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Editorial

Aufgaben für den Sommer

„News“ auf Schlingerkurs und ein böser Witz beim „Kurier“.

Plötzlich war er weg. Nach nur drei Monaten trennte sich Mehrheitseigentümer Gruner + Jahr von „News“-Geschäftsführer Matthias Schönwandt. Über den Grund für die Ablöse wird heftig spekuliert. Zur Stärkung der gegenseitigen Freundschaft dürfte er – für österreichische Verhältnisse – Kleinigkeiten (iPads) an Anzeigenkunden verschenkt haben und da sind die deutschen Konzerne – nach dem Siemensskandal – scharf. Also ist Finanz-Geschäftsführer Johannes Werle, der den Verlag schon nach dem Abgang von Oliver Voigt bis zum Kommen von Schönwandt für eineinhalb Monate führte, wieder am Ruder – „interimistisch“, wie alle betonen und dennoch vermitteln, dass Werle gute Chancen auf die Schönwandt-Nachfolge hat.

Auch in seiner Positionierung ist „News“ auf Schlingerkurs. Nach dem Ausstieg des Gründers Wolfgang Fellner pendelten die Schwerpunkte des Magazins immer wieder zwischen den vermeintlichen Antipoden Politik auf der einen Seite und Society und Lifestyle auf der anderen. Seit einem Jahr wandert das Heft unter Chefredakteur Peter Pelinka in die Politikrichtung. „Wir werden deutlich mehr zitiert. Also halten zumindest unsere Kollegen unsere Storys für richtig und wichtig und nicht, wie sich das eine Zeit lang entwickelt hatte, per se als unverlässlich, weil sie in, News‘ stehen“, freut sich Pelinka über die zurückgewonnene Seriosität (Seite 40). Allein mit Politik kann „News“ aber offenbar keine Leser gewinnen. Die MA-Reichweite sank von 12,8 Prozent 2008 auf 10,3 Prozent 2010. Vom Zitiertwerden könne ein Magazin auf Dauer nicht leben, erklärt Werle (Seite 36). „News“ habe an Relevanz gewonnen, aber an Unterhaltungswert verloren. Dies will der Interimsgeschäftsführer gemeinsam mit Chefredakteur Pelinka ändern. Im September soll es ein neues „News“ geben. Es soll entrümpelt werden, lichter, luftiger und mehr Unterhaltungswert bekommen. Das wird für die gesamte Mannschaft kein ruhiger, entspannter Sommer.

Brandstätter nicht angekommen.

Im „Kurier“ geht folgender Witz um: „Hast du unseren Chefredakteur gesehen?“ – „Ja, gestern bei Servus TV.“ Spricht man mit Insidern, entpuppt sich der Witz als Galgenhumor. „Im Haus besteht bei vielen der Eindruck, dass Helmut Brandstätter noch nach einem Jahr nicht in der Rolle als Chefredakteur angekommen ist“, beschreibt ein „Kurier“-Mitarbeiter, der natürlich nicht genannt werden will, die Lage. Brandstätter mache sehr viel nebenbei und er übernehme mehr die Funktion eines Herausgebers, den der „Kurier“ gar nicht hat. Auch in der Zeit des Personalabbaus sei Brandstätter zu wenig präsent gewesen und habe zu wenig für die Redaktion gekämpft.

Da trifft ein selbstbewusster Chefredakteur auf eine selbstbewusste Redaktion (der „Kurier“ besitzt ein sehr starkes Redaktionsstatut). Brandstätter wird dem beinahe schon Flehen der Redaktion nach mehr Präsenz schnell nachkommen müssen, sehen sich doch schon einige nach Aufgaben außerhalb des „Kuriers“ um. Dabei hat Brandstätter im vergangenen Jahr schon vieles geschafft. Das Blatt ist aktueller als früher. Unter anderem sind die „Wirtschaft von innen“ und ein eigenes Ressort für Investigation dazugekommen. Auch online steht der „Kurier“ gut da.

Schöne Erfolge. Eine Innovation jedoch benötigt dringend Nachbesserung. Die Oberösterreichbeilage des „Sonntagkuriers“ kommt daher wie ein schlecht gemachtes Anzeigenblatt. Aus der Wiener Redaktion des „Kuriers“ hört man, die Linzer Seiten würden von einem „Doppelpepi“ geleitet – dies bezieht sich auf die Nähe von Chefredakteur Josef Ertl und Landeshauptmann Josef Pühringer. Und tatsächlich: Der eine Pepi beschreibt die höchst umstrittene Spitalsreform (beispielsweise revoltieren die Schwarzen im Innviertel gegen den schwarzen Landeshauptmann) als großen Wurf und gratuliert dem anderen Pepi im Kommentar. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich dann ein Inserat des anderen Pepi. Gespräche zwischen Wiener und Linzer Redaktion seien deswegen schon im Gang. Auch Ertl sei halt am Weg von einer Gratiswochenzeitung noch nicht ganz im „Kurier“ angekommen.

Auch im „Kurier“ wartet also viel Arbeit während der Sommermonate. Allen, die die Chance haben, die Redaktionen zu verlassen und sei es auch nur kurz, wünsche ich einen erholsamen Sommer – auch mit der Lektüre des diesmal besonders dicken „Journalisten“.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2011 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 3 bis 7. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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