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Gefangen im eigenen Haus

Von Sylvia Valentin, Reporter Ohne Grenzen, Schweiz

„Ich habe ein kleines Gefängnis verlassen, um in dieses große zu kommen“, sagt der blinde chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng. Polizisten verprügelten Anfang Februar ihn und seine Frau, weil sie in einem Video den Hausarrest dokumentierten, unter dem sie stehen.

Guangcheng wurde vergangenen September nach vierjähriger Haftstrafe entlassen. Die Haftstrafe war einer von zahlreichen Versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Seither stehen Guangcheng, seine Frau und sein kleines Kind unter ständiger Beobachtung. Sie haben Maisstauden um das Haus platziert, um sich vor den Blicken zu schützen. Im Video sieht man, wie ein Mann über diese Hecke hinweg ins Haus schaut. Die Familie wird gänzlich abgeschottet und die Dorfgemeinschaft eingeschüchtert. Einzig Guangchengs Mutter kann das Haus verlassen, um Essen zu besorgen. Rund um das Haus sind Flutlichter und Kameras installiert, die Telefonleitungen wurden gekappt und Störsender für Funktelefone montiert. Einmal brachen zehn Leute in das Haus ein und blieben sechs Stunden am Tisch sitzen. Guangcheng beschreibt auch eine Taktik der Polizei. Sie schikanieren und strafen die Leute unter Vorwänden so lange, bis diese es nicht mehr aushalten und sich wehren. Dann hat die Polizei einen offiziellen Grund, die Leute zu strafen. Guangcheng ruft auch zum Widerstand auf und dazu, über Missstände nicht zu schweigen. Die Macht der Politiker basiere nur auf der Angst der Bevölkerung.

Das Video von Guangcheng und seiner Frau Yuan Weijing ist zum Teil übersetzt und auf www.rsf.org zu sehen. Unterstützen Sie Reporter ohne Grenzen, damit über Missstände berichtet werden kann.

Kontakt: www.rog.at

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 12 bis 13 Autor/en: Sylvia Valentin, Reporter Ohne Grenzen, Schweiz. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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