ARCHIV » 2011 » Ausgabe 04+05/2011 »

Praxis

Zwei Hofnarren im ORF

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Christoph Grissemann und Dirk Stermann teilen auf der Bühne, im TV und Radio nach allen Seiten aus. Sie ernten Verehrung.

Gesangseinlage. Am 14. Mai wird der 56. Eurovision Song Contest in ORF 1 übertragen, diesmal mit österreichischer Beteiligung. „28.5.2005. Liebes Tagebuch, das Langweiligste, was es für mich gibt, ist es – so rund um den Songcontest herum –, gefragt zu werden: ‚Warum moderiert ihr den Songcontest nicht mehr?‘ Um nicht selber bei der Antwort einzuschlafen, variieren wir inzwischen, wenn wir höflich antworten. Zum Beispiel: Wir moderieren den Songcontest nicht mehr aus Gründen größter Ekstase. Aus Wut. Aus Angst. Aus Berechnung. Aus Lust moderieren wir’s nicht mehr. Aus falsch verstandener Eitelkeit. Aus Liebe … Ach, es gibt so viele Gründe, den Songcontest nicht mehr zu moderieren. Da ist für jeden was dabei.“ Aus „Speichelfäden in der Buttermilch“ (Verlag Tropen, 2011), eine Textsammlung aus 20 Jahren Radio von und mit Christoph Grissemann und Dirk Stermann. Am 12. Mai tritt Nadine Beiler für Österreich zum Halbfinale in Düsseldorf an, Kunstfigur Richard Klein (alias Kabarettist Herbert Knötzl), protegiert von Stermann und Grissemann, konnte sich mit dem Lied „Bigger, Better, Best“ nicht durchsetzen. Höchste Zeit, das Kabarettisten-Duo aus der FM4-Satiresendung „Salon Helga“ und der Late-Night-TV-Show „Willkommen Österreich“ (seit 2007 in ORF 1) wieder ernsthaft zu langweilen. Eine Stunde nach dem Interview müssen die beiden erneut im Kabarettprogramm „Die Deutsche Kochschau 3.0“ auf der Stadtsaal-Bühne in Wien stehen. Stermann gähnt noch nicht: „Wir haben den Songcontest moderiert, weil es eine Idee des ehemaligen Chefs von FM4 war. Wir haben das siebenmal gemacht, bis wir Songcontest-Beamte waren, und wollten dann aufhören. Von anderer Seite wurde uns angetragen, ob man nicht zum Schluss selber antritt. Deswegen haben wir 2002 das ‚Schönste Ding der Welt‘ gesungen. Grissemann war dagegen, ich war dafür. Wir sind es nicht geworden, und dann war Schluss.“ Grissemann: „Wir hätten gewonnen, das war ja eine Schiebung!“ Stermann: „Glauben wir zumindest.“ Grissemann: „Nein, eine klare Schiebung. Bei Richard Klein muss man leider sagen, es war letztendlich auch nicht komisch genug.“ Stermann: „Es ist gut für uns, dass er es nicht geworden ist, weil sonst hätten wir es noch einmal kommentieren müssen, wie wir es angekündigt haben. So müssen wir es nicht machen.“

Liveauftritt des Duos

Heitere Szenen auf der Bühne, plötzlich Streit und Gebrüll zwischen Stermann und Grissemann. Beklemmung bei den Gästen, bis eine weibliche Off-Stimme das Gezänke als Teil der Show outet. Zankend sind sie unangenehm – die sollen sich lieb haben. Stermann: „Wir sehen uns fast täglich.“ Grissemann: „Wir haben gerade besprochen, weil wir schon so alt sind, dass uns vielleicht das Muckenstruntz-Schicksal irgendwann einholt. Unser Tod wird ein ähnlicher sein, und wir werden in irgendwelchen Landgasthöfen kurz vor dem Auftritt im Zimmer sterben.“ Stermann: „Er ist in St. Peter in Graz verstorben, das wäre der klassische Tod. Das ist, was uns erwartet.“ Der Komiker Peter Traxler alias Muckenstruntz wurde am 25. Februar tot in einem Hotelzimmer in Graz aufgefunden, zurück blieb „Bamschabl“ (Wolfgang Katzer). Stermann und Grissemann sind seit 1988 beim ORF, haben einander bei der Radiojugendsendung „Zickzack“ kennengelernt. Stermann ist „Der Deutsche“ und „Der Dicke“, Jahrgang 1965, geboren in Duisburg. Seit 24 Jahren Gastarbeiter in Wien (Buch „Sechs Österreicher unter den ersten fünf: Roman einer Entpiefkenisierung“, Ullstein, 2010). Christoph Grissemann ist „Der Kleine“, Jahrgang 1966, geboren in Innsbruck, Sohn des ehemaligen Hörfunkintendanten Ernst Grissemann und Bruder von „Profil“-Redakteur Stefan Grissemann. Im Internet werden die beiden auf www.stermann-grissemann.at präsentiert, haben auf Facebook 61.473 Verehrer. Dass Komödianten nach allen Seiten austeilen dürfen und selten gefährdet sind, davon ist das Duo überzeugt. Grissemann: „Ich glaube nicht, dass es eine reale Bedrohung gibt, dazu ist das Genre der Komik zu harmlos. Es ist in der Geschichte des politischen Attentats noch nie ein Komiker erschossen worden. Obwohl ein Komiker damals Abraham Lincoln erschossen hat – also umgekehrt geht das.“ Stermann: „Dass die Irren eher auf der Komikerseite sind, das stimmt schon. Ich glaube, in Phasen, wo wir schlimme Dinge gegen Jörg Haider gesagt haben, ist auch bei unseren Auftritten – obwohl wir damals Saalschutz hatten – kein Einziger auf die Idee gekommen, uns hinterrücks zu ermorden. Die einzigen Neonazis, die bei uns im Programm waren, waren dann die Bodyguards, die auf uns aufpassen sollten.“ Bedrohlich kann jedoch Grissemann wirken, der einen Zuschauer in „Willkommen Österreich“ mit „Halt’s Maul“ beschimpft. „Das war, weil er so laut gelacht hat. Das bin ich nicht gewohnt, das bringt mich aus dem Konzept. Das hier ist auch ein gutes Forum, um mich bei diesem Zuschauer, den ich vielleicht beflegelt habe, zu entschuldigen. Auf der anderen Seite lebt die Sendung auch davon, dass sie mit den üblichen Strukturen bricht. Schleimigkeit wird man bei uns nicht vorfinden.“ Doch Stermann und Grissemann sind mehr als freundlich zu ihren „Willkommen Österreich“-Gästen. Grissemann: „Das hat den Hintergrund, dass sich die Gäste wohlfühlen in der Sendung. Damit auch die größte Null, die bei uns sitzt, glaubt, wer zu sein. Das ist flächendeckend, ich sag das über alle. Jeder ist gleich fantastisch. Dahinter könnte man schon eine leise Ironie entdecken, dass ich das nicht wirklich finde.“ Fünf Autoren basteln an den Witzen, rund acht werden ausgesucht. ORF- und Kabarettisten-Kollegen müssen ebenso büßen wie Politiker und Sternchen. Grissemann: „Geschossen wird in alle Richtungen. Es kann nicht sein, dass man immer nur über die öden Straches und Haiders Witze macht.“ Das interne ORF-Mail-Kabarett zwischen Generaldirektor Alexander Wrabetz und Programmchef Wolfgang Lorenz bedurfte keiner Gagschreiber. Stichwort: „Anbrunzen“. Grissemann: „Das hat mich auch gewundert, dass Wrabetz diese Wortwahl benutzt, das bin ich von ihm gar nicht gewohnt.“ Stermann: „Das ist ja auch nichts Neues im ORF, der alte Ö1-Chef (Anm. Alfred Treiber) hat genauso gesprochen und auch Oberhauser spricht so. Das ist eher die Sprache ab einem bestimmten Gehaltsschema. Mich stört das nicht, ich finde das amüsant.“ Derartige Mails aus der Chefetage bekommen die Kabarettisten nicht: „Wir sind ja Hofnarren. Dem geistig Behinderten kann man ja seinen Sprechdurchfall nicht vorwerfen. Wir können sowohl mit Lorenz als auch Wrabetz. Der Lorenz ist für uns historisch gesehen die wichtigste Fernsehbezugsperson, weil er ungefähr versteht, was wir machen.“ Dass Stermann und Grissemann überhaupt noch Zeit und Lust haben fernzusehen, erstaunt. Grissemann nutzt den Röhrenfernseher seiner Oma, sagt er. Stermann hat schon Plasma: „Unser alter Fernseher war kaputt und ich war mit meiner Tochter einen neuen kaufen. Ich sagte ‚Komm mal her, schau mal, wie dünn die sind!‘. Da hat sie gesagt, dass ist der peinlichste Satz, den ich sagen kann, weil es seit zehn Jahren Flatscreens gibt.“ Grissemann: „Ich halte sehr viel im Fernsehen aus und schaue mir das noch viel trashigere Nachmittagsprogramm im deutschen Fernsehen an. Etwa ‚Lenßen & Partner‘, aber auch Barbara Salesch kann ich mir ansehen. Roger Willemsen hat das hervorragend als Konträr-Faszination beschrieben. Man schaut da magisch hin. Das ist schon vergleichbar wie bei einem Verkehrsunfall oder wenn jemand in der U-Bahn verprügelt wird. Man schaut hin, aber greift ni
cht ein.“ Stermann: „Wenn man etwa das Land Italien anschaut, wo die Fernsehlandschaft noch radikaler ist, glaube ich, da sind die Leute meschugge geworden. Man kann sagen, dass Italien eine völlig infantile, halb grenzdebile Society geworden ist. Es gibt nur noch ein paar Leute, die dagegen sind. Deswegen kann sich Berlusconi über so viele Jahre halten, weil Leute durch das Fernsehen geisteskrank geworden sind. Die dümmsten Menschen der Welt sind inzwischen Italiener.“ Stermann gedenkt nicht, etwa als Protagonist ins „Dschungelcamp“ einzuziehen. „Wir haben wenig Probleme damit, uns gegen Geld zu vernutten. Wir sind ja auch Werbesprecher und haben da wenig Berührungsängste. Ich verstehe aber ‚Wir sind Helden‘, dass sie nicht bei der riesigen personifizierten Kampagne der ‚Bild‘ mitmachen wollen. Das ist das Allerperfideste, dass dann Promis so pseudokritisch auf riesigen Plakatwänden in der ganzen Republik über die ‚Bild‘ reden. Das würde ich auch nicht machen. Auch das ‚Dschungelcamp‘ nicht.“ Grissemann: „Ich würde es schon moderieren. Ich finde das sehr sadistisch und gemein, eigentlich finde ich das ja gut. Unter gewissen Umständen könnte ich mir sogar vorstellen teilzunehmen.“ Bedingung: „Wenn ich dort 50.000 Euro kriege. Gesetzt den Fall, ich bin ein völlig heruntergekommener Komiker, der verschuldet ist, dann würde ich das wohl machen.“ Stermann: „Das hätte Muckenstruntz nicht gemacht, er war bis zum Schluss politisch extrem korrekt. Er hätte nicht alles für Geld gemacht, hieß es immer.“ Grissemann: „Aber das ist ja was anderes, als für die ‚Bild‘ Werbung zu machen.“ Stermann: „Im ‚Dschungelcamp‘ bist du derartig im RTL-Imperium, das ist das Gleiche wie die, Bild-Zeitung‘.“ Grissemann: „Uns wurde auch ‚Dancing Stars‘ angetragen, aber da haben wir natürlich abgelehnt. Aus dem einfachen Grund, weil ich nicht gut tanzen kann. Und ich fühle mich in diesem halbprominenten Umfeld auch nicht wohl.“ Stermann und Grissemann sind kaum mit Aussagen zu aktuellen Geschehnissen in diversen Printmedien zu finden. Grissemann: „Ich sage gar nichts. Man wird nicht in ‚News‘ lesen können, wie ich die innenpolitischen Umstände beurteile.“ Stermann machte kürzlich eine Ausnahme: „Ich hebe immer ab, wenn ich das Gefühl habe, die Nummer zu kennen. Ich habe in der Zeitung ‚Österreich‘ etwas Harmloses über Ruby gesagt. Und dann ist dieser Part in ‚Il Secolo‘, einer italienischen Tageszeitung, erschienen. Da stand, dass sich ein Komiker über Ruby lustig macht. Ich habe nur gesagt, Herr Lugner hat ja ein Kaufhaus und er muss aufpassen, weil sie ja beim Diebstahl erwischt wurde, und dass er ihr ständig auf die Finger gucken soll. Das klingt ja auf Italienisch viel besser als in Deutsch. Jetzt bin ich endlich in Italien in der Zeitung gestanden, jetzt bin ich glücklich.“

Live zu sehen sind sie zum Beispiel am 4. Mai, 19.30, „Die Ente bleibt draußen – Stermann und Grissemann lesen Loriot“, Theater Akzent, Wien, und am 11. Mai, 20.00, „Die Deutsche Kochschau 3.0 – Jetzt mit frischen Zutaten“, Schutzhaus zur Zukunft, Wien.

Sophia-T. Fielhauer-Resei ist freie Journalistin in Wien.

sophia.fielhauer@chello.at

Erschienen in Ausgabe 04-05/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 112 bis 115 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;