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Editorial

Unsere künftigen Stars

Eigentlich hat dieses Land nicht 30 Talente unter 30, sondern 60. Und es gibt auch noch solche, die schon über 30 sind.

Lassen Sie uns einen Deal machen: Sie legen mir Ihre wertvollsten Rohdiamanten auf diesen Tisch. Dann drehen Sie sich bitte für einen Moment um. Nur einen Monat oder zwei. Nein, ich verspreche Ihnen nicht, dass Sie Ihre Steine später wieder finden werden. Okay?

Theresa Steininger ist seit Wochen mit diesem unmoralischen Angebot in Österreichs Redaktionen unterwegs. Sie stellte ihre Frage etwas förmlicher, die Absicht etwas verbergend: „Wer sind die größten Talente in Ihrem Haus – und noch unter 30?“ Die Antworten der Chefredakteure waren unterschiedlich ergiebig. Einige hatten gleich ein Dutzend Namen parat, andere taten sich bereits bei der Suche nach nur einem schwer.

Ich verstehe ja den Zwiespalt, den unsere Titelautorin bei den Chefs ausgelöst hat. Und dann vielleicht auch noch der Ärger im eigenen Haus vor Augen – bei jenen nämlich, die sich in derselben Karatklasse sehen, vielleicht sogar mit Recht dort sein sollten und dann doch nicht auf diesem Tisch landen, weil eben nur 30 Platz haben. Welch komplizierte, welch ungerechte Welt!

„Eigentlich hat dieses Land rund 60 junge Talente“, erkannte Steininger am Ende ihrer aufwendigen Recherche, und gerecht wird diese Liste auch jenen nicht, die die Altersgrenze von 30 eben hinter sich gelassen haben. Der „Kurier“ zum Beispiel ist gespickt mit jungen Leuten knapp über 30, die wegen unserer willkürlichen Grenzziehung keine Chance hatten. Steininger hat sich übrigens nicht allein auf die Hinweise aus den Chefredaktionen verlassen, sich auch nicht von diesen ablenken lassen. Sie hat aufwendig quer recherchiert, die Leiter der jeweiligen Ressorts befragt, aber auch bei ungezählten Kolleginnen und Kollegen deren Einschätzung eingeholt. Sie hat sich nächtelang Zeit genommen, die wichtigsten Geschichten der besten 60 Talente zu lesen, ihre Beiträge zu hören und anzusehen – und erst dann 30 ausgewählt. Wer sich hier nicht findet – ein Trost: Auch unsere Autorin, 28 Jahre alt, ist mehrfach unter den Besten genannt worden (und natürlich hier nicht erwähnt).

2007 haben wir uns erstmals auf die Suche nach den Top 30 gemacht. Wir haben jetzt nochmals nachgesehen, was aus diesen Talenten geworden ist. Überraschend, vier Jahre später sind fast alle noch immer bei ihren damaligen Medien, viele sogar noch in ihrem damaligen Job. So gesehen ist die Angst unberechtigt, dass sich Personalchefs und Chefredakteure anderer Häuser gnadenlos aus dieser Liste bedienen. Mich wundert aber, dass gerade die jungen Leute nicht mehr ausprobieren – und hin und wieder wechseln. Aber vielleicht liegt es am sehr engen Markt in Österreich, der nur sehr begrenzt Möglichkeiten bietet, in anderen Häusern Erfahrungen zu sammeln. Schade, oder? Die Angst der Jungen mag aber berechtigt sein, nicht mehr in einen spannenden Job zurückzufinden, wenn nach einem Wechsel die Erwartungen beim neuen Arbeitgeber doch nicht erfüllt werden.

Einige dieser Talente von 2007 tauchen übrigens auch 2011 wieder auf. Mit noch mehr Erfahrung, aber noch immer unter 30. Der Jüngste in unserer aktuellen Erhebung ist Luca Hammer, 22 Jahre alt – und hat nicht nur wegen seines jugendlichen Alters das Potenzial, auch noch in künftigen Listen zu landen. Steininger beschreibt ihn als „den wohl Innovativsten“. Mit 16 Jahren hat Hammer begonnen zu bloggen, erst führte er online Tagebuch, schon bald kamen Themen wie Aufwachsen, Internet und Social Media dazu. Sein Blog 2-blog.net, ist heute mit bis zu 50.000 Aufrufen pro Monat einer der größten Blogs Österreichs, einzelne Artikel zählen bis zu 300.000 Aufrufe. Während der Studentenbewegung 2009 riefen fast eine Million seinen Info-Livestream ab. Auch Lyrik ist ihm nicht fremd. Einen Roman hat er via Blog veröffentlicht.

Verena Gleitsmann, 23 und ebenfalls unter den Besten, ist freie Mitarbeiterin beim ORF Radio Ausland. Sie gilt als DAS Talent schlechthin in der Radioinformation. „Sie macht Reportagen vom Feinsten, einfühlsam, kompetent und eloquent.“ Sie gestaltete für Ö1 Berichte über Studentenproteste und über in Wien ansässige Ägypter. Vor Kurzem berichtete sie über die Parlamentswahlen in Finnland, vor Ort. Begonnen hat sie erst 2009.

Werden Sie auch manchmal gefragt, ob Sie nochmals 20 sein wollen? Fragen Sie sich das manchmal selbst? Lesen Sie stattdessen die Geschichte von 30 jungen Leuten unter 30 und lassen Sie sich von deren Berufswegen beeindrucken. Jeder von ihnen hat das Zeug, ein Star zu werden. Wünschen wir ihnen auf dem Weg dorthin alles Gute!

Johann Oberauer ist „Journalist“-Herausgeber.

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 3 bis 9. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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