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Medien

Eine Hundeschau

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Rudi Radiohund auf Ö1 mag manch Erwachsene mit Neugier und dauerhafter Besserwisserei nerven, doch (Journalisten-)Kinder scheinen Rudi zu lieben.

Erstmals am 2. Jänner 2003 war „Rudi, der rasende Radiohund“ auf Ö1 zu hören, am 13. Jänner 2011 lief bereits die 2.000er-Jubiläums-Sendung. Der ewige „Junghund“ ist ruhiger geworden, läuft nicht mehr jeder Topfenkolatsche – seine Leibspeise – nach, heißt es zum Geburtstag. Fünfmal pro Woche fünf Minuten Rudi. Gesprochen wird der Hund vom gelernten Journalisten Paul Urban Blaha, Herrchen „Tonmeister“ gibt Schauspieler Georg Kusztrich, Frauchen Rosi die Schauspielerin Stefanie Dvorak. Ihr ist auch der gellende Ruf „Ruuuuuudi“ zu Beginn jeder Folge zu verdanken, der manch ältere Ö1-Hörer zusammenzucken lässt. Verantwortlich für Rudis Pflege sind die Redakteure Barbara Zeithammer, Paul Urban Blaha und die Producerin Kristin Gruber. Ehemals nur als Stimme präsent, wurde Rudi vor vier Jahren von Zeichner Walter Schmögner als Karikatur verewigt.

Doch Rudis Ober-Herrchen heißt Rainer Rosenberg, seit 1974 beim ORF, Leiter der Produktionsgruppe Spezialprogramme. Rosenberg ist etwa für die Ö1-Sendungen „Von Tag zu Tag“, „Moment – Leben heute“, „Menschenbilder“ und das Kinderradio verantwortlich. „Wir haben uns lange überlegt, warum es ein Hund und kein Mensch sein soll, aber auch wenn Rudi das Publikum spaltet – wir hatten anfangs Hörer, die sich über das Bellen des Hundes aufgeregt haben, die sagten, dass es schon genug Hundstrümmerl in der Stadt gibt und sie nicht auch noch im Radio einen Hund hören wollen –, hat er mittlerweile zwei Generationen Kinder vom späten Kindergarten über die Volksschule begleitet. Außerdem bellt Rudi jetzt weniger.“ Jahrelang schrieb Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger, was der Junghund an drängenden Lebensfragen auf dem Herzen hat, wobei ihn „Tonmeister“ und Rosi zumeist wissen lassen, wer denn der Herr und erwachsen ist. Heute sind auch diese Geschichten noch zu hören, doch viermal pro Woche werden im Wiener Funkhaus und an verschiedenen Schauplätzen Interviews aufgenommen: Rudi löchert alle – vom Forscher bis zum Förster, Prominenten und Handwerker. Christine Nöstlinger ließ über den Salzburger Residenz Verlag („Die Sache mit dem Gruselwusel“, 2009) ausrichten: „Nein, die Idee zu Rudi stammt nicht von mir. Ich habe über 500 Texte geschrieben, das reicht. Ich werde wohl keine mehr schreiben.“ Was sie heute an Rudi mag, kann sie nicht beantworten: „Ich höre die Sendung nie.“ Rainer Rosenberg: „Christine Nöstlinger schrieb etwa 700 Rudi-Geschichten und hat sich nie wiederholt. Ich kann verstehen, dass sie keine Folgen mehr schreiben will.“ Der rasende Radiohund wurde 2010 von 17.25 auf 14.55 Uhr verlegt: „Wir haben die realistische Hoffnung, dass die Hörer, die da keine Zeit haben, den Podcast nutzen. Aber manche sind über den neuen Sendeplatz schon enttäuscht.“ Genaue Zahlen für Rudi können nicht erhoben werden. Rosenberg: „Die eigentliche Zielgruppe, Kinder unter zehn Jahren, wird im Radiotest nicht gemessen. Wir haben aber einen relativ großen Kreis von Kindern und unterschiedliche Kontaktschulen, wo Rudi gehört und getestet wird.“

Medien-Sprösslinge über Rudi

Mira und Fabio Tartarotti, neun und zwölf Jahre alt, sind die Kinder der „Kurier“-Redakteure Birgit Braunrath (stellvertretende Leitung Ressort Lebensart) und Guido Tartarotti, Kolumnist. Die Geschwister haben seit September 2010 Familien-Beagle-Hündin Daria ins Herz geschlossen. Fabio hört „Austria Top 40“ in Ö3, sieht im TV am liebsten „Two and a half men“ und „Simpsons“, dazu liest Fabio gern im „Bart-Simpson-Buch“ oder im „Lisa-Simpson-Buch“. Schwester Mira liebt die TV-Sendungen „iCarly“ und „Galileo“, hört die Rapper Massimo Schena und Sido. Mira trommelt, spielt Tennis und spielt im „Zauberer von Oz“ (Wiener Burgtheater) eine Maus. Außerdem fährt Mira „Ski wie verrückt“ und klettert gern. Wenn sie ausnahmsweise einmal nichts macht, fragt sie: „Was machen wir jetzt?“ Über eines sind sich die Geschwister einig, beide lieben Rudi. „Die Stimme vom Rudi mag ich, die klingt so verrückt und lustig. Die Rosi finde ich besser als den Tonmeister, obwohl der Tonmeister auch super ist – aber ihre Stimme passt immer so gut zu dem, was sie sagt“, erklärt Mira. Fabio: „Die Stimme vom Rudi ist cool, weil es eine schlaue, neugierige Stimme ist – also wenn ein Hund eine Stimme hätte. Und wenn er ‚Wuffwuff‘ macht, klingt das total süß. Mir war der Abendtermin lieber, am Nachmittag hör ich’s fast nie, weil ich da oft noch in der Schule bin oder was anderes mache. Am allerbesten gefallen mir geschichtliche Themen, zum Beispiel, wenn der Rudi in ein Museum geht und dort was lernt. Um die Schule soll es bei Rudi nicht gehen, die interessiert mich nicht sehr.“ Mira stören Rudis Schulberichte nicht: „Manchmal gibt es Geschichten, bei denen dem Rudi was beigebracht wird. Manchmal erzählt er nur aus seinem Leben. Mich interessiert beides. Am liebsten höre ich aber, wie etwas hergestellt wird und wie das dort ist in einer Fabrik.“ Fabio: „Ich finde Rudi Radiohund super, weil’s eine Familiensendung ist, wir hören das immer zusammen. Und es kommen nicht nur Themen vor, die nur für Kinder interessant sind.“

Luisa Schwarz, neun Jahre, ist gebürtige Berlinerin, übersiedelte im Alter von drei Jahren nach Wien. Ihre Mutter Ute Bösinger ist Medienreferentin der Arbeiterkammer Wien, Journalistin der „AK Für Sie“, war früher etwa als Politikredakteurin der Berliner Tageszeitung „B.Z.“ und der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ tätig. Luisa: „Ich finde den Rudi ganz witzig. Er hat eine lustige Stimme und sein Bellen finde ich ganz süß.“ Auch die von Erwachsenen als Nervensäge empfundene Rosi findet Luisa sehr nett, sie will Meeresforscherin werden und hört gerne Abba. Manche aus ihrer 3. Volksschulklasse ärgern Luisa wegen ihres deutschen Akzents. Ihr Lieblingsbuch heißt „Warrior Cats“ von Erin Hunter (britisches Autorinnenkollektiv). „Da gibt es Katzen, die einem Clan angehören und sich um das Territorium streiten“, erzählt Luisa, die sich eine Katze wünscht. „Die Mama hat gesagt, dass wir nicht genug Zeit haben und dass sie dann auch weglaufen würde. Vielleicht kann Rudi was dazu sagen.“

Emil Bienert, elf Jahre, ist begeisterter Rudi-Hörer. Kommt die Sendung, wenn Mama Karin Meriä, ORF-Mitarbeiterin, und Emil gerade aus dem Auto steigen wollen, bleibt der Sohn auf jeden Fall sitzen, bis die fünf Minuten Rudi um sind. „Er ist lustig und hat eine tolle Stimme, ich stelle mir einen gelben Hund mit roten Haaren am Kopf vor.“ Emil ist von einer alternativen Volksschule in eine Kooperative Mittelschule gewechselt – dort gibt es keine regelmäßigen Diskussionen und damit auch genug Streitpotenzial. „Die Großen gehen auf die Kleinen los. Rudi soll mehr über sich, Freundschaft und Schule reden. Ich hätte gerne Tipps, wie man Probleme lösen kann.“ Emil hat eine große Schwester namens Helene und kümmert sich liebevoll um Labrador-Hündin Gypsy, schätzt die Bücher von Christine Nöstlinger wie „Maikäfer flieg!“ und „Tintenherz“ von Cornelia Funke, sieht regelmäßig die TV-Kindersendungen „Wissen macht Ah!“ und „pur+“. Emil: „Rudis Beiträge über Tiere, wie die Lamas, sind sehr interessant. Ich lerne viel.“ Demnächst wünscht er sich aber auch Buch- und Kinotipps.

Paulina Fielhauer, zehn Jahre alt, Journalisten-Nichte. Seit der Sendeplatz auf 14.55 Uhr verschoben wurde, kann Paulina Rudi nur noch als Podcast hören – sie besucht bis
15.30 Uhr eine Ganztags-Volksschule. „Den Anfang finde ich viel zu fiepsig, da hätte ich lieber Musik. Für mich ist der Rudi ein Mann und kein Hund.“ Auch ihre fünfjährige Schwester Delphina findet: „Der Rudi hat eine Mann-Sprache.“ Dass es Tiere sind, findet Paulina „lustig, aber ich hätte lieber, dass ein Kind spricht. Und Rudi soll mehr über Musik und Filme, über neue Häuser und Geschäfte sprechen und mehr mit seinen Freunden aus der Klasse.“ Paulina liebt Zeichnen, Barbie, „Hannah Montana“ und Modemagazine oft mehr als Bücher. „Obwohl ich von Rudi gerne Buchtipps hätte und er soll erzählen, was Neues passiert, wie in den Nachrichten.“

Sophia-Therese Fielhauer-Resei ist freie Journalistin in Wien.

sophia.fielhauer@chello.at

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 78 bis 79 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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