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Medien

Die Schere im Kopf

Von Antonia Gössinger

Die journalistische Unabhängigkeit ist immer mehr bedroht. Einerseits sind manche Journalisten, Verleger und Herausgeber mit der Politik verhabert. Andererseits reagieren Politiker auf kritische Journalisten mit Disziplinierungsversuchen.

Eine interessante Pressereise, wenig Teilnehmer, viel Zeit zum Reden. Ein gemütlicher Abend beim Heurigen, Journalisten-Einladung zu einer Jause oder einem Fest am See. Irgendwann ereilt jeden Redakteur das Schicksal, von einem Politiker das Du-Wort angeboten zu bekommen. Sofern einen Politiker nicht gleich ungefragt duzen, wie es in Kärnten verbreitete Unsitte ist. Besonders ignorante Politiker registrieren das demonstrative Sie des Gegenübers gar nicht.

Ein Du-Wort macht noch keine Verhaberung, ist aber ein Schritt dahin. Der Journalist unterliegt gelegentlich einer Beißhemmung oder gibt sich der trügerischen Hoffnung hin, durch den amikalen Umgangston die eine wichtige Information mehr zu bekommen als die Kollegen. Ja, den einen Tipp mehr gibt es, aber nur, wenn sich der Politiker einen Vorteil davon verspricht. Auf Kritik des medialen Du-Freundes, und sei sie noch so berechtigt, reagiert der Politiker meist beleidigt.

Wir alle kennen diese Muster und sie bereiten uns Unbehagen. Wir sehen fehlende persönliche Distanz zwischen Journalisten und Politiker als Problem an. Das belegt eine Studie des Medienhauses Wien, bei dem im Vorjahr rund 300 Politik-Journalisten befragt wurden. Für mehr als 70 Prozent ist es ein Problem, dass Journalisten und Politiker in Österreich sehr eng miteinander umgehen, also „verhabert“ sind. Wir wissen, darunter leidet die journalistische Unabhängigkeit.

Bedroht wird die Unabhängigkeit auch von Verhaberung auf „höherer Ebene“, von manchen Herausgebern und Verlegern mit Politikern, die über große Etats für Öffentlichkeitsarbeit und Inserate entscheiden. Darauf hat der Redakteur wenig Einfluss. Journalisten haben nur ein Kapital, das ist ihre Glaubwürdigkeit. Sie wird untergraben, wenn man sich für ökonomische Ziele verbiegt. Damit Berufsethos und Existenzsicherung einander nicht im Wege stehen, bedarf es der Wachsamkeit der Branche.

Lassen sich Medien nicht kaufen, sind die Verantwortlichen in den Geschäftsführungen und Redaktionen verhaberungsresistent, gibt es ein weites Feld und beispielsweise in Kärnten oft erprobte Disziplinierungsversuche der Politik: Abbestellungskampagnen, Informationssperre, Inseratenboykott, die Presseförderung als Druckmittel oder die gerichtliche Klage jeder kleinen Unschärfe. Fruchtet alles nichts, wird der Journalist ins Visier genommen, auch oft erprobt.

Redaktionsmitglieder werden von Politikern gegeneinander ausgespielt, unliebsame Journalisten zu Feindbildern erklärt, öffentlich angeprangert, persönlich diffamiert, Frauen sogar sexistisch herabgewürdigt. Das ist nicht angenehm. Unangenehmer wäre es und für das Medium auf Dauer auch nicht tragbar, könnte die journalistische Arbeit sachlich widerlegt werden. So entlarvt sich die Absicht hinter den Methoden als Versuch, Journalisten die Schere in den Kopf zu pflanzen.

Die Justiz ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten von gegenseitigen Anzeigen von Politikern und Klagen gegen Medien überschwemmt worden. Die Folge sind mitunter nicht sehr differenzierte Verfahren und Urteile, sowie Vorgangsweisen, die der Pressefreiheit widersprechen. Auch hier bedarf es der Wachsamkeit der gesamten Branche. Vor der Unterminierung der Meinungsfreiheit und der Unabhängigkeit von Medien schützen letztlich nur Widerstandsfähigkeit gegen politischen Druck, politische Vereinnahmung, Verhaberung und vor allem journalistische Ethik und Qualität.

Antonia Gössinger ist Politik-Ressortleiterin und Mitglied der Chefredaktion der „Kleinen Zeitung“ Kärnten.

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 54 bis 55 Autor/en: Antonia Gössinger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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