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Praxis

Die Katastrophe im Netz

Von David Röthler

Nach dem verheerenden Erdbeben, dem Tsunami vom 11. März 2011 und der darauf folgenden Atomkatastrophe in Japan war und ist die Nachrichtenlage unübersichtlich. Korrespondenten verließen zum Teil aus Furcht vor Nachbeben und radioaktiver Strahlung das Land. Der AKW-Betreiber TEPCO geriet aufgrund seiner ungeschickten Krisenkommunikation in die Kritik. Das Beurteilen dieser Extremsituation aus der Entfernung ist dabei sehr schwierig. Die folgenden Tipps sollen helfen, die Lage – oft aus der persönlichen Perspektive der Betroffenen vor Ort – besser einzuschätzen. Social Media kann durch direkte Kontaktaufnahme Einblicke gewähren. Allerdings sind dazu Geschick und Zeit notwendig. Ebenso sollte der Beurteilung der Seriosität der Quelle besondere Aufmerksamkeit zukommen, wobei Social-Media-Quellen nicht per se von geringerer Qualität sein müssen.

1. Twitter

Der Microblogging-Dienst Twitter hat sich bereits in zahlreichen Krisen und Katastrophenfällen als nützliche Informationsquelle und hilfreiches Kommunikationswerkzeug erwiesen.

Wie der Fachblog Mashable berichtet, wurden kurz nach dem Erdbeben mehr als 1.200 Tweets pro Minute verschickt. Und auch Wochen nach dem 11. März zeigt Tweet-o-Meter eine sehr hohe Twitter-Aktivität in Tokio.

Die Eingabe des Stichwortes #fukushima mithilfe der Twitter-Suchmaschine http://search.twitter.com bringt Hinweise auf interessante Meldungen im Minutentakt. Innerhalb eines Monats sind 500.000.000 Tweets zu Fukushima versandt worden.

Trendsmap.com zeigt, was die Twitter-Community in einer bestimmten geografischen Region beschäftigt. Über diese Möglichkeit der regionalen Twitter-Suche stößt man auf Videos, in denen Tourist Guides werben, Japan zu besuchen, oder auf Fotos des kürzlich wieder geöffneten Disneylands. Auch in Twitter spiegelt sich der Versuch wider, zum Alltag zurückzukehren.

Besser als die in Twitter integrierte Suchmaschine ist die Google-Realtime-Suche unter www.google.com/realtime. Dort lassen sich beispielsweise die ersten Erdbebenmeldungen nachvollziehen, da die Suchabfrage zeitlich exakt eingegrenzt werden kann.

Auch lassen sich in Twitter sehr gut sogenannte Meme (Gedankeneinheiten, die sich durch Kommunikation ihrer Träger vervielfältigen) entdecken. Unter „Trending Topics“ sind bei der Twittersuche Stichworte angeführt, zu denen gegenwärtig besonders häufig getwittert wird. So fand sich dort einige Tage nach dem Erdbeben eine Twitter-Aktion, die den Regierungssprecher Yukio Edano unter dem Hashtag #edano_nero – nach tage- und nächtelanger TV-Präsenz – zum Schlafen aufforderte.

2. Google Translate für Übersetzungen

Selbst ohne Kenntnisse des Japanischen lassen sich

dessen Schriftzeichen mit Googles Übersetzungshilfe – unter http://translate.google.com zu finden – zumindest sinnerahnend entziffern. So können zum Beispiel auf dem Mitte März 2011 angelegten Twitter-Account twitter.com/OfficialTEPCO des AKW-Betreibers TEPCO mit mittlerweile mehr als 300.000 Followern aktuelle, in japanischer Sprache verfasste Tweets des wegen seiner Informationspolitik kritisierten Unternehmens verfolgt werden. Die Übersetzung ins Englische dürfte bei Google Translate etwas besser funktionieren als ins Deutsche. Bei Verwendung des schnellen Browsers Google Chrome ist die Übersetzung bereits integriert und wird bei der Anzeige einer fremdsprachigen Seite automatisch angeboten. Als Alternative zum Google-Übersetzungsdienst kann ein entsprechendes – ebenso kostenloses – Angebot von Microsoft unter www.microsofttranslator.com/ eingesetzt werden.

3. Blogs

Selbst deutschsprachige Blogs können den Weg zu Quellen weisen, die von den etablierten Medien offenbar übersehen werden. Der Blogger Frank Hamm ( www.injelea-blog.de) beschreibt in einem Beitrag, wie er zur US-Pazifikflotte gelangte, die einen von der europäischen Öffentlichkeit kaum beachteten – auf Flickr, Twitter und Facebook dokumentierten – Hilfseinsatz in Japan leistet. Ebenso sind Blogs auch eine der wichtigsten Ressourcen für die Arbeit an diesem Artikel gewesen.

Als Suchmaschine für Inhalte aus Weblogs bietet sich blogsearch.google.com an.

4. Facebook

Selbstverständlich wurde auch auf Facebook viel über die Katastrophe geschrieben und wertvolle Informationen und Meinungen ausgetauscht. Auffallend waren in den ersten Tagen nach dem 11. März die zahlreichen entwürdigenden Reaktionen wie zum Beispiel „Rache für Pearl Harbor“. Facebook lässt sich über die Facebook-Suchmaschine youropenbook.org beobachten.

Gefahr droht in Facebook durch Spammer und „Likejacking“-Einträge. Dabei wird versucht, sich aktuelle Themen zunutze zu machen, um Facebook-„Freunden“ über den Like-Button Spams und gefährliche Inhalte zukommen zu lassen. Bei Meldungen, wie beispielsweise „WOW! Destructive Japan Tsunami Caught On Film [VIDEO]“, die in Form und Inhalt nicht zum Eigentümer des jeweiligen Profils passen, sollte man besondere Vorsicht walten lassen.

Das Social Network Xing eignet sich zur Personensuche wahrscheinlich besser als Facebook. Dort lassen sich – allerdings nur bei kostenpflichtiger Premium-Mitgliedschaft – Personen finden, die in Japan leben sowie Deutsch oder Englisch sprechen. Dies ist eine gute Möglichkeit, um potenzielle Interviewpartner ausfindig zu machen.

5. Video-Interviews mit Skype

Auch wenn man nicht vor Ort ist, lassen sich mit dem Internet-Telefondienst Skype weltweit kostenlose Video-Interviews machen. Skype wird mittlerweile von mehr als 650 Millionen Menschen genutzt und ist somit ähnlich weit verbreitet wie Facebook.

In dem 15-minütigen ZDF-Dokumentarfilm „Tsunami – die Katastrophe via Skype“ erzählen Überlebende, wie sie die Katastrophe erlebt haben, und zeigen selbst erstellte Videoaufnahmen, die sie während und nach der Katastrophe gemacht haben. Es sind vor allem junge Menschen, die eindringlich von ihren Sorgen und Ängsten, aber auch von ihren Hoffnungen berichten. Es entsteht ein ungewöhnlich persönliches und authentisches Bild der Katastrophe.

Skype-Gespräche mit Video lassen sich zum Beispiel mit der für 19 US-Dollar erhältlichen Software „Evaer“ aufzeichnen. Eine kostenlose Testversion kann bis zu fünf Minuten aufnehmen. Das Video wird im AVI-Format abgelegt, die Tonspur wird als MP3 zur weiteren Verarbeitung gespeichert.

6. Video-Live-Streaming

Eine sehr innovative Form der Kommunikation der Ereignisse in Japan hat der Journalist Katz Ueno gewählt. Über den Internet-TV-Dienst ustream.tv kommentiert er regelmäßig auf Englisch die aktuellen Entwicklungen in Form von Dialogen mit seinen Zuschauern, die über Skype zugeschaltet werden. Seine Aktivitäten versteht er auch als Korrektiv zur offiziellen Berichterstattung.

7. Crowdsourcing

Unter Crowdsourcing versteht man die Auslagerung bestimmter Aufgaben an viele Menschen. Gerade im Fall der aus dem Atomkraftwerk Fukushima austretenden Radioaktivität stellt sich die Frage, welchen Messwerten man vertrauen darf. Auf der Plattform RDTN.org finden sich aktuelle Messwerte von Laien und NGOs übersichtlich auf einer Google Map dargestellt. Diese können zumindest als Ergänzung der offiziellen Mitteilungen gelten.

Die Strategien des Crowdsourcing macht sich auch die Plattform Ushahidi zunutze. Ushahidi bedeutet „Zeuge“ auf Swahili und wurde 2008 in Kenia entwickelt, um die Unruhen nach den dortigen Wahlen zu dokumentieren. Nun werden von vielen Freiwilligen Daten zu den japanischen Katastrophengebieten, zur Verteilung von Hilfsgütern, Transportwegen usw. gesammelt und grafisch aufbereitet.

In diesem Zusammenhang ist auch der Personensuchdienst von Google – eine Datenbank mit mittlerweile mehr als 600.000 Einträgen – interessant.

8. Curation und Storytelling

Die Katastrophe in Japan hat die Welt erschüttert. Das
Netz wird durch User-Generated-Content zu einem Raum der Reflexion für viele. Die Idee, zahlreiche dieser oft sehr persönlichen Quellen zusammenzufassen und zu kommentieren, hat zur Entwicklung von Plattformen wie storify.com oder scoop.it geführt. Beide Plattformen sind zurzeit noch „Private Beta“. Man bekommt auf Anfrage allerdings nach einigen Tagen Zugang, wobei dies bei storify.com schneller gehen dürfte. Die Dienste erlauben das Erstellen von Geschichten durch Sortieren und Kommentieren von Content aus Quellen wie Youtube, Flickr, Facebook und Twitter.

Diese Form von kuratiertem, erzählendem Journalismus, der sich zu einem großen Teil aus Social-Media-Quellen speist, greift Al Jazeera mit dem im Mai 2011 startenden täglichen TV-Format „The Stream“ auf. „The Stream“ wird ein interaktiver Aggregator sein, der auch Video-Livestreams von Zusehern enthalten wird. Selbst die Redaktionskonferenzen werden live online zu sehen sein und das Publikum wird eingeladen, über Twitter mitzudiskutieren.

David Röthler ist Berater, Kursleiter und Autor zum Thema „Neue Internetanwendungen“. Weblog: politik.netzkompetenz.at.

david@roethler.at

Zusatzinfo

Die Plattform storify.com wurde vom Autor dieses Beitrags genutzt, um Originalquellen multimedial in Ergänzung zum vorliegenden Text zugänglich zu machen.

Einfach den Code mit einem Smartphone einscannen und Sie gelangen sofort zum Storify-Link von David Röthler: http://storify.com/ davidroethler/die-katastrophe-in-japan-social-media/

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 108 bis 111 Autor/en: David Röthler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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