf

www.akademie-fuer-publizistik.de/presse/pressemitteilungen/brauchen-journalisten-eine-haltung.

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 26 bis 27 Autor/en: Axel Reimann. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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