ARCHIV » 2011 » Ausgabe 04+05/2011 »

Medien

Hochzeit der Herzen

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Die Menschheit war bestens vorbereitet auf die Eheschließung von Prinz William und Catherine Middleton. Monatelang berichteten die Medien minutiös und betrieben zwanghafte Herzensbildung.

Es war einmal ein bezaubernd funkelndes Jahresabo. Mit „Royal-Ring gratis für Sie“ inklusive „Princess-Feeling mit dem Traum-Ring von Kate“ warb „Österreich“. Original-Verlobungsring von Lady Di mit Saphir und 14 Diamanten, Jahrgang 1981, für Miss Catherine Middleton, die am 29. April ins Haus Windsor eingeheiratet hat. Zirkon-Kopie mit Zeitung für „nur 17,90 Euro im Monat“ (Modell „Verlobungsring Kate“ im Handel um 120 Euro) für die geneigte österreichische Leserschaft. Spätestens seit der Verlobung im November hat die Welt Anteil an jedem bürgerlichen Pickel und adligem Gähnen. „Österreich“ und „Krone“ verlosten Reisen zur „Hochzeit des Jahres“, auf news.at und kleinezeitung.at tickten die „Hochzeits-Countdowns“ (ebenso auf gala.de und bunte.de). „Heute“ berichtete beinahe täglich, der „Standard“ lieferte eine passende Reisegeschichte. Der „Stern“ schaffte es mit „Die Royals – die Geschichte des britischen Königshauses“ gar zu einer fünfteiligen Serie. Berichte in so gut wie allen ORF-Magazinen – von „Chili“ bis „Vera exklusiv“, von „direkt – das Magazin“ bis „Club 2“ –, Live-Übertragung des „Big Day“ von 9.05 bis 16.10 Uhr in ORF 2 (alternativ ARD, RTL, SAT.1). Kein Entkommen von Westminster Abbey bis Buckingham Palace. Kein Ende mit dem Balkon-Kuss um 14.25 Uhr, Blitzlichtgewitter, bis dass der Tod sie scheidet.

Britische Verwunderung über Österreicher

Bettina Madlener ist 2005 von Vorarlberg nach London übersiedelt. Aufgewachsen in Götzis, werkte die Journalistin erst im ORF-Landesstudio Vorarlberg, wechselte ins Landesstudio Wien und 2003 zum Liechtensteinischen Rundfunk. Zwei Jahre lang lebte Madlener, 35, als Grenzgängerin, pendelte zwischen Ländle und Fürstentum. „Der Sender wurde neu aufgebaut, aber nach zwei Jahren hat das Leben nach einer Veränderung geschrien.“ Liebe und Neugier führten sie nach London: „Ich bin ins kalte Wasser gesprungen, habe erst in einem Übersetzungsbüro gearbeitet.“ Seit 1. Juli 2006 ist Bettina Madlener ORF-Korrespondentin in Großbritannien und Irland, die Aufregung um Prinz William und Kate Middleton sieht sie gelassen. „Es ist ein Ereignis, auf das die Welt schaut, ein Unterhaltungsthema und viel Arbeit, aber ich stehe nicht allein auf weiter Flur.“ Ein Team mit Sonderreporter Roland Adrowitzer reiste zur Hochzeit an. Die Briten hingegen flüchteten in Scharen: „Glaubt man den offiziellen Umfragen, ist 80 Prozent der befragten Briten die Hochzeit egal. Viele planten schlau und nutzten die Tage zwischen Ostern und der Hochzeit zum Wegfahren.“ Freitag, der 29. April wurde zum Nationalfeiertag erklärt, der 1. Mai fiel auf einen Sonntag – für die feiertagsarmen Briten war der Montag daher ein freier Tag. Für ihre Berichte hat die Korrespondentin ein weites Spektrum von „glühenden Royal-Verehrern bis zu Gegnern der Monarchie“ interviewt. Rund 10.000 königliche Souvenirs hortet etwa eine Britin in Wembley, selbst ein Diana-Gedenkraum findet sich im Eigenheim. Zumindest Emotionen wollen auch die Österreicher sammeln. „Wir merken, dass ein irrsinniges Interesse an der Royal Family besteht. Die Briten wundern sich und fragen uns öfters, was das österreichische Fernsehen denn hier will. Auf sie wirkt es so, als ob Königin Elisabeth II. auch Staatsoberhaupt in Österreich wäre.“

Wo manche Briten unter Kates Blaublutmangel leiden, freut es andere: „Sie kennt das Leben der Mittelschicht und die Menschen denken, da wird eine von uns Prinzessin.“ Bettina Madlener spürt die „Aufbruchsstimmung“ im Land. „Der Zeitpunkt der Hochzeit war gut gewählt. Mit William und Kate haben die Briten ein junges Paar, das das etwas verstaubte Image der Monarchie verändern kann. Das Volk erlebte durch die Hochzeit ein ‚Wir sind wieder wer‘-Gefühl.“ Dass manche Medien Prinz William bereits als nächsten Thron-Erben wähnen, scheint verfrüht: „Die Queen ist zwar noch bei guter Gesundheit, ihr Ableben wird aber früher oder später Veränderungen bringen. Prinz Charles hat nach der Verfassung das Geburtsrecht und auch die Pflicht, nächster König zu werden. Er wird daher auf jeden Fall vor Prinz William den Thron besteigen, daran gibt es keinen Zweifel. Prinz William und Prinzessin Catherine haben vermutlich noch lange Zeit, sich auf die Rolle des Monarchen-Paars vorzubereiten.“ Herzens-Tragödien schließt Madlener eher aus: „Die nächsten Nachrichten werden sein, dass ein Kind unterwegs ist. Ich glaube nicht, dass wir etwas Ähnliches zu erwarten haben wie bei Charles und Diana, denn William und Kate lieben sich wirklich.“

Schlecht fürs Geschäft

Vor 16 Jahren hat der britische Journalist Michael Leidig die Nachrichten- und Fotoagentur Central European News ( www.cen.at) in Wien gegründet. Zuvor zwei Jahre bei Blue Danube Radio tätig, hat sich Leidig auf Zentral- und Osteuropa spezialisiert. Seine Agentur – Hauptsitz in Wien, zahlreiche Büros in Osteuropa – beliefert britische Tageszeitungen wie „Telegraph“, „Times“, „Guardian“, „Mirror“ ebenso wie die BBC, irische und US-Medien. Die Bücher „Girl in the Cellar: The Natascha Kampusch Story“ und „Monster“ (über Josef F.), eine Zusammenarbeit mit dem befreundeten britischen Journalisten Allan Hall, haben Leidig, 46, selbst in die Schlagzeilen gebracht. Doch „Boulevard ist nichts anderes als investigativer Journalismus. Er verlangt, vor niemandem Respekt zu haben, und sollte eigentlich wie die Opposition im Parlament sein“, erklärt der Brite. Davon ist auch seine Kollegin, CEN-Journalistin Kathryn Quinn, 26, überzeugt: „Aber in Österreich existiert das nicht, hier sind die Medien zu eng mit den Politikern verbunden.“ Quinn, die seit drei Jahren in Wien lebt, und Leidig schreiben auch für die „Austrian Times“ (gegründet 2005, www.austriantimes.at). Andere Sitten herrschen bei der „Sun“, wo es die „Good Cops gibt, die mit den Royals befreundet sind, und die Bad Cops, die alles schreiben. In Österreich existieren nur die Good Cops“, glaubt Leidig. Für den Journalisten war Kurt Falk eine Ausnahmeerscheinung: „Er hat wie ein englischer Chefredakteur gedacht. Man muss alles infrage stellen und nichts unbeantwortet lassen.“ Die beiden britischen Journalisten halten wenig von den Geschichten rund um die königliche Hochzeit: „Das ist Churnalism – churning out the same old shit. Egal, was es ist, es wird abgeschrieben. Das meiste stammt von Blogs und das betrifft nicht bloß die Royals.“ Kathryn Quinn ist erstaunt, dass der angebliche Auftritt des „No Problem Orchestra“ bei den Hochzeitsfeierlichkeiten bis zuletzt nicht hinterfragt wurde, sie weiß: „Nicht ein Medium hat beim Buckingham Palace nachgefragt.“ Im selben Dreck herumwühlen und Wiedergekäutes in Medien verärgert Leidig: „Wir machen eine Geschichte, verkaufen sie an die ‚Daily Mail‘ und dann wird sie wieder und wieder verwendet. Aber dafür bekommen wir kein Geld.“ Weder Kathryn Quinn aus der Grafschaft Cumbria in Nordengland noch Michael Leidig aus Canterbury im Südosten Englands sind privat an den Royals interessiert. „Aber in so schwierigen Zeiten sind positive Nachrichten wichtig für die britische Wirtschaft“, weiß Quinn, die davon allerdings alles andere als profitiert. Für die Agentur bedeutet die Hochzeit vor allem Einbußen. Leidig: „Vor und nach der Royal Wedding können wir nur sehr wenige Geschichten verkaufen, es gibt kaum Platz.“ Um sich mit dem Wahn rund um die Royals ausei
nanderzusetzen, fehlt ihm ohnehin die Zeit: „Ich stehe um vier Uhr morgens auf, trinke Kaffee, fahre ins Büro und kümmere mich um 40 Geschichten.“ Für das immense österreichische Interesse an den Windsors hat Kathryn Quinn zumindest eine These: „Österreich hatte früher eine Royal Family und offenbar hätten sie gerne wieder eine. Es ist der Traum vom Prinz und der Prinzessin. Die Gesellschaft in Österreich ist auch viel altmodischer als in Großbritannien.“ Dass William der Queen auf den Thron folgt, kann sich die Journalistin nicht vorstellen: „Charles wird sicher der nächste König Englands und er wartet schon sein ganzes Leben darauf. Die königliche Tradition wird sich nicht ändern, nur weil es so viel Medien-Hype um William gibt.“

Sophia-Therese Fielhauer-Resei ist freie Journalistin in Wien.

sophia.fielhauer@chello.at

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 72 bis 73 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;