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Medien

„Wir haben das Glück des Tüchtigen“

Von Elisabeth Horvath

Oliver Voigt, Manager der Mediengruppe „Österreich“, will in zwei Jahren die Million-Reichweite erreichen. Mit Well-Being.

Sie sind nun Verlagsmanager. Damit wechselten Sie vom Journalismus ins Kaufmännische. Haben Sie das angestrebt oder hatten Sie keine andere Wahl nach Ihrem Abgang von News?

OLIVER VOIGT: Ich habe auch in meinem Vorleben meinen Schwerpunkt in den verlegerischen und kaufmännischen Agenden gesehen. Und hier im Hause haben wir einen exponierten Journalisten …

… der Ihnen alles wegnimmt, was Journalismus ausmacht.

Nein, es geht ja nicht ums Wegnehmen. Der Herausgeber gestaltet das Blatt in Bestform, das ist das Entscheidende. Wir haben eine ganz klare Aufgabenteilung: Redaktion, Weiterentwicklung des Blattes und all dessen, was wir künftig noch vorhaben – und ein bisschen haben wir vor, sonst hätten wir Stillstand –, das ist ganz klar die Aufgabe des Herausgebers, der in diesem Fall ja gleichzeitig der Eigentümer ist. Das ist ja etwas Besonderes. Und ich darf mich drumherum um die verlegerischen Agenden kümmern. Ich glaube, das können wir sehr ordentlich im Duett machen.

Wolfgang Fellner ist ein ziemlich impulsiver Mensch, Sie wirken auch nicht gerade schüchtern, werden Sie miteinander können – auf längere Sicht?

Wir haben schon eine Zeit hinter uns, in der wir sehr eng miteinander gearbeitet haben. Das war, als die Fellners das „News“ gegründet hatten und der damalige kaufmännische Hauptakteur Helmuth Fellner auf Sabbatical in Amerika war. Das war im Wechsel des Geschäftsjahres 2000 auf 2001. Danach habe ich bei Gruner + Jahr in Warschau angeheuert. Es war aber dennoch ausreichend Zeit, einmal zu gucken, wie das miteinander geht. Und ich glaube, da ist viel Perspektive und Fantasie drinnen. Deswegen sehe ich das Ganze nicht als Verlust, sondern als Gewinn. Was aber auch meinem Lebensnaturell entspricht. (lacht)

Sie sind also ein positiv denkender Mensch. Zwischenzeitlich waren Sie als Herausgeber und CEO der News-Gruppe allerdings Gegenspieler der Fellner-Brüder. Hat das die einstige Beziehung getrübt oder steht man da – professionell – darüber?

Man wird doch nicht engagiert, um gegen, sondern um für etwas zu sein. 2006 war ich ausschließlich für das Wohl der News-Gruppe da, und seit 1. März bin ich voll umfänglich für das Wohl der Mediengruppe Österreich zuständig. Außerdem versuche ich – und das macht den Wiedereinstieg auch relativ leicht – Konkurrenzverhältnisse sowohl professionell als auch sportlich zu sehen. Und von daher gibt es nirgendwo verbrannte Erde.

Was sind die wahren Gründe, warum Sie News verlassen haben?

Ich hatte ein Angebot zur Vertragsverlängerung, das ich in der Form nicht angenommen habe.

Die wäre gewesen?

Vertragsinterna bespricht man hinter, nicht vor der Tür. Damit hat sich das. Und jetzt bin ich in einem vielleicht von der Nähe her betrachtet noch unternehmerischerem Unternehmen.

Wie meinen Sie das?

Na ja, das Unternehmen ist nicht Tochter bzw. Beteiligung eines Großkonzerns, sondern eine Gründung. Das ist es ja, was den Job wirklich cool macht und teilweise den Gegenwind erzeugt. Das kann ich ja nachvollziehen. Was ich aber weniger nachvollziehen kann, ist bisweilen die Häme, die man dieser Gruppe und auch einzelnen Akteuren entgegenbringt. Weil am Ende des Tages muss man einfach akzeptieren, dass der Wolfgang Fellner einer der ganz wenigen Gründer in diesem Land ist.

Ein Gründer und Macher.

Genau: ein Gründer und Macher. Er hat Magazine gegründet, die heute höchst erfolgreich dastehen. Und er hat diese Zeitung gegründet, die ja bereits als Zeitung ein multiples komplexes Besonderes ist: eine Gratiszeitung, eine Bezahlzeitung, eine Zeitung am Samstag mit Magazin, und es ist am Sonntag etwas ganz Neues. Wir haben Beteiligungen an Radiostationen, mit oe24 ein riesen Internetportal mit 2,4 Millionen Uniques.

Mir brauchen Sie Ihr Produkt nicht zu verkaufen.

Ein bisschen Eigenwerbung sei erlaubt. Und wir haben – was man auch immer gerne vergisst – eine 18-Prozent-Finanzbeteiligung an der Verlagsgruppe News. Und an News-Networld halten wir auch 25 Prozent Finanzbeteiligung. Also: Hier wird gegründet, hier wird gemacht. Wir haben in der Media-Analyse hervorragende Zahlen. Wir haben das Glück des Tüchtigen. Sie können blättern – samstags und sonntags im Besonderen, aber auch während der Woche: Wir sind gut gebucht und gut belegt. Also für jemanden, der gerne versucht, sich beim Bewegen und Machen mit einzubringen, ist das ein schönes Terrain.

Sie geraten ja geradezu ins Schwärmen. Gehört aber zu Ihrem Bewegen und Machen nicht auch jene Verkaufsstrategie, dass nicht weit vom Inserat für ein bestimmtes Produkt auch gleich ein entsprechender redaktioneller Artikel platziert wird? Wo bleibt da die Trennung von Redaktion und Werbegeschäft?

Mein Eintritt in die Mediengruppe Österreich ist wohl der klarste Beweis für die Trennung Redaktion und Verlag.

Wer ist am österreichischen Medienmarkt Ihr größter Konkurrent?

Wir konkurrieren natürlich mit jedem Unternehmen, das im Werbegeschäft tätig ist. Das ist das eine. Und was das Inhaltliche betrifft, konkurrieren wir heutzutage am meisten mit der Zeit unserer Leserschaft.

Wie meinen Sie das?

Die Menschen sind heute in einem digitalen Hamsterrad, es ist alles fürchterlich schnell, und trotzdem hat der Tag, wie vor 5000 Jahren auch, nur 24 Stunden. Aber um darauf einzugehen, was Sie wirklich interessiert: Natürlich haben wir die Publikation „Heute“, die als reines Gratismedium diesen Betriebsweg erschlossen hat beziehungsweise mit uns gemeinsam weiter entwickelt hat. So gesehen würde ich sagen, wir haben ein Begleitmedium. Weshalb wir eigentlich gemeinsam darauf hinweisen sollten, wie toll das eigentlich ist. So etwas nennt man in der Absatzwirtschaft „Gattungsmarketing“. Es ist also beides: Wir stehen mit „Heute“ logischerweise in einer Konkurrenzbeziehung, andererseits haben beide Medien den Markt deutlich beflügelt. Und das ist die Good News. Wir haben „new – old –media“: Einerseits ist Zeitung alt, alle „labern“ vom Zeitungssterben, andererseits sind wir New Media, weil wir wachsen – und zwar sehr deutlich. Das gilt sowohl für „Heute“ als auch für uns. Wir wachsen also gemeinsam, was ich als Marktsignal für hervorragend halte. Ich persönlich überlege mir gerade, ob wir nicht im Sommer gemeinsam mit internationalen Beispielmedien à la „20 Minuten“ oder „Metro“ einen Media-Planungsdialog sowohl mit der werbetreibenden Industrie als auch mit den Agenturen organisieren. Mit dem Ziel, diese wahre Qualität neu schätzen zu lernen. Der Publisher und Managingdirektor von „Metro UK“verwendet dafür einen herrlichen Begriff: Er spricht von den 20 bis 30 Minuten Beziehung, die ich in der U-Bahn zu meinem Medium aufbaue. Ich glaube nämlich daran, dass es eine Beziehung gibt, und zwar eine sehr positive.

„Österreich“ ist aber zugleich eine Kaufzeitung, deren Verkaufspreis Sie nach Ihrem Einstieg bei den Fellners gleich mal auf 1 Euro erhöht haben. Ist der Preis nicht überhöht?

Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum wir günstiger als andere sein sollen. Wir haben uns damit deutlich selbstbewusst herausgestellt und sind damit auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Wir konkurrenzieren logischerweise mit allen Kaufzeitungen am Markt. Wobei es unsere Besonderheit ist, dass wir mit „Madonna“ am Samstag einen besonderen Platz besetzen, weil wir damit das einzige weibliche wöchentliche Frauenmagazin sind.

Welches Frauenbild vermittelt denn aus Ihrer Sicht „Madonna“?

Ein sehr modernes und progressives. In „Madonna“ wird die Frau so gezeichnet, wo sie heute steht: selbstbewusst, modern, glanz klar auf Augenhöhe mit dem Mann. Doch machen wir uns nichts vor, wir leben weiterhin in einer Welt mit einer gläsernen Decke, die spätestens im mittler
en Management beginnt. Und diese Decke gilt es gemeinsam zu durchdringen.

Dafür werden Sie sich persönlich starkmachen?

Ich habe bereits in meiner Funktion in der News-Gruppe einen permanenten Runden Tisch zu diesem Thema eingeführt. Damals hatten teilgenommen: Gitti Ederer, heute Siemens-Europavorstand, Doris Bures, Christine Marek, Elisabeth Gürtler und die Vorstandsvorsitzende der Centrobank. Selbstverständlich werden wir versuchen, das auch hier zu installieren. Wobei dies quasi ein Verstärker des Bestehenden wäre, das Uschi Fellner seit Jahren mit den Leading Ladies am Laufen hat.

Außer mit Wolfgang Fellners Ehefrau Uschi Fellner sitzt aber auch in der Österreich-Gruppe keine Frau on Top.

Wir brauchen uns nicht zu verstecken: Mit einer Conny Absenger im absoluten Führungskreis und den anderen Frauen in den Führungspositionen des Hauses ist ein ganz klares Signal gesetzt.

Was sind Ihre mittelfristigen Ziele?

Die Gruppe wird im Herbst fünf Jahre alt. Wir sind also am Punkt des Break-evens. Das heißt: Jetzt geht es darum, nachhaltig wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es geht also um die gute alte Tante Profitabilität. Und wir haben uns vorgenommen, in 24 Monaten von Juli an (unser Geschäftsjahr endet im Juni) eine zufriedenstellende, gesunde Profitabilität auszuweisen. Das ist das Ziel Nummer 1.

Heißt was in konkreten Zahlen?

Eine ordentliche Rendite. Darüber hinaus haben wir uns natürlich die Million-Reichweite in der Medien-Analyse vorgenommen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Das Werbegeschäft, so wie wir es heute haben, muss signifikant weiter wachsen – a) im bestehenden Blatt, b) im Sonntagsblatt. Der Sonntag ist für uns der Kerntag. Wir weisen in der aktuellen ÖAK 642.000 Exemplare aus. Wir drucken aktuell 750.000 …

„Österreich am Sonntag“ bringt doch nichts.

Da kommt mehr rein, als Sie glauben. Das ist gar nicht so widernatürlich.

Über Inserate?

Das ist natürlich der Hauptwerbetag. Darüber hinaus haben wir jetzt mit neuen Geschäftsmodellen begonnen. Mit Autoherstellern wie Toyota und Mazda setzen wir Automobile ab, mit einem sehr attraktiven Leasing-Modell für unsere Leser. Mit joe24 haben wir eine sehr eigenunternehmerisch funktionierende Reisegeschäftstätigkeit. Das sind neue Zusatzgeschäfte, welche wir in Zukunft brauchen werden, um auch ambitionierte redaktionelle Projekte zu starten.

Redaktionell ambitionierte Projekte, welche zum Beispiel?

Auch hier die gleiche Marschroute wie eingangs besprochen: Wir werden evaluieren, was redaktionell für den Leser und die Leserin interessant ist. Man muss dort gucken, wo sich Markt abzeichnet, wo ein gutes Anzeigengeschäft liegt, aber ebenso ein großes Interesse bei den Lesern und Leserinnen. Und das könnte alles sein, was mit Lebensgestaltung zu tun hat, mit Lebensqualität, besseres Leben, klügeres Leben, gescheiteres Leben. Mit einem Wort: Well-Being.

Was ist mit Digital, bleibt das gratis?

Generell wird die digitale Welt gratis bleiben. Es ist unsere Aufgabe, große Zielgruppen aufzubauen und mit den sozialen Netzwerken zu verzahnen. Da ist unser Nachdenk- bzw. Suchprozess noch nicht abgeschlossen. Natürlich wollen wir clevere Payment-Features anbieten. Das hehre Ziel der nächsten Jahre ist jedenfalls der Ausbau zu einer starken, in verschiedenen Mediengattungen agierenden Mediengruppe. Aber immer um den Kern der Tageszeitung „Österreich“ herum.

Elisabeth Horvath ist freie Journalistin in Wien.

elihorvath@aon.at

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 64 bis 67 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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