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Medien

Medienhype um Gaddafi

Von Hermine Schreiberhuber

Die öffentlichen Auftritte des Diktators Muammar Gaddafi im libyschen Bürgerkrieg sind skurril genug. Doch fast ebenso bizarr wirken die Auftritte der auserwählten westlichen Journalisten, die ihn im Zelt aufsuchen und seinen verbalen Ausritten lauschen dürfen.

Unter ihnen war Antonia Rados, die für RTL und n-tv aus Libyen berichtete. RTL wurde nicht müde, Gaddafis erstes Interview mit einem deutschsprachigen TV-Sender anzupreisen. Zuvor waren die angelsächsischen Networks, von ABC bis BBC, aufmarschiert. Christiane Amanpour „ergatterte“ das erste Interview, schrieb die US-Presse.

Zurück zu (der Österreicherin) Antonia Rados. Fast mehr Interesse als Gaddafis wirre Aussagen weckten die Begleitumstände. Gaddafi fährt im Golf-Caddy vor, sitzt selbst am Steuer, ohne Leibwächter, in traditionelle arabische Kleidung gehüllt. „Im Hintergrund stehen Palmen, der Himmel ist blau. Alles wirkt friedlich“, beschreibt RTL online das Ambiente. Ein n-tv-Video liefert die Bilder aus dem Zeltinneren: Gaddafi nimmt lässig seine Sonnenbrille ab, setzt sie wieder auf, wippt ständig mit dem Knie. Gaddafi spricht mit monotoner Stimme, Rados blickt gespannt. Das alles wirkt wie ein Ritual.

40 Minuten lang nimmt sich Gaddafi in dem Interview Zeit, um sich wieder eine heile Welt zurechtzuzimmern, mitten im Krieg. Die „kleinen“ Unruhen würden bald enden, die bewaffneten Banden Bin Ladens werde man bald vernichten. Die Niederschlagung friedlicher Demonstrationen sei eine „Lüge“, es gebe nicht mehr als 200 Tote. Dem Westen sei nicht zu trauen, künftig würden Russland, China und Indien Aufträge bekommen. Sein Freund Sarkozy sei „verrückt geworden“, dafür gebühre Deutschland ein Sitz im UNO-Sicherheitsrat.

Der Zuseher kann sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die TV-Berichterstatter wie in einer Audienz bei Gaddafi vorführen lassen. Egal, von welchem Sender sie kommen. Eine Instrumentalisierung? Jedenfalls eine Gratwanderung. Der Zweck heiligt die Mittel. Dient der Selbstdarstellung des Mediums und auch des Interviewers. Irgendwie erinnert die Situation auch an die „embedded journalists“ im Irak-Krieg, die von der US-Army gezielt an Schauplätze gebracht wurden.

Und dann interviewt RTL die eigene Korrespondentin. Alles über Internet abrufbar. Frau Rados, sind Sie von den Revolten in der arabischen Welt überrascht worden? Wie erleben Sie aus Tripolis den Bürgerkrieg? Ist der Prozess vergleichbar mit den Umwälzungen in Osteuropa 1989? Usw. Damit nicht genug. Rados bloggt aus dem Hotel in Tripolis: „Bombennächte sind Horrornächte.“ Beschreibt ein Spektakel von Gaddafi-Anhängern vor dem Hotel, das Treiben der allgegenwärtigen Aufpasser des Regimes im Hotel.

Multiple Verwertung. Auf Facebook räumt die RTL-Korrespondentin ein, dass die libyschen Machthaber ausländische Journalisten sozusagen zur Berichterstattung eingeladen haben. „Das Gaddafi-Regime lässt ungefähr 100 Reporter aus aller Welt aus Tripolis berichten. Ich bin eine unter vielen. Wir arbeiten alle unter den gleichen Bedingungen, deutsche, amerikanische oder chinesische Medien. Wir dürfen nicht allein hinaus – nur mit sogenannten Aufpassern.“

Die Schreiberin dieser Zeilen weiß Bescheid. Sie war vor 25 Jahren erstmals in Libyen. Wechselnde Aufpasser überall, die rund um die Uhr im Einsatz sind. Sogar nächtens aufkreuzen und an die Hotelzimmertür klopfen. So spielte es sich im Lande Gaddafis immer schon ab, auch ohne Bürgerkrieg.

Hermine Schreiberhuber ist freie Journalistin in Wien.

hermine.schreiberhuber@gmx.at

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 92 bis 93 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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