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Praxis

Wann gibt es Dosen-Zeitungen, was ist ein „Österreich“-Interview, wann ist es exklusiv und wer sind die Twitter-Leichen?

Was Sie schon immer über Medien wissen wollten. Dr. Media beantwortet drängende Fragen der Branche.

Wann ist ein Interview ein Interview?

Dr. Media: Das ist eine sogenannte gute Frage, die nur von verlässlichen Experten zu beantworten ist. Wir halten uns folgerichtig an die Zeitung „Österreich“ und den ehemaligen ÖVP-Europaabgeordneten Ernst Strasser. „Österreich“ hatte nämlich ein Interview mit dem im heftigen Lobbying gestolperten Strasser veröffentlicht, worauf dieser im OTS der APA am 27. März verkünden ließ: „Ernst Strasser hält fest, dass das in der heutigen Ausgabe von der Tageszeitung, Österreich‘ veröffentlichte, Interview‘ eine Irreführung ist.“ Er könne gar kein Interview gegeben haben, da er seit 22. März ausschließlich den Behörden zur Verfügung stehe. Diese Richtigstellung wies aber „Österreich“ noch am selben Tag zurück, und zwar „auf das Schärfste“. Es habe drei Telefonkontakte mit Strasser gegeben. Etwas unsicher geworden blättert Dr. Media in der Geschichte zurück und muss neidlos zugeben, dass die Gratiszeitung „Österreich“ eine Pionierrolle im Kampf um seriöse Interviews einnimmt. Sie hat nämlich den Mitbewerber „Kronen Zeitung“ zu einem gerichtlichen Vergleich gezwungen, dessen Inhalt die „Krone“ auf ihre Kosten veröffentlichen musste, nämlich: Die „Krone“ werde es unterlassen, „Interviews etwa mit Frankie Schinkels oder Erwin Pröll anzukündigen und/oder zu veröffentlichen, wenn dabei der unrichtige Eindruck erweckt wird, der Artikel wäre, exklusiv‘ und/oder Reporter der, Kronen Zeitung‘ würden, exklusiv‘ über Ereignisse berichten“. Dr. Media hält somit exklusiv fest: Ob ein Interview ein Interview ist, entscheidet sich täglich auf dem Boulevard.

Wie viele Zeitungen kauft Red Bull?

Dr. Media: Gerüchte gehen in der Printbranche um. Dietrich Mateschitz, Chef des Frucht- und Energiewässer-Imperiums Red Bull, könnte es einfallen, nicht nur einen angesehenen Verlagschef wie Horst Pirker in sein expandierendes Red Bull Media House zu holen, sondern gleich auch Zeitungen dazu. Geld hat er ja bei einem Jahresumsatz von 3,87 Milliarden Euro mehr, als man ausgeben kann, wodurch er sich fundamental von manchen Zeitungsverlegern unterscheidet, die weniger haben, als sie ausgeben. Es wäre unfair, jetzt mit einem Namedropping von Zeitungstiteln zu beginnen, deren Chefs ein Gespräch mit Mateschitz gewiss nicht ausschlagen würden. Allein in Wien könnten einem manche einfallen, westlich davon erstreckt sich der Raum der Investorenhoffnung bis direkt vor die Tür des Red-Bull-Imperiums und weit darüber hinaus. Vielleicht aber fällt es dem Fan von Risikosportarten sogar ein, eine besonders feine Zeitung zu erfinden, so wie „Servus“ irgendwie doch ein zwar eigenartiges, aber feines Fernsehprogramm zu werden verspricht. Verlagsmanager, gebt acht – ein Konkurrent könnte schneller in die Aludose springen, als man glaubt.

Aus für „exklusiv“?

Dr. Media: Wird es in Zukunft keine Exklusiv-Meldungen mehr geben? Medienmacher werden sich jedenfalls gut überlegen, was sie als solche bezeichnen – mussten doch aufgrund von Vergleichen in Irreführungsverfahren der Mediaprint mit „Österreich“ sowohl „Kurier“ als auch „Krone“ in den vergangenen Wochen Unterlassungsverpflichtungen bezüglich des Wortes „exklusiv“ veröffentlichen. „Österreich“ hatte eine solche Meldung bereits zwei Mal – wegen unterschiedlicher Gesellschaften – publizieren müssen. Bei der Mediaprint sieht man ein Ungleichgewicht, „Österreich“ habe weit öfter Exklusivität vorgespiegelt als „Krone“ und „Kurier“, die Strafengleichheit werfe ein falsches Licht. Auch wenn selbst Beteiligte den Streit mittlerweile als lächerlich bezeichnen, ist er noch nicht ausgefochten. „Österreich“ ist mit den Unterlassungsverpflichtungen noch nicht zufriedengestellt. Danach wäre das Thema „exklusiv“ dann aber wohl erledigt … theoretisch. „Die Exklusivitäts-Ära dürfte zumindest in diesen drei Medien vorüber sein“, heißt es vonseiten der Mediaprint.

Wer sind die Medien-Zwitscherer?

Dr. Media: „Test+online?“ Mit diesem Tweet ging Eva Dichand am 28. März unter die Twitter-Nutzer. Selbstverständlich preist sie in ihren Tweets ihre Lieblingszeitung: „Today HEUTe (sic) got Austrias Second kargest (sic) newspaper.12% market resch (sic) national+37,6 in Vienna. very! Proud of Team! Jipp-Hurra!!“, auch politisch äußert sie sich, etwa zum Libyen-Krieg, doch auch zu ihrer Lieblingsrede, über den Beginn der Eissaison und darüber, wo es den besten naturtrüben Apfelsaft gibt. 345 verfolgen Dichands Online-Wortmeldungen jedenfalls.

Noch lange reicht sie damit nicht an Medienbranchen-Spitzenreiter wie Corinna Milborn („News“) mit bald 4.000 Followern und Florian Klenk („Falter“) mit mehr als 2.000 Followern heran. Auch Andreas Koller („SN“), der erst skeptisch war und überredet werden musste, hat bereits 2.000 Follower. Alle drei äußern sich zu jenen Themen, über die sie auch arbeiten. Das tut auch Alexander Wrabetz, der wie Dichand seit Ende März bei Twitter aufscheint, er bewarb via Twitter bisher nur die „verlängerte Top-13h-ZIB zu Libyen“ und die „Anna Bolena“-Übertragung aus der Staatsoper. Sehr viel zu lesen haben Andreas Unterbergers Follower, der Ex-„WZ“-Chefredakteur twittert mehrmals täglich. Viel weniger zu lesen – nämlich gar nichts – hatten bisher Alexandra Föderl-Schmids Follower, zwar hat sie derer schon zehn, gezwitschert hat sie bisher aber noch nichts. Auch Wolfgang Fellner ist wohl eher eine Twitter-Leiche, bisher schrieb er nur am 19. Mai 2009 „Was denkt Österreich“. Beide waren wohl bisher nicht für das Zwitschern zu begeistern. Dessen überdrüssig wurde Armin Thurnher sichtlich, seit November 2009 hat er nichts mehr in Twitter geschrieben, zuletzt, dass ihm Twitter langweilig geworden war.

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 128 bis 129. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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