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Ein dritter Weg für den Journalismus? - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2011 » Ausgabe 04+05/2011 »

Praxis

Ein dritter Weg für den Journalismus?

Von Stephan Russ-Mohl

Welche Möglichkeiten Forscher sehen, Journalismus zu finanzieren.

Weit vor wagt sich Marie Luise Kiefer, die zu den namhaften Medienökonomen im deutschen Sprachraum zählt: Sie sucht nach einem „dritten Weg“ zur Finanzierung des Journalismus, weil die „privatwirtschaftliche Lösung als mediale Querfinanzierung aus dem Werbemarkt“ offenbar einem Ende zugehe. Dazu schlägt sie vor, den Journalismus – ähnlich wie bei den Medizinern und den Juristen – in einen Zustand professioneller, kollegialer Selbstorganisation zu überführen. Angesichts seiner „demokratietheoretischen Relevanz“ solle der Staat dann allerdings für die „Neuorganisation des Journalismus einschließlich seiner Finanzierung“ zuständig sein. „Journalist“ würde dann eine „geschützte, an theoretische und praktische Ausbildungsgänge mit entsprechenden Examina gebundene Berufsbezeichnung“ – wie in Italien, ohne dass dies dort freilich der Qualität des Journalismus sichtbar aufgeholfen hätte. Die öffentliche Finanzierung solle, so Kiefer, „dem Journalismus die autonome Produktion seiner gesellschaftlichen Dienstleistung“ ermöglichen.

Dagegen sind sich die Forscher am Reuters Institute for the Study of Journalism der University of Oxford keineswegs so sicher, ob die Krise des Journalismus in den USA auch voll in Europa durchschlagen wird. Es sei voreilig, den Tod von Zeitungen, des Fernsehens oder gar von kommerziell arbeitenden Nachrichtenmedien vorherzusagen, meinen David A. L. Levy und Rasmus Kleis Nielsen, die in ihrem neuesten Buch zu den Auswirkungen der veränderten journalistischen Geschäftsmodelle ganz unterschiedliche Entwicklungspfade in verschiedenen Ländern Europas, den USA und den beiden BRIC-Staaten Brasilien und Indien ausleuchten. Das Ergebnis: Die USA seien nicht zwingend Wegbereiter für den Rest der Welt. Das ist spannend, denn fraglos ist ein Teil der Krise des amerikanischen Journalismus hausgemacht. Sie ist – wie Michael Schudson (Columbia University) in seinem Beitrag über die USA zumindest andeutet – auch eine Folge des US-Kasinokapitalismus. Viele Investoren hätten sich in Erwartung weiter sprudelnder hoher Renditen zum falschen Zeitpunkt überschuldet, um in der Zeitungsbranche auf Einkaufstour gehen zu können.

In einem weiteren Beitrag, der sich mit der Zeitungskrise in Deutschland befasst, stellen die Zürcher Medienforscher Frank Esser und Michael Brüggemann obendrein Kiefers Basis-Annahme von der Unentbehrlichkeit professionellen Journalismus fürs demokratische Gemeinwesen infrage. Sie glauben, dass die Demokratie „Verleger und Journalisten nur in dem Maß benötigt, wie ihre Präsenz dafür sorgt, dass eine informierte, uneingeschränkte und lebhafte Sphäre der Öffentlichkeit entsteht“. An vielen Plätzen der Welt entwickle sich solch eine Öffentlichkeit inzwischen ohne Journalisten – ebenfalls allerdings ein gewagtes Statement, das empirisch zu unterfüttern wäre.

Doch zurück zum Leiden der Qualitätsmedien, sprich: der überregionalen Tageszeitungen. Mit den „Leuchttürmen der öffentlichen Kommunikation“ befasst sich eine weitere Neuerscheinung damit. Darin plädiert der Medienwirtschafts-Experte Lars Rinsdorf für mehr Markenpflege, die freilich mit dann auch einzulösenden Qualitätsansprüchen korrespondierten. Für Qualitätsmedien dürfte es sich, so Rinsdorf, wirtschaftlich auszahlen, „Redaktionen zu unterhalten, deren Ressourcen und Strukturen besonders geeignet sind, gesellschaftliche Debatten zu begleiten und voranzutreiben“.

Soll das nicht Wunschdenken bleiben, gilt es allerdings, diese Ressourcen beim Publikum einzutreiben. Dazu bedarf es nicht zuletzt der gesellschaftlichen Debatte um die Zukunft des Journalismus, welche viele Qualitätsmedien bisher so sträflich vernachlässigen. Fände sie endlich auf angemessenem Niveau statt, wären weitere staatliche Subventionen, wie sie Kiefer einfordert, womöglich überflüssig. Denn neben dem bereits üppig wuchernden öffentlich-rechtlichen Rundfunk bedarf es wahrlich keiner neuen journalistischen Kaste, die hinter einem weiteren, aus Steuergeldern finanzierten Schutzwall die Existenzen ihrer Mitglieder sichert. Bisher hätten die meisten Qualitätsmedien immerhin, so Rinsdorf, unter dem Dach eines großen Medienkonzerns Zuflucht gefunden: „Damit ähneln sie bereits jetzt ein wenig Sterneköchen: Mit deren Kochkunst können sich auch fast nur noch große Hotels schmücken.“

Lesetipps

Kiefer, Marie Luise (2011): Die schwierige Finanzierung des Journalismus, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 59. Jg./Heft 1, 5-22

Levy, David A. L./Nielsen, Rasmus Kleis (eds.) (2010): The Changing Business of Journalism and its Implications for Democracy, Reuters Institute for the Study of Journalism, University of Oxford

Rinsdorf, Lars (2011): Vom Zugewinn der Marken: Potenziale überregionaler Qualitätszeitungen auf dem Nutzermarkt und ihre Voraussetzungen, in: Roger Blum et al. (Hrsg.) (2011): Krise der Leuchttürme öffentlicher Kommunikation

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 116 bis 117 Autor/en: Stephan Russ-Mohl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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