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Medien

Schön schauen

Von Dieter Bornemann

Im Fernseh-Journalismus passiert gerade das, was Print und Radio schon seit Langem hinter sich haben: Der Journalist soll immer mehr technische Aufgaben übernehmen. „ZiB“-Redakteur Dieter Bornemann hat die New York Film Academy besucht und zehn Thesen über die Zukunft des TV-Journalismus mitgebracht.

„Machst du mir noch schnell ein Bild davon?“ – Ein Satz, den jeder Kameramann hasst. Ein gutes Bild geht nicht schnell. Ein gutes Bild braucht Zeit. Darum wird diesen Satz nie wieder ein Kameramann von mir hören. Dazu habe ich selbst zu lange verzweifelt versucht, ein gutes Bild einzufangen. Manchmal ist es gelungen, oft aber auch nicht. Und schnell ist es nie gegangen.

Vier Wochen dauert der Kurs „Broadcast Journalism“ an der New York Film Academy (NYFA) (siehe Seite 84). Oder ein Jahr. Hängt davon ab, wie viel Zeit und Geld man investieren kann. Für mich war es ein Monat im vergangenen Herbst. Zu wenig, um ein echter VJ zu werden. Ein Videojournalist, der selbst dreht und sein Material auch selbst schneidet. Nichts, was meine Beliebtheit bei den Kolleginnen und Kollegen hinter den Kameras und an den Schneidecomputern steigert. Sie fürchten um ihre Jobs, wenn die Redakteure ihre Arbeit übernehmen.

Genau das ist schon vor vielen Jahren bei Print und Radio passiert: Setzer, Layouter, Korrektoren, Foto-Redakteure – Jobs, die im Tageszeitungsgeschäft verschwunden sind und von den Redakteurinnen und Redakteuren übernommen wurden.

Radio-Journalisten sind noch vor etwas mehr als zehn Jahren mit Tontechnikern ausgerückt, die das schwere Aufnahmegerät getragen und sich um die perfekte technische Aussteuerung jedes Interviews gekümmert haben. Heute hat jeder Radioreporter sein Rasierapparat-großes MP3-Aufnahmegerät eingesteckt, der Ton-Pegel wird automatisch geregelt und geschnitten wird am Digas-Laptop.

Ein Fernsehteam hat vor 20 Jahren aus bis zu fünf Mann bestanden: Kameramann, Tonmeister, Licht-Assistent, Redakteur und ein Fahrer war meist auch noch dabei. Lichtstärkere Kameras und leichtere Scheinwerfer haben den Licht-Assi überflüssig gemacht. Der Fahrer wurde aus Kostengründen schon lange eingespart. Heute besteht ein TV-Team aus Kameramann, Ton-Assi und Journalist oder Journalistin. Im besten Fall. Immer öfter wird mit „Ein-Mann-Teams“ gedreht. Das bedeutet, der Kameramann dreht allein und muss ohne Ton-Assi auskommen. Manchmal hört das der Zuschauer an der schlechten Tonqualität.

Der Wunschtraum jedes Fernseh-Managers ist die Eier legende Wollmilchsau des Journalismus: Ein Mitarbeiter, der großartige Beiträge recherchiert, selbst dreht und schneidet, ein wunderbarer Geschichtenerzähler ist, mit toller Stimme und Sinn für Dramaturgie. Und der das alles möglichst mit seiner privaten Ausrüstung macht, zum Preis eines Volontärs.

Diese Alleskönner sind allerdings schwer zu finden. Denn irgendetwas davon können sie nicht: Verwackelte Bilder, seltsame Schnitte, die schlampige Recherche hölzern erzählt – wenn ein Glied in der Kette nicht gut ist, wird die ganze Geschichte schlecht. Zwar billig produziert, aber mit qualitativen Mängeln. Der Zuschauer merkt schnell, wenn dem Einzelkämpfer das Stativ zu schwer war und deswegen lieber von der Schulter gedreht wird. Oder wenn sich das zusätzliche Mikrofon nicht mehr ausgegangen ist und der Ton wie aus dem Kochtopf klingt. Interviewpartner – kunstvoll ausgeleuchtet mit 3-Punkt-Licht – sind ebenfalls selten auf Sendung zu sehen. Licht-Equipment ist ein eigener Koffer, schwer und teuer.

Dabei macht Selbstdrehen großen Spaß – es darf nur nicht eilig sein. Für aktuelle Nachrichten schwer umsetzbar. Trotzdem wird sich der Job des TV-Reporters in den nächsten Jahren verändern.

Wer heute an einer Universität oder Fachhochschule Journalismus studiert, lernt zumindest die Basis für den Umgang mit Kamera und Schnitt-Software. Die nächste Generation geht unbefangen mit der Technik um. Aber auch in Zukunft werden Cutter und Kameraleute zu Recht eigene Berufe sein. Der Fernseh-Journalist kann darin höchstens dilettieren. Zehn Thesen über die Zukunft der Branche:

1. Fernsehen bleibt Teamwork

Gute Geschichten entstehen im Dialog. Zuerst mit der Kamera-Crew, dann mit dem Cutter. Aber nur, wenn alle das wollen. Die 08/15-Geschichte – lustlos gedreht, fad getextet und lieblos geschnitten –, die ist es nicht. Auch wenn alle Fernsehsender voll davon sind. Es sind die aufregenden Storys mit den beeindruckenden Bildern, gut geschrieben und toll geschnitten, die Zuschauer fesseln. Der Kameramann hat das Auge für gute Bilder. Der Cutter das Gefühl für den kadergenauen Schnitt. Einer allein kann nicht alles gleich gut. Wenn es schon der Video-Journalist sein soll, dann besser zwei von ihnen für eine Geschichte: einer dreht, der andere recherchiert. Geschrieben und geschnitten wird dann gemeinsam.

2. Redakteure werden Cutter

Wie im Radio werden Journalistinnen und Journalisten auch ihre Fernsehbeiträge selbst schneiden. TV-Schnitt ist allerdings viel komplizierter als der Schnitt eines Radiobeitrages. Selbst technisch talentierte Journalisten kommen nicht annähernd an die Geschwindigkeit eines Profi-Cutters heran. Allerdings: Kurze Beiträge wie Headlines oder Meldungsfilme können Journalisten selbst am Computer schneiden. Aufwendige Beiträge oder Magazin-Geschichten sind die Ausnahme – dafür brauchen sie viel zu lange. Und häufig fehlt es am theoretischen Überbau des Schnitts. Vernünftiger ist es, Cuttern das Drehen beizubringen, oder Kameraleuten den Schnitt. Das heißt, der Kameramann dreht – wie bisher – mit dem Journalisten und anschließend schneiden sie den Beitrag. Oder der Cutter erlernt das Handwerk des Kameramanns und macht die Bilder, die er gemeinsam mit dem Redakteur zu einer Geschichte verarbeitet.

3. Filmen kann jeder – Geschichten erzählen nicht

Youtube ist der Beweis: kurze, möglichst absurde Clips werden millionenfach angeschaut. Aber ist das schon Fernsehen? Noch vor wenigen Jahren war professionelle Ausrüstung für Private unbezahlbar. Heute kann jeder um wenig Geld mit einem Camcorder und einem Computer eine technische Qualität produzieren, die de facto sendefähig ist. Technik ist kein Wettbewerbsvorteil mehr für Fernsehmacher. Es ist die Fähigkeit, Geschichten zu erkennen, professionell zu recherchieren und sie so umzusetzen, dass der Zuschauer sie sehen will. Gute Dramaturgie, das Erzählen mit Bildern, macht es spannend. Fernsehen kann heute jeder machen – aber nicht jeder kann es gut.

4. Qualität – aber nicht immer

Der Zuschauer hat ein feines Gespür, ob Fernsehsender billig produzieren. Wenn – husch, pfusch – ohne Stativ schnell ein paar Bilder in großer Zeitnot geschossen wurden. Verwackelte Einstellungen, schlecht ausgeleuchtet und ein grottenschlechter Ton. Solche Nachrichtensendungen haben wenig Glaubwürdigkeit. Allerdings gibt es Ausnahmen: Das abstürzende Flugzeug, wackelig aufgenommen mit der Handykamera – ist authentisch. Starke Bilder – da ist die Qualität nebensächlich. Wenn es dramatisch genug ist, kann es auch verwackelt daherkommen. Bei einer Pressekonferenz werden zittrig-verschwommene Bilder vom Zuschauer hingegen nicht toleriert. Doch je schlimmer eine Katastrophe ist, desto eher suchen Fernseh-Stationen nach Bildern, die Betroffene selbst gedreht haben. User Generated Content (UGC) macht den Schrecken der Sekunde für Zuschauer erlebbar. Egal ob der Tsunami im Indischen Ozean, das Erdbeben in Japan oder Bilder der Revolutionen in Nordafrika: Youtube wird zum Bilder-Lieferanten für Fernsehsender.

5. Technik wird einfacher – und komplizierter

„Schalt die Kamera auf Automatik – das passt dann schon.“ Journalisten, die selbst drehen und diesen Tipp einmal bei einer Pressekonferenz beherzigt haben, wissen: Das ist Unsinn. Jeder Fotograf, der vor der Linse vorbeigeht, wird vom Autozoom fokussiert. Die Bilder sind unbrauchbar. Weißabgleich vergessen? Der Interviewpartner ist im Gesicht blaustichig? Kann doch im Schnitt mit Farbkorrektur wieder zurechtgebogen werden. Ja, aber es dauert lang und schaut selten gut aus. Wer selbst dreht, muss sich ganz auf die Kamera konzentrieren. Nebenbei ko
mplexe Sachverhalte verstehen und kluge Interviewfragen formulieren – das geht nicht. Aber ein Schwenk über einen Unfall auf der Autobahn? Das sollte jedem Fernsehjournalisten zumutbar sein. Allerdings: Jedes gute Bild, das beim Dreh verpasst wird, ist verloren und fehlt der Geschichte.

6. Crossmediales Arbeiten

Gleich nach der Pressekonferenz wird die Onlinegeschichte geschrieben, dann für die Mittagssendung ein Radiobeitrag gebaut und für den Abend aus dem selbst gedrehten Material die Fernsehstory geschnitten. Idealerweise in mehreren Versionen unterschiedlicher Länge für die verschiedenen Sendungen. Das ist der Wunschtraum vieler Newsroom-Manager. Dafür spricht: Es ist deutlich billiger als die bisherige Produktion. Dagegen spricht: Meinungs- und Gestaltungsvielfalt gehen verloren. Und kaum jemand kann qualitativ hochwertige Geschichten für verschiedene Medien gestalten. Journalistischer Einheitsbrei in allen Medien ist die Folge. Denn Zeit für Recherche und Vorbereitung ist in diesem System nicht vorgesehen. Journalismus wird zur Nebensache.

7. Bildschirme werden kleiner – und größer

Fernsehen am Smartphone und am iPad – unterwegs, wenn es spannend ist und schnell gehen muss, sind die Bildschirme klein. Im Büro, der U-Bahn, im Wartezimmer des Arztes – Fernsehen als Nebenbei-Medium ist auf den kleinen Schirm gerutscht. Zu Hause spielt dann das große Konzert: Dank immer billigerer Fertigung werden die Flatscreens zu Hause immer größer. Knapp 120 Zentimeter Bildschirmdiagonale sind fast schon Standard. Da fällt jedes schlechte Bild besonders auf – hier zu sparen, können sich Sender nicht leisten. Zuschauer wollen auf ihren großen Schirmen möglichst gute Bilder sehen. Fernsehen wird immer flacher. Nicht nur die Geräte, sondern oft auch die Inhalte.

8. HD bringt Zuschauer – 3-D floppt

Die Umstellung vom alten 4:3 Fernsehformat auf 16:9 Breitbild ist schnell gegangen. Auch im Newsbereich stellen immer mehr Sender ihre Produktion auf Breitbild um. Noch schneller setzt sich High Definition (HD) durch. Auf großen Schirmen kommt die Standard-Auflösung (SD) ziemlich altmodisch daher. Wer Zuschauer fesseln will, kommt an HD nicht vorbei. Im Gegensatz zu 3-D. Da ist die Technik noch nicht ausgereift, da wollen die Zuschauer noch nicht unbedingt dabei sein. Im News-Bereich wird 3-D noch lange auf sich warten lassen.

9. Fernsehen als Nebenbei-Medium

Noch immer geht der Großteil des täglichen Medienkonsums auf das Konto des Fernsehens. Allerdings wird es – vor allem für die Jungen – immer mehr zum Nebenbei-Medium: Daneben wird im Internet gesurft, gechattet, geSMSt, telefoniert … Die volle Aufmerksamkeit bekommt Fernsehen immer weniger. Nachrichten sind vor allem für junge Zuschauer wenig attraktiv. Nur wenn Großes passiert, schauen auch die Jungen Nachrichtensendungen. „Wenn es wichtig genug ist, findet mich die Nachricht auch.“

10. Zeit-autonom statt Fernsehprogramm

Immer weniger Zuschauer wollen sich ihr Leben vom Fernsehprogramm diktieren lassen. Das erklärt den Zuspruch zu den Onlinediensten der TV-Sender. Video on Demand ist der Trend. Internet und Fernsehgerät wachsen zusammen. Schnelle Onlineverbindung und unbegrenztes Datenvolumen machen Fernsehen Zeit-unabhängig. Bitter für Nachrichtenmacher: On Demand werden selten die ganzen Sendungen angeschaut. Meist nur zwei bis drei Beiträge, die wirklich interessieren. Aber: Social Media kann bei großen Events die Quote retten: Vor allem junge Zuschauer kommentieren gerne über Twitter oder Facebook Live-Sendungen, die sie gerade – gleichzeitig, aber räumlich getrennt – mit ihren Freunden anschauen. Und lästern gemeinsam über das Programm – ganz so, als wären sie gemeinsam im Fernsehzimmer versammelt.

Übrigens: In meinem NYFA-Kurs habe ich einen Beitrag über ein gemütliches österreichisches Kaffeehaus mitten im hektischen New York produziert. Dreh und Schnitt haben mehrere Tage gedauert – statt ein paar Stunden, wie sonst mit einem Team üblich. Der Beitrag war im US-Nachrichtenkanal CNN auf Sendung. Den Kollegen dort habe ich allerdings nicht verraten, dass ich den Beitrag allein gedreht und geschnitten habe. Sicherheitshalber.

Dieter Bornemann ist stv. Leiter der „ZiB“-Wirtschaftsredaktion und Erster Redakteurssprecher im Aktuellen Dienst.

dieter.bornemann@orf.at

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 82 bis 83 Autor/en: Dieter Bornemann. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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